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Déjà-vu in Estaing. Fortsetzungsroman 12

Kapitel 12

„Hallo, Lillifee!“

Meine Tochter geht auf meine zärtlich-ironische Begrüßung nicht ein und sprudelt sofort los, ohne zu fragen, wie es mir geht, wann ich zurückkomme oder ob ich gestern Pro7 geschaut hätte, wie sie es oft macht, bevor sie zum eigentlichen Grund ihres Anrufs kommt.

„Danidad, ich muss dir was Schlimmes sagen!“, dröhnt es aus der Leitung.

„Ist was passiert?“

„Passiert ist eigentlich nichts, oder schon. Doch, es ist etwas passiert. Aber du darfst Mami nichts sagen! Sonst redet sie bestimmt wochenlang nichts mehr mit mir.“

„Warum sollte ich dich verraten? Nun sag schon, was passiert ist.“



„Sie haben rumgeschmust“, platzt Lilli heraus, „es war ganz schrecklich. Sie klebten richtig aneinander.“

„Wer hat rumgeschmust?“, will ich wissen.

„Mami! Mit einem anderen Mann.“

„Mit welchem anderen Mann?“, frage ich, als wüsste ich nicht, worum es geht.

„Wahrscheinlich kennst du ihn. Es ist ein Kollege von ihr. Er hat sie jedenfalls schon mal abgeholt, als ihr Auto in der Werkstatt war.“

„Und wo hast du sie gesehen?“, hake ich ungeduldig nach.

„Ich war auf dem Weg zu Ben aus meinem Biokurs, und da habe ich sie gesehen. Sie sind aus einem Haus auf der anderen Straßenseite herausgekommen. Der Mann hat Mami zum Auto gebracht und ist mit eingestiegen. Und dann haben sie ganz heftig zu schmusen begonnen.“

Da es Lilli offensichtlich sehr zu schaffen macht, mir das alles am Telefon zu erzählen, frage ich sie, ob wir uns nicht in der Agentur treffen sollten. Dort könnten wir in Ruhe miteinander reden. Ich könnte gegen 16:00 Uhr in München sein. Lilli fällt spürbar eine Last von den Schultern. Sie nimmt meinen Vorschlag erleichtert an, allerdings nicht, ohne mich vorher noch einmal eindringlich darum zu bitten, unter keinen Umständen ihrer Mutter zu erzählen, woher ich von dem Mann weiß. Ich kann meine große, kleine Tochter beruhigen. Ich hatte schon vermutet, dass Katharina einen Freund hat, vor allem, seit sie mit dem Tanzen begonnen hat und öfter mal „bei ihrer Freundin Michaela übernachtete“, wie sie behauptete.

Gut, dass Magdalena so verständnisvoll ist. Als wisse sie längst Bescheid, lässt sie mir Raum, um mich zu beruhigen. Allerdings kann ich nichts mehr essen, und ich habe auch keine Lust mehr, mich längst Vergangenem zu widmen. Zu schwer lastet auf mir, was ich zwar ahnte, jedoch seit Wochen vor mir herschob. Im Moment ist jedenfalls das Jetzt bedeutsamer als die Vergangenheit, in die ich mich seit Kurzem zu verkriechen versuche. Ich kann mir selbst, wie sich zeigt, nicht ausweichen, oder sollte ich besser sagen: entweichen? Wohin könnte ich schon flüchten? In die Arme Franziskas? Oder Magdalenas? Oder Mellis? Ein Leben zwischen den Welten kann nur schiefgehen.

„Du bist ein Meister des Verdrängens“, hatte Katharina mir vor einiger Zeit vorgeworfen. Das hatte mich sehr getroffen, steht es doch in krassem Widerspruch dazu, wie ich mich bisher selbst gesehen hatte.

 

Wir beenden das Frühstück, ich packe in aller Eile meine Sachen, dann telefoniere ich kurz mit der Zugauskunft, um zu erfahren, von welchem Ort aus der nächste Zug nach München abfährt. Ich schreibe meiner Tochter eine SMS und bitte Magdalena, mir ein Taxi zu rufen. Doch sie lässt es sich nicht nehmen und fährt mich persönlich nach Friedrichshafen. Auf der gut einstündigen Fahrt reden wir recht wenig miteinander, für Belanglosigkeiten sind wir zu durcheinander. Dazu war unser Treffen zu intensiv – zu bedeutsam die Begegnung nach so vielen Jahren.

Am Bahnhof gibt es nur einen kurzen Abschied, herzlich, verhalten-zärtlich, als seien wir seit Jahren allerbeste Freunde. Wir spüren, dass es nicht unser letztes Treffen war und dass wir unser Gespräch fortsetzen werden. Das gibt uns eine tief empfundene Sicherheit. Es wird auch nicht mein letzter Besuch in diesem großzügigen Atelierhaus am See bleiben. Als Magdalena mich zum Abschied umarmt und mir verschämt einen flüchtig-weichen Kuss gibt, würde ich sie am liebsten eng an mich ziehen und nicht mehr loslassen.

 

Später, im Zug, habe ich das Gefühl, als hätte ich eine alte Freundin wiedergetroffen, einen Menschen, der mir so nahesteht, weil er ähnlich empfindet wie ich, weil wir durch ähnlichen Seelenschmerz verbunden sind, ohne davon gewusst zu haben. Welche Verletzungen dies genau sind, kann ich im Moment nicht sagen. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto stärker wird meine innere Unruhe. Sie zwingt mich, aufzustehen und den Gang entlangzulaufen. Irgendetwas flüstert mir zu, an der nächsten Station auszusteigen und wieder zurückzufahren. Ich hole mir ein Glas Rotwein im Zugbistro und versuche, ruhig zu werden. Es dauert einige Zeit, bis ich wieder bei mir bin und mich in der Gewalt habe. Die Vernunft vertreibt die dunklen Ängste.

Das Treffen mit Magdalena gehört zu den bedeutsamen Momenten in meinem Leben, die mir niemand nehmen kann. Es ist nun Teil meiner Geschichte. Solche Begegnungen helfen mir, zu überleben, halten mich aufrecht, machen mich stark, prägen mich und lassen mich reifer werden. Zumindest glaube ich das. So sitze ich in meinem Abteil, das Glas Rotwein fest in der Hand, lasse Gedanken kommen und gehen, muss unwillkürlich lächeln, lehne mich zurück. Zweifelnd und doch auch zuversichtlich denke ich an Katharina, an Melli, Hannah und Franziska, an Judith, Lisa, Maria und Jule.

 

Als ich am späten Nachmittag die Tür zur Agentur öffne, in der leise Musik von Miley Cyrus läuft, als ich das vertraute Lachen von Luisa höre, da weiß ich, dass ich in Sicherheit bin, an einem Ort, der mir Geborgenheit schenkt. Ich begrüße Luisa, Marcel und unsere neue Kollegin Anne, die heute in der Agentur zu arbeiten begonnen hat, und suche Franziska, die an meinem Schreibtisch sitzt. Ich stelle mich hinter sie und küsse zärtlich ihren Hals, was sie bereitwillig geschehen lässt. Wir wechseln tiefe, zärtliche Blicke, ohne etwas zu sagen, dann gehe ich in die Funcorner, wo Lilli traurig in Zeitschriften blättert, ohne sie wirklich anzuschauen.

„Ach, Danidad, es ist alles so blöd.“ Mehr kann sie nicht sagen. Dann fängt sie leise, stoßweise, heftig zu weinen an. Ich schließe die Tür, nehme sie in den Arm und streichle sie, wie ich es früher immer gemacht habe, als sie noch ein Kindergartenkind war und sich wehgetan hatte. Lilli, meine große Tochter.

Es wird ein langes Gespräch, nicht nur über Katharina und mich …

Josch 21.01.2017, 00.00

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