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„ ...und wie verzeiht man?“

Gespräche mit meinem damals sechsjährigen Sohn
Ich komme nach einem anstrengenden und unerquicklichen Arbeitstag nach Hause. Mein Sohn hat, wie mir später seine Mutter erzählt, schon ganz ungeduldig auf mich gewartet, da er mit einer Freundin aus dem Kindergarten in unserem Bücherzimmer mit Decken, Schachteln und Stühlen eine Höhle gebaut hat, die er mir dringend zeigen möchte. Er saust sofort in den Keller, als er die Tür zur Garage hört und will, dass ich sofort mitkomme. Da ich immer erst Jacke und Schuhe ausziehe, meine Tasche aufräume und mir die Hände wasche, dauert es ein wenig, bis ich mitkommen kann. Mein Sohn hopst herum und drängelt und fragt ständig, wann ich endlich fertig sei, was mich ziemlich nervt und meine angefressene Laune noch verstärkt.




Schließlich führt er mich ins Bücherzimmer und zeigt mir stolz, was er und seine Freundin gebaut haben: Sie haben den Couchtisch an die Regale gestellt, die Kinderstühle in den Raum hinaufgetragen, verschiedene Gegenstände auf dem Tischchen platziert, die Stehlampe dazugestellt, die Tischfiguren untersucht, wie er sich ausdrückt, und mit einem kleinen Messer an der Patina der griechischen Tänzerin herumgekratzt. Aber statt mich darüber zu freuen und ihn zu loben, rege ich mich ziemlich auf und schimpfe ihn heftig. Auch meine Frau frage ich entrüstet, wie sie dazu käme, die Kinder im Bücherzimmer spielen zu lassen. Unser Sohn habe schließlich ein Zimmer, in dem er spielen könne. Meine Frau ist maßlos enttäuscht von meiner Reaktion und erwähnt vorwurfsvoll, wie konzentriert und ruhig die beiden den ganzen Nachmittag gespielt hätten und dass sich unser Sohn schon ganz ungeduldig und stolz auf mich gefreut habe, um mir endlich zeigen zu können, was er Tolles gemacht habe. Aber statt zu loben, schimpfe ich. Einfach unvorstellbar. Daraufhin zieht sich mein Sohn wortlos in sein Zimmer zurück. Ich gehe ins Wohnzimmer und sitze nach diesem Zwischenfall allein da und höre ihn herzzerreißend weinen. Das gibt mir den Rest und macht mich auch sehr traurig. Ich überlege, warum ich so reagiert habe. Ich hatte mich nach diesem anstrengenden und unerfreulichen Tag im Verlag darauf gefreut, mich ins Bücherzimmer zurückziehen und lesen zu können. Es macht mir nicht so viel aus, dass mein Sohn an der Figur herumgekratzt hat, es war eher das Gefühl, dass mir der Raum für meinen Rückzug genommen wurde. Nicht einmal mehr diesen Raum habe ich, ging es mir durch den Kopf. Eigentlich blödsinnig, aber das ist mein Gefühl.

Da für meinen Sohn Schlafenszeit ist, geht er ins Bad, wo er immer noch weint. Ich gebe mir einen Ruck und gehe zu ihm ins Badezimmer, setze mich auf seinen kleinen Stuhl und nehme ihn in den Arm, was er, ohne mich abzuwehren, geschehen lässt.

„Es tut mir sehr leid, dass ich so geschimpft habe. Ich bitte Dich um Verzeihung“, sage ich.

Mein Sohn erwidert leise: „Danke“, was mich sehr verunsichert.

„Ich werde die Sachen so stehen lassen, wie Ihr sie hingeräumt habt“, fahre ich nach einer kurzen Pause fort.

Aber von ihm kommt erneut nur: „Danke.“

Dann bringt ihn seine Mutter, die auch ganz traurig ist und mit mir nicht mehr viel redet, ins Bett.

Ich setze mich anschließend wieder ins Wohnzimmer, unfähig, etwas zu lesen, antriebslos und einfach niedergeschlagen. Welch ein beschissener Tag, geht es mir ständig durch den Kopf. Da sitze ich nun und weiß nicht, wie ich das wieder gutmachen kann. In dieser Nacht brauche ich lang, bis ich endlich einschlafen kann.

Am nächsten Morgen – meine Frau ist schon aufgestanden und bereits auf dem Weg in die Arbeit – kommt mein Sohn ins Schlafzimmer, steigt zu mir ins Bett, kuschelt sich an mich, als habe es am Abend vorher keine Auseinandersetzung gegeben, als sei nichts geschehen.

„Es tut mir sehr leid, dass ich mich gestern so unmöglich benommen habe“, wiederhole ich mich.

Er sieht mich verchmitzt an, dann dreht er sich etwas von mir weg und sagt ganz ernst: „Du hast geschimpft, weil Du Dich geärgert hast. Und dann warst Du ganz traurig.“

„Es war nicht gut, dass ich geschimpft habe. Und weil es mir leid getan hat, habe ich Dich gefragt, ob Du mir verzeihst.“

Nach einer kleinen Pause fragt mein Sohn: „Und wie verzeiht man?“

„Verzeihen ist das, was Du gerade machst. Du kommst zu mir ins Bett und redest mit mir, ohne dass Du mir noch böse bist, dass ich gestern so geschimpft habe.“

Da kriecht er unter die Decke und kitzelt mich an den Fußsohlen.


Josch 03.08.2016, 11.32

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Kommentare zu diesem Beitrag

1. von gerda.f

Man wird in der heutigen Zeit so gefordert,das man so reagiert wie du es getan hast.Wichtig ist das man erkennt,hier hab ich mich nicht richtig verhalten.
Deine Entschuldigung kam bei deinem Sohn gut an und es wird dir bestimmt nicht wieder passieren.

vom 03.08.2016, 23.15
Antwort von Josch:

Entscheidend war für mich ja, dass er mir verziehen hat. Und mein Sohn hat mir dabei demonstriert, wie es sein sollte: ohne Ressentiments und ohne nachtragend zu sein, ohne sich noch groß darüber auszulassen, es einfach lassen, loslassen. Ganz anders, wie wir Erwachsene es oft machen...
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