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Die Freuden des Teufels

"Die Angst ist stärker als das Gewissen"

Als Danuta mit ihrem Erstgeborenen Juzik in der litauischen Einöde eines jüdischen Friedhofs auftaucht, wo Efraim, der Vater ihres verstorbenen Liebhabers Totengräber und Steinmetz ist, nimmt sie dieser auf, ohne lange zu fragen. Allerdings müssen beide jüdische Namen annehmen, nämlich Danuta-Gadassa, und aus Juzik wird Jakob. Nachdem Jakob auf Wunsch des Großvaters beschnitten wurde, ist die Welt auf dem Friedhof wieder in Ordnung. Warum Danuta-Gadassa allerdings nicht auf das Erbgut ihrer vornehmen Tante Stefania nach Weißrussland zurückgekehrt ist, kann sie sich selbst nicht erklären. Und so bleibt sie auf dem Friedhof und tritt mit ihrem Sohn Jakob Efraims Erbe als Bestatterin an.



In das ruhige Leben des Schtetls dringen Gewalt und Krieg

Das Leben im nahen Schtetl, in dem Juden und Christen seit sechshundert Jahren friedlich zusammenleben, kommt gehörig durcheinander, als die Rote Armee Litauen besetzt. Plötzlich werden aus einfachen Handwerksgesellen ranghohe Rotarmisten, die das Land "säubern". Und als Hitler den sowjetischen Bündnispartner überfällt und auf seinem Drang nach Osten ganz nebenbei Litauen einnimmt, werden die jüdischen Mitbürger von den eigenen Landsleuten erschossen, erschlagen, massakriert, jüdische Gräber werden geschändet, aus Grabsteinen werden Bau- und Pflastersteine.

Auf wunderbare, einfühlsame Weise lässt Grigori Kanowitsch in seinem Roman "Die Freuden des Teufels" den Leser teilhaben an den schicksalhaften Junitagen des Jahres 1941 im Schtetl, einem Ort, der beispielhaft für viele andere kleine Dörfer und Städtchen steht. Er erzählt von Danuta-Gadassa, vom jüdischen Schneidermeister Gedale Bankwetscher und seinen beiden Töchtern Reizl und Elischeba, von Danuta-Gadassas Sohn Jakob, von Gedales Gesellen Juozas, vom Bauern Ceslavas, bei dem Elischeba als Magd Unterschlupf findet und von Ceslavas' Frau Prane.

Im Zentrum des Romans steht das friedliche Zusammenleben der Menschen, in die das unterschiedliche Grauen einbricht, erst schleichend und dann mit aller Macht und Gewalt.


Wir werden von der Angst gelenkt, nicht vom Gewissen 

Als sich die junge Elischeba, die mit ihren rotbraunen Haaren und ihrer stumpfen Nase auch als litauische Christin durchgegangen wäre, mit Ceslavas über die Gräuel unterhält, die die Christen an ihren jüdischen Mitbürgern verübt haben, überrascht sie ihren Herrn mit der Frage: "Wenn Sie an jenem Tag in Miskine gewesen wären, Herr, wären Sie dann auf die Straße gegangen? Hätten Sie gerufen? Hätten Sie sich für Ihren Arzt (einem Juden, Anmerkung Rez.) eingesetzt?"

"Ich weiß nicht. Wahrscheinlich nicht. Ich hätte es gemacht wie alle. Sein Rudel zu verlassen ist gefährlich. Entweder zerfleischen einen die eigenen Leute, oder Fremde schlagen einen tot. Mutig sind wir nur in unseren Gedanken … Sogar Hunde sind besser als wir. Rex würde bellen, bis ihm die Stimmbänder reißen, würde mit seinen Hauern die Kette durchbeißen, um mir zu Hilfe zu kommen, wenn es jemand wagt, mich am helllichten Tag vom Gehöft abzuführen."

"Das stimmt", pflichtete sie ihm bei. "Aber das Unglück besteht darin, dass wir nicht vom Gewissen, sondern von der Angst gelenkt werden."

"… Die Angst ist stärker als das Gewissen."

Bemerkenswerte und zeitlebens aktuelle Aussagen. Widerlegt nur vom Protest der vielen Belarussen, die gegenwärtig auf die Straße gehen und gegen ihren tyrannischen Präsidenten protestieren. Stark ist in diesem Fall allerdings nur die Masse. Ansonsten bleibt die Frage nach wahrem Heldentum. Was ist das schon: ein Held? Und welche Motive hat so ein Held?


Fazit

Es gibt viele Erzählungen, Romane und Verfilmungen, die die Judenvernichtung durch die Nationalsozialisten oder das Unwesen der Rotarmisten in den 1930er- und 1940er-Jahren zum Thema haben. Unter all den mir bekannten Romanen ist "Die Freuden des Teufels" ein Juwel: er ist einfühlsam, unspektakulär; er braucht keine großartig aufgebauschten Ereignisse. Das Wesentliche wird eher beiläufig erzählt. Und deswegen geht der Text so sehr unter die Haut. Und das Thema ist und bleibt hoch aktuell. Wir glauben, in unserer aufgeklärten, gläsernen Gesellschaft sind solche Verbrechen nicht mehr möglich, und dann werden wir durch vermeintliche Einzeltäter eines Schlimmeren belehrt. Kopfschüttelnd fragen wir uns, was in so kranken Gehirnen vorgehen mag. Wahrscheinlich ging es den Menschen vor achtzig, neunzig Jahren genauso.

Und nicht nur deswegen ist Grigori Kanowitschs Roman so wertvoll. Was den Roman für Karl-Markus Gauß auszeichnet, wie er in seinem Nachwort schreibt, ist die ruhige, von Ressentiment, Rachegefühl und berechtigter Empörung völlig freie Erzählung.

Zwar bereits 2014 in Litauen und 2017 auf Deutsch erschienen, habe ich den Roman erst vor Kurzem entdeckt. Er gehört für mich zum Kanon hochstehender Literatur. Nur schade, dass bis jetzt noch kein Filmschaffender auf ihn gestoßen ist.


Grigori Kanowitsch, geboren 1929 in Jovana, ist Schriftsteller, Dramatiker, Übersetzer, Drehbuchautor und Kinoregisseur. Er schreibt auf Russisch und Litauisch, in seiner Prosa beschreibt er vor allem das Leben der litauischen Juden. Er lebt seit 1993 in Israel.


Grigori Kanowitsch: Die Freuden des Teufels. Mit einem Nachwort von Karl-Markus Gauß. Corso Verlag. Wiesbaden 2017. 224 Seiten, gebunden, Leinen. ISBN 978-3-7374-0736-6, 4,99 €

Josch 25.08.2020, 17.11

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