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Die Hauptfigur muss eine Frau sein

Warum sich Bücher mit einem männlichen Protagonisten nicht verkaufen lassen

Vor einiger Zeit schickte ich meinen Fortsetzungsroman „Déjà-vu in Estaing“, den ich auf meinem Blog veröffentlicht hatte, mit neuem Titel einer Literaturagentin, mit der mich eine langjährige freundschaftliche Zusammenarbeit verbindet, und fragte sie, ob sie ihn vermarkten möchte. Schon nach knapp zwei Wochen rief sie mich an und teilte mir mit, dass sie den Roman leider keinem Verlag anbieten könne. Sie sehe wenig Chancen für eine Vermarktung. Der Text sei zwar sehr gut geschrieben, aber leider sei der Protagonist ein Mann. Und solche Romane lassen sich bei Verlagen heute nicht mehr unterbringen. Ich solle jedoch unbedingt weiterschreiben, aber mir eine weibliche Protagonistin ausdenken.



Ich bedankte mich dafür, dass sie sich die Mühe gemacht hatte, den Text zu lesen. Und ich gab zu, dass ich mich ihr Lob bezüglich meines Schreibstils sehr freut. Als ich den Hörer aufgelegt hatte, lehnte ich mich zurück und dachte lang über das nach, was sie über vermarktbare Literatur gesagt hatte. Es geht also nur noch sogenannte Chickliteratur, ging es mir durch den Kopf. Das macht mir sehr zu schaffen. Nun bin ich ja keineswegs ein Verlagsneuling. Schließlich habe ich über 30 Jahre in Verlagen zugebracht, allerdings nicht in der sogenannten Belletristik, sondern im Bereich Ratgeber und Sachbuch. Und ich bilde mir ein, bezüglich Literatur nicht ganz unbeleckt zu sein. Habe ich doch dereinst Neuere Deutsche Literatur und Sprache und Literatur des Mittelalters studiert und den Magister Artium erworben. Ich habe sogar einige Jahre an einer Dissertation über Stefan Zweig gearbeitet, die ich allerdings aufgab, weil ich sie nebenher als Lektor in einem Verlag unmöglich abschließen konnte.

Aber das alles hat mit der Verlagsrealität nichts zu tun. Da Männer offenbar immer weniger lesen, muss sich die Literatur stromlinienförmig an den Lesebedürfnissen der Kunden ausrichten. Und die besteht offensichtlich aus jungen Frauen, die nun einmal männliche Protagonisten ablehnt.

Ich erzählte einer Kollegin, deren Schwerpunkt als freie Lektorin seit Jahren Belletristik ist, warum die Literaturagentur meinen Text abgelehnt hatte. Übrigens hatte die Lektorin meinen Text lektoriert. Und sie konnte die Argumentation nicht recht nachvollziehen. Sie wisse ja, so erwiderte sie, wie Frauen denken und fühlen, sie sei schließlich selbst eine Frau. Sie jedenfalls finde es viel interessanter, mehr vom Denken und Fühlen des anderen Geschlechts zu erfahren. Und das geschehe eben auch mit der von Männern geschriebenen Belletristik. Eigentlich ein schlüssiges Argument. Aber wahrscheinlich denken nur wenig Frauen so. Und leider ist die Kollegin nicht in einem Verlag fest angestellt und somit Mitglied einer Programmkonferenz, die über Annahme oder Ablehnung von Manuskripten entscheidet. Und vielleicht würde sie sich ja sogar, wäre sie auf der „anderen Seite“, der Argument der Literaturagentin anschließen. Schließlich bestimmt der Absatz die Programmgestaltung.

Ist dies nicht eine traurige Entwicklung? Ich kann die betriebswirtschaftlichen Argumente sehr gut nachvollziehen, habe ich sie im Bereich des Sachbuchs doch viele Jahre selbst vertreten. Schließlich lebt ein Verlag vom Verkauf der Bücher. „Nur ein verkauftes Buch ist ein gutes Buch“, argumentierte einer meiner Verleger immer. Ich beklage mich nicht darüber, dass sich ein Verlag rigoros am Markt ausrichtet, der offenbar nur noch Chick-Lit verkraftet. Ich finde es nur bedenklich, dass eher anspruchsvolle Literatur unbekannter Autoren keine Verkaufschancen hat. Das war vor zwanzig Jahren noch anders, als Fantasy-Literatur mit einem männlichen Protagonisten bis heute unerreichte Erfolge feiern konnte und Harry Potter weltweit ein Millionenpublikum erreichte. Und das war weiß Gott keine hochstehende, schwer decodierbare Literatur. Daher finde ich diese Entwicklung wirklich schade.

Josch 27.08.2017, 12.03

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