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Der Zeuge

Der Zeuge (eine Kurzgeschichte)

Er hätte wirklich gern erzählt, wie es war. Aber er konnte es einfach nicht. Immer wieder kam er ins Stocken, weil ihm alles bis ins kleinste Detail im Kopf herumschwirrte. Er drohte sich zu verzetteln, das wirklich Wichtige zu vergessen oder zur Nebensache zu machen.




Dieses Gefühl, nie das Richtige zu sagen, immer nur an der Oberfläche zu kratzen, den Kopf über Wasser zu halten, dieses Gefühl hatte er schon immer. Und dann diese Unsicherheit! Warum konnte er nicht einfach sagen, was er dachte, was er gehört, was er gesehen hatte?

Was mochte der Mann von der Zeitung von ihm denken? Ob er ihn – wie die anderen auch – als unbrauchbaren Zeugen abtun würde? Und was ist mit der Polizei? Seinen Leuten könnte er es wenigstens erzählen! Er hatte es doch ganz genau gesehen! Er war es schließlich, der die Polizei gerufen, das Unglück gemeldet hatte. Ob andere Menschen es auch gesehen hatten? Und dann waren sie gekommen: Polizei, Feuerwehr, Notarzt, Krankenwagen, Seelsorger, Reporter und Schaulustige. Und ihn hatte man einfach nicht beachtet. Erst als der Krankenwagen und die Schaulustigen weg waren, kam der Inspektor zu ihm in den Kleinbus, um ihn zu befragen. Oder war es gar nicht der Inspektor? Wer war es dann, der sich zu ihm setzte und ihn ansah? Eigentlich hätte er es sich einfach machen und nur die nackten Fakten berichten können. Aber damit wäre er doch dem Vorfall nicht gerecht geworden. Er musste doch sagen, was ihm durch den Kopf ging. Er war sich ganz sicher, ganz allein am Ort des Geschehens gewesen zu sein. Die vielen Passanten hatten doch gar nichts bemerkt, waren sie nicht stur geradeaus vorbeigeeilt? Den Blick starr nach vorn gerichtet? Wie soll man da sehen, was um einen herum passiert? Er war schon immer so: Alles seismographisch in sich aufnehmend. Nur ihm war es gleich aufgefallen. Und dann der Mann mit diesem Fleck auf der Hose. Das war doch nicht normal. Ist ihm der Fleck nicht aufgefallen? Nur deswegen war er stehengeblieben. Und dann war es passiert. War es ein Feuerball, ein lauter Knall, ein heftiges Zischen, ein kurzes dumpfes Nachgrollen? Oder war es die Stille, die sich über den Ort des Geschehens senkte? Er war jedenfalls mittendrin, nicht nur am Rande der Ereignisse. Er hatte alles ganz genau gesehen und konnte doch nichts sagen, saß stumm in diesem Bus der Polizei und wartete, seit der Journalist sich von ihm abgewendet hatte. Er wartete darauf, dass man ihn befragte. Ob er ihnen alles sagen sollte? Wirklich alles? Auch das, was er geträumt, was sein Denken beherrscht, was sein Handeln vernebelt hatte? Er war es nicht. Und der Mann mit dem hässlichen Fleck auf seiner Hose? Wer war der Mann? Er sah an sich hinunter. Auf seiner grünen Hose bildete sich ein nasser Fleck. Er wagte nicht, sich zu bewegen. War es Blut oder Urin? Er sagte: „Ich habe es genau gesehen. Ich war es nicht!“ Jemand griff nach seiner Hand. Er wollte aufstehen, den Bus verlassen. Er hätte wirklich so gern erzählt, wie es war, was er gesehen, was er erlebt hatte. Doch niemand schenkte ihm Gehör. Er konnte nichts mehr sagen.

Josch 23.10.2016, 15.01

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Kommentare zu diesem Beitrag

1. von Doris

Vielen dank für dein Beitrag, es war interessant zu lesen!

vom 23.10.2016, 23.30
Antwort von Josch:

Vielen Dank für den Kommentar. Ich bin mit der Kurzgeschichte etwas unsicher, weil sie so "kafkaesk" geriet. Ich habe die Befürchtung, dass sie mehr abschreckt als zum Lesen animiert.
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