Einfach zum Nachdenken

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Das Fremde an dir

Dem andern zeigen, wie man ist

„Je öfter dass man was sieht, desto besser versteht man es! – Das ist nicht wahr! Wir zwei habn uns schon so oft gsehn und verstehn uns alle Tage weniger“, so Karl Valentin. Eine schmerzhafte Wahrheit, die der große Komiker wie häufig prägnant in Worte fasste. Je öfter man sich begegnet, desto besser lernt man einander kennen, vorausgesetzt,  man öffnet sich und lässt den anderen an seinem Leben teilhaben. Je mehr man vom anderen weiß, je mehr sich einem sein Denken erschließt, desto größer die Gefahr, dass seine Eigenheiten, Vorlieben, Schrullen, Ecken und Kanten nicht nur zum Vorschein kommen, sondern dass sie einem unangenehm sind, dass man sie einem zutiefst zuwider sind und man den anderen deswegen ablehnt. Sich ehrlich zu begegnen birgt also durchaus die Gefahr, dass man sich immer weniger versteht.



Schleichende Veränderungen

Nun ist es natürlich nicht egal, auf welcher Ebene bzw. in welcher Weise man sich begegnet, ob am Arbeitsplatz, in der Schule, im Freundeskreis, in der Freizeit, im Urlaub oder in der Partnerschaft. Man mag einwenden, dass man doch diese Ebenen nicht durcheinanderwerfen darf. Selbstverständlich haben Begegnungen auf einer zwei- oder dreiwöchigen Urlaubsreise einen anderen Stellenwert als die tägliche Begegnung am Arbeitsplatz, ganz zu schweigen von der täglichen Begegnung in einer Partnerschaft. Und dennoch weisen die unterschiedlichen Begegnungen strukturelle Gemeinsamkeiten auf: Wenn man miteinander befreundet ist, sieht man sich vielleicht täglich oder einmal wöchentlich, und das über Jahre hinweg. Je öfter man sich sieht, beispielsweise in der Partnerschaft, desto weniger fallen einem oft die schleichenden Veränderungen auf. Und mit der Zeit stellt man dann vielleicht fest, dass es nicht mehr der Mensch ist, den man vor langer Zeit einmal kennengelernt hat. Und dabei meine ich nicht die altersbedingten Äußerlichkeiten, sondern die Überzeugungen und Werte, für die man eintritt, die einem wichtig sind.


„Du hast dich überhaupt nicht verändert“

Wenn man also am anderen feststellt, wie sehr er sich verändert hat und dass er nicht mehr der Mensch ist, den man einmal geschätzt hat, dann sollte man sich ehrlicher- und konsequenterweise auch selbst mit einbeziehen. Denn normalerweise hat man sich im Laufe der Zeit ja auch verändert. Und schließlich ist Veränderung Leben, zumindest gehört Veränderung zum Leben, wie ich meine. Einen Kontrast dazu stellt Bertolt Brechts kurzer Keuner-Dialog dar: „Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: 'Sie haben sich gar nicht verändert.' 'Oh!', sagte Herr K. und erbleichte.“ Herr K. (Keuner) erbleichte aber nicht deswegen, weil er sich äußerlich nicht verändert hatte, sondern weil er offenbar immer noch so war wie früher, dass er sich also nicht weiterentwickelt hat. „Keine Experimente!“, war das Motto Konrad Adenauers, was in der Konsequenz Stillstand ist.


Je öfter man einander sieht, desto weniger versteht man sich

Wir erleben solche Situationen gelegentlich bei Klassentreffen. Da kommen Menschen zusammen, die vor vielen Jahren miteinander die Schulbank gedrückt haben und nun so tun, als seien die anderen immer noch die Schüler von damals. Manche regredieren sogar für die Dauer des Treffens in ihre Jugendzeit und spielen wieder die gleiche soziale Rolle wie damals. Aber das hat nichts mit der Lebenswirklichkeit zu tun. Oft wünscht man sich sogar, dass der andere noch so sein möge, wie er einmal war. Dabei würde man sich ganz schön bedanken, wenn man selbst so behandelt würde, wenn die eigene Entwicklung und Reifung nicht zur Kenntnis genommen würde. Je öfter man einander sieht, desto weniger versteht man sich. Vielleicht liegt es ja auch daran, dass man die Entwicklung nicht miteinander gemacht hat, dass man sich eben nicht ausgetauscht hat und den anderen an den eigenen Gedanken und Träumen, Fantasien und Sehnsüchten nicht teilnehmen ließ. Dann sieht man sich zwar häufig, aber nimmt immer nur die Oberfläche wahr. Die großen Veränderungen im Leben kommen in den allerseltensten Fällen von jetzt auf dann. Sie wachsen langsam heran wie ein kleines Pflänzchen, das im Laufe der Zeit zu einem mächtigen Baum geworden ist. Und genau darum geht es: den anderen an dem allmählichen, steten kleinen Veränderungsprozess teilnehmen zu lassen. Dann ist man sogar Teil dieses Veränderungsprozesses und kann vielleicht so manch drohende Fehlentwicklung beeinflussen, verhindern oder zum Besseren wenden.


Und die Moral von der Geschicht?

Es stimmt: Vielfach ist es so, wie Karl Valentin sagt: „Je öfter man einander sieht, desto weniger versteht man sich.“ Das ist leider die Konsequenz, wenn man Auseinandersetzungen aus dem Weg und den bequemen Weg geht, wenn man einander nicht wehtun will. Aber das geht meines Erachtens immer schief. Nur wenn man sich konsequent, wahrhaftig und ehrlich mit all seinen Gedanken, Träumen und Fantasien, den Wünschen und Sehnsüchten austauscht und dies vom andern auch aushält, kann man nicht voneinander sagen, man würde sich immer weniger verstehen, ganz im Gegenteil …

Abbildung: © Pexels.com; Karl Valentin: © Marixverlag, Wiesbaden; B.Brecht: ©Suhrkamp Verlag, Berlin

Josch 27.05.2019, 15.33

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