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Déjà-vu in Estaing. Fortsetzungsroman 11

Kapitel 11

An den Wänden in der Galerie hängt eine Serie gerahmter, mit Kohle grob hingeworfener Skizzen nebeneinander, die auf mich wie die überdimensionierten Figuren eines Zeichentrickfilms wirken. Hagen Wandel bezeichnete die Blätter mit krakelig kleiner Schrift „Colombina Leidensfrau 1, 2, 3“ und so fort, jeweils kaum zu sehen in der rechten unteren Ecke der Bilder. Am Ende des großzügigen Laufgangs hängt das gut einen Meter hohe Ölbild der Colombina, jener Figur aus der Commedia dell'Arte.



Das Bild ist von einer unfassbaren Ausdrucksstärke. Ich stehe mit offenem Mund vor dem Gemälde und sauge seine Details in mich auf. Das Gesicht, schmerzverzerrt, die Wangenknochen hart konturiert, die Augen weit geöffnet, lange blonde Haare, zerzaust und wirr, verdecken fast die gesamte linke Hälfte des Gesichts, ein dünner Streifen Blut läuft von der Stirn über die rechte Wange herab. Im Hintergrund, schemenhaft verschwommen, eine männliche Figur im Tarndrillich. Hinter der fassader betonten Verletzung im Gesicht kommt das wunderschöne Antlitz einer jungen Frau zum Vorschein, das unverkennbar Magdalenas Züge trägt. Das ramponierte Brokatkleid mit dem tiefen Ausschnitt betont den wohlgeformten Busen der leidenden Colombina. Dieser untere Teil des Bildes bildet einen auffälligen Kontrast zum misshandelten Antlitz. Die geschundene Colombina, in der Commedia dell'Arte die lebenslustige, selbstsichere Figur  bäuerlicher Herkunft, scheint bei Hagen eine Parabel für die unterdrückte, die verletzte Frau zu sein. Eine atemberaubende Sicht dieser komödiantisch-heiteren, ja einfältigen Figur. Nur mühsam kann ich mich dem Bild entziehen und zum Esszimmer hinuntergehen, wo Magdalena bereits mit dem Frühstück auf mich wartet.

Mit freundlich gemurmeltem Gruß und flüchtig hingeworfenem Bisou setze ich mich, nehme wortlos eine Tasse Tee und frage beiläufig, warum sich Hagen so stark mit der Colombina auseinandergesetzt und was das mit ihr, mit Magdalena, zu tun habe. Sie sieht mich an, als habe ich etwas Ungebührliches gesagt, als berühre ich mit dieser Frage ein Tabu. Sie dreht sich ein wenig von mir weg, zieht hörbar die Luft ein, dann schaut sie mich mit ernster Miene an, nickt bedächtig mit dem Kopf, steht auf, verlässt wortlos das Zimmer und kommt kurz darauf mit einer großen Mappe zurück, die mit breiten Bändern verschnürt ist. Magdalena schlägt die Mappe auf und zieht verschiedene Skizzen heraus, um dann ganz gezielt unter den vielen „Comedia dell'arte“-Figuren eine hervorzuholen und sie auf den großen Tisch neben das angerichtete Frühstücksbüfett zu legen. Die Skizze zeigt eine Frau mit einer klaffenden Wunde in der Brust, stark blutend, verletzt mit einem stilisierten Beil. Magdalenas Blick verweilt sehr lang auf der detailliert ausgearbeiteten Zeichnung, dann sagt sie: „Die Serie und das Ölbild am Ende des Laufgangs waren Hagens Botschaft, die ihn sein ganzes Leben lang umtrieb. Seine Leidenschaft, sein ganzes künstlerisches Schaffen und Interesse hatte er dem Schmerz gewidmet, der Frauen zugefügt wird. Schon kurz nachdem wir uns kennengelernt hatten, fragte er mich, ob ich ihm nicht Model stehen möchte. Ihm schwebte ein ganzer Zyklus von Bildern vor. Das Motiv der Leidensfrau ist seine ganz persönliche Sicht auf die Geschichte seiner Familie, eigentlich die Geschichte seiner Mutter, verdichtet und verwoben wiederum mit mir.“

„Und was hat deine Geschichte mit der seiner Mutter zu tun?“

„Seine Mutter wurde am Ende des Ersten Weltkriegs von Soldaten vergewaltigt und schwer misshandelt. Deswegen sprach er immer vom anderen Krieg. Er meinte damit den Krieg hinter dem Krieg. Den Krieg, den vor allem junge Frauen erleiden mussten. Er hat dabei oft 'Junge Frau von 1914' als Beispiel genannt, wenn er von der schweren Misshandlung seiner Mutter sprach. Für ihn war Arnold Zweigs Roman ein klassischer Beleg dafür, dass es die jungen Frauen waren, die die Gesellschaft während des Krieges und auch noch danach zusammenhielten. Sie waren es, die all das Leid, das die Männer anrichteten, ausbaden mussten. Ja, nicht nur das. Sie wurden erniedrigt und viele auch noch vergewaltigt. Die Männer, die den Krieg überlebt hatten, waren nicht in der Lage, ihre Frauen zu schützen, wie Hagen immer sagte. Man sprach den Frauen ihre Rechte ab, behandelte sie wie Menschen zweiter Klasse. In Zweigs Buch geht es zwar nicht um Vergewaltigung und Misshandlung, aber es beschreibt die Umwandlung aller bis dahin gültigen Werte. Und das war auch die Botschaft Hagens.“

Magdalena ist, während sie so redet, ganz traurig geworden. Ich stehe auf, gehe um den Tisch herum, setze mich neben sie und lege ihr meinen Arm um die Schultern. Ich spüre, wie ein Zittern durch ihren Körper geht, ein sanftes Beben, das in ein stummes Weinen übergeht. Unbeholfen, sprachlos wie ein Pennäler, suche ich nach einem Taschentuch, sitze da und weiß nicht, was ich sagen, was ich tun soll.

Es ist Magdalena, die mir meine Unsicherheit nimmt: „Sei vorsichtig, dass du nicht von einer alten Frau ins Bett gezerrt wirst“, sagt sie lächelnd und wischt sich verschämt die Tränen weg.

Da muss ich lachen. Ihre dunkle, raue Stimme, die weichen, geschmeidigen Bewegungen und ihre schlanke Figur wirken immer noch sehr anziehend auf mich. Es ist ihre Aura, glaube ich, der ich mich nicht entziehen kann.

„Und welchen Part spielst du in der Geschichte Hagens?“, will ich wissen.

„Als ich ihn kennenlernte, war ich 19 Jahre alt. Ich war von zu Hause geflohen, aus einem Haus, in dem die Gewalt regierte. Von meinem älteren Bruder über Jahre hinweg misshandelt und missbraucht, schrie alles in mir nach Befreiung. Mein Vater ist gestorben, als ich 13 war. Mit meiner Mutter konnte ich über die Verletzungen, die mir mein Bruder zufügte, nicht sprechen. Sie hätte ja selbst so dringend Hilfe gebraucht, war überfordert, war tablettensüchtig und konnte sich der Auseinandersetzung mit ihrem über alles geliebten Sohn nicht stellen. Schon kurz nach dem Tod meines Vaters begann die Leidenszeit. Meine Mutter wollte ein möglichst unauffälliges Leben führen. Und als Alleinerziehende war sie in der damaligen Zeit völlig auf sich gestellt. Mein Bruder aber fühlte sich als Pascha, als sei er das Familienoberhaupt, er tat, als liege ihm die ganze Welt zu Füßen. Diese Demütigungen gingen fast vier Jahre, bis ich ihn eines Tages mit einem Messer schwer verletzte. Es kam zu einer Verhandlung, mein Bruder wurde verurteilt, leider nur zu einer Bewährung. Mir legte das Gericht die Verletzung als Notwehr aus. Und so kam ich mit einem Freispruch davon. Die Rufschädigung aber, die ich damit meiner Mutter zugefügt hatte, die konnte ich nicht mehr rückgängig machen.“

Ich bleibe stumm, weiß nicht, was ich auf diese entsetzliche Geschichte sagen soll. Der Nebel lichtet sich, und allmählich verstehe ich, warum für Hagen das Thema Vergewaltigung so elementar war.

Ich weiche Magdalenas Blick aus, nehme einen Schluck vom inzwischen kalten Earl Grey und greife nach einem frischen Brötchen, da summt mein Handy. Auf dem Display steht der Name meiner Tochter. Ich muss das Gespräch entgegennehmen …

Josch 19.01.2017, 00.00

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