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Déjà-vu in Estaing. Fortsetzungsroman 5

Kapitel 5

Lilli ist schon vor mir aufgestanden und mit dem Frühstück bereits fertig, als ich aus dem Schlafzimmer komme. Ich musste sie gar nicht wecken. Wir sehen uns an und bleiben dennoch stumm. Ich kann sie nicht einmal fragen, wie es ihr geht, weil ich mich scheue, aus der Reserve zu gehen. Sie sagt, dass sie früher aus dem Haus müsse, weil sie sich vor dem Unterricht mit Simon treffen wolle. Simon zählt seit ihrer Kindergartenzeit zu ihren engsten Freunden. Voller Wehmut denke ich an die Zeit zurück, als sie sich beim Frühstück auf meinen Schoß gezwängt, von meinem Teller gegessen und mit ihren kleinen Händen meine Nase umfasst hat. Nun sind ihr Freunde wichtiger als die Eltern. Rein rational ist mir das klar, aber emotional geht mir ihre Nähe ab.



Tim muffelt wie immer in der Küche herum, ich höre ihn laut gähnen und schmatzend Porridge in sich hineinschaufeln, während er wie jeden Morgen Tweets auf dem Smartphone checkt.

 

Als ich aus der Dusche steige, muss ich mich erst einmal setzen. Was war das für ein eigenartiger Traum, den ich da heute Nacht hatte und der sich plötzlich, als ich meine Kleider auf dem Stuhl im Badezimmer liegen sehe, mit aller Macht nach vorn drängt.

 

Ich bin mit Franziska in einer fremden Wohnung, in der sie sich bewegt, als wohne sie da. Ich bin nackt und ziemlich unsicher. Franziska trägt ein kurzes weißes Seidenhemd, das ihren Hintern nur notdürftig bedeckt. Da geht die Wohnungstür auf, und ein junger Mann, offensichtlich ein Mitbewohner Franziskas, kommt nach durchtanzter Nacht nach Hause und bringt zwei Frauen mit. Eine der beiden trägt eine Colombina-Maske. Ich lösche sofort das Licht im Flur, damit sie mich nicht sehen können, und flüchte mich ins Bad, wo ich im Dunkeln nach meiner Kleidung suche. Ich sehe, wie die Frau mit der Maske in Franziskas Zimmer geht und sich mit dem Rücken zu mir auf den Couchtisch setzt. Da tritt Franziska laut lachend hinter sie, beugt sich zu ihr hinab, umarmt sie, nimmt ihr die Maske ab und küsst sie zärtlich und voller Begierde auf den Hals. Ich stehe hinter der Tür und beobachte heimlich die Szene, die mich ziemlich erregt. Da dreht die fremde Frau sich um. Erschrocken stelle ich fest, dass es meine Tochter ist. Lilli und Franziska, fast nackt und eng umschlungen, sich küssend und streichelnd! Ich wundere mich, weil mir Franziska nicht erzählt hat, dass sie sich kennen und sich offensichtlich lieben. Voller Angst schleiche ich ins Badezimmer zurück, in das mir Franziska folgt und mich vorwurfsvoll fragt, ob ich denn nicht wisse, dass Lilli ihre kleine Schwester sei. Ich versuche, Franziska an mich zu ziehen, da weicht sie zurück, verlässt das Badezimmer und schiebt Katharina, meine Frau herein, die mir das Badetuch vom Leib reißt und wütend zischt: „Du alter Voyeur!“

 

Belämmert, ohne auf Tim und Lilli zu achten, werfe ich mir den Bademantel über und gehe in die Küche, während ich den Gefühlen nachspüre, die der Traum in mir ausgelöst hat. Ob sich Lilli und Franziska auch in der Realität näher kennen? Das kann fast nicht sein. Davon hätte mir Franziska bestimmt erzählt. Ob ich mit ihr über den Traum sprechen soll? Ich merke, wie meine Verunsicherung wächst. Mir ist der Traum äußerst unangenehm. Langsam kleide ich mich an, trinke im Stehen eine Tasse Tee und mache mich desorientiert und wie verkatert auf den Weg in die Agentur.

 

Nun sitze ich schon seit drei Stunden vor meinem Rechner und versuche mich immer noch an den Buchumschlägen, doch es will mir einfach nichts gelingen. Franziska ist heute noch nicht im Büro. Wollte sie sich nicht um den neuen Kunden kümmern? Der Traum hat mich völlig aus der Bahn geworfen. Immer wieder vermischen sich die Traumbilder mit meiner Realität. Was sind das nur für Verwicklungen? Ich gehe in den[JF1]  Funcorner, lasse mich wie in Trance in einen Sessel fallen und zünde mir einen Zigarillo an.

Dann rufe ich René an, meinen alten Schulfreund, der als Dramaturg am Staatsschauspiel arbeitet. Aber wie immer ist er nicht erreichbar. Ich weiß viel zu wenig von der Colombina-Maske.

Warum trug Lilli im Traum diese „Commedia dell'arte“-Maske? Und wieso mache ich im Traum Lilli und Franziska zu Schwestern? Und warum bin ich nackt in einer fremden Wohnung? Mich lassen diese Bilder einfach nicht los. Ich habe das Gefühl, als sei das alles wirklich passiert. 

Endlich, gegen 15:00 Uhr, ruft René zurück. Als ich ihn frage, ob er mir mehr über die Colombina-Figur sagen könne, lacht er. Er arbeitet gerade an einer neuen Fassung von Molières „Scappino“. Und in diesem Zusammenhang beschäftigt er sich nach langer Zeit wieder mit den Figuren der Commedia dell'arte. Colombina sei ursprünglich eine bäuerliche Figur gewesen, die aber in Frankreich, vor allem in Paris, im Theater eine wichtige Rolle gespielt habe und die mit der Zeit immer mehr als satirischer Charakter interpretiert wurde. Colombina nehme kein Blatt vor den Mund und werde als Figur häufig eingesetzt, wenn es um feine Intrigenspiele gehe.

Ich kann das alles nur sehr schwer mit meinem Traum verbinden.

Das Gespräch mit René verwirrt mich mehr, als es mir weiterhilft. Wie komme ich nur auf diese Arlequin-Figur? Als es mir endlich gelingt, den Traum zur Seite zu schieben, und ich an der Werbekampagne weiterarbeiten kann, fällt es mir plötzlich ein: Hagen Wandel hat häufig von den Figuren der Commedia dell' Arte gesprochen. Und er hatte mir am letzten Tag unserer Begegnung erzählt, dass er die Colombina gemalt habe. Nicht witzig und listig, sondern als Leidensfrau. Ich muss unbedingt Magdalena Salomon sprechen …


 

Josch 10.01.2017, 00.00

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