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Elternliebe

Als mein Sohn noch ein Baby war, schlich ich mich oft an sein Bett, wenn er schlief, und schaute ihn an, einfach nur, um das Wunder zu bestaunen, das da in einem Bettchen lag. Ich überlegte, dass so ein kleines Wesen aus zwei winzigen Zellen, die sich vereinigen, entstanden war. Es wächst heran, entwickelt sich und lernt in kürzester Zeit die unglaublichsten Dinge. Während ich mir das überlegte, assoziierte ich häufig ein höheres Wesen damit, das diese Prozesse alle steuert. Angefangen von der Zeugung, der embryonalen Entwicklung, der Geburt, der Entwicklung vom Baby bis hin zum erwachsenen Menschen: das war und ist für mich ein Wunder schlechthin. Wenn ich recht überlege, dann ist der Begriff Wunder nur für dieses Geschehen zutreffend.

Wenn ich das Baby so daliegen sah, überkamen mich immer wahre Glücksgefühle. Ich beugte mich übers Bett und wagte kaum zu atmen, um das Baby nicht zu stören. Voller Stolz sagte ich mir dann: das ist mein Sohn!



Elternstolz

Er hat einen sehr schönen Mund, ein wohlgeformtes Gesicht, eine geschwungene Nase, meines Erachtens perfekte Augenbrauen, relativ große Ohren. Seine Haut ist glatt, mit einem leicht bräunlichem Ton, ebenmäßig das Profil, die Haare dunkel. Sie stehen widerborstig in alle Richtungen ab. Er atmet ruhig und bestimmt, in einem gesunden Rhythmus. Sanft hebt und senkt sich der kleine Brustkorb. Er hat den Mund leicht geöffnet. Die Lippen sind geschürzt. Für mich – und wahrscheinlich für jeden Vater und jede Mutter – ist eben das eigene Kind das schönste auf der ganzen Welt.

Ich hätte meinen Sohn am liebsten angefasst, ihm über den Kopf gestreichelt, meine Wange vorsichtig an seine Wange gelegt. Aber das hätte ihn aufgeweckt.

Als er allmählich größer wurde, die ersten Brocken sprechen konnte, einen eigenen Code gewissermaßen, den nur wir, seine Eltern, verstanden, da war ich erneut ganz stolz: Was er schon alles kann! Und dann zu erleben, wie er zu laufen anfängt: der erste Schritt zur Selbständigkeit. Ich komme nach Hause. Er freut sich auf mich und läuft mir entgegen. Er drückt sich an mich. Er möchte, dass ich ihn trage. Ich hebe ihn hoch. Er sitzt auf meinem Arm. Er ist nicht mehr so leicht. Er legt seinen Kopf auf meine Schulter. Er zeigt mir, welch interessantes Spielzeug er hat. Er nimmt mich sofort völlig in Beschlag. Und ich bin für ihn da.

 

Das Kind ernst nehmen

Zwei, drei Jahre später gehen wir von Zeit zu Zeit über den großen Friedhof in unserer Nachbarschaft. Ich versuche meinem Sohn zu erklären, dass auch ich einmal da liegen werde. Wir sprechen über Grabsteine, lassen uns inspirieren von den unterschiedlichen Kreuzen, Mahnmalen und Grabplatten. Wir überlegen, welche Art mir und meinem Leben am besten entspräche. Es sollte vielleicht ein grober, nur wenig behauener Brocken sein, darauf in Eisenlettern mein Name, mein Geburtstag und das Sterbedatum sowie ein schlauer Spruch, vielleicht: ... der Sommer war sehr groß ...

Mein Sohn ist für sein Alter sehr vernünftig. Er will nicht, dass wir allzu früh sterben, „ ... erst wenn ich euch nicht mehr brauche, dann dürft ihr sterben.“ Als könnte man die Lebenszeit einfach so festlegen. Auch in solchen Momenten bin ich von meinen Glücksgefühlen ganz überwältigt. Im Alltäglichen liebe ich meinen Sohn am meisten ...

 

Den Elternstolz reflektieren

Und immer wieder bin ich stolz auf ihn. Aber ob ich ihm damit als Person gerecht werde? Ich möchte das, was er sagt, was er tut, wie er sich verhält, am liebsten allen Menschen erzählen. Und alle, denen ich das erzähle, sollten staunend erwidern: Nein, das gibt es doch nicht! Ein Wunderkind! Aber ehrlich gesagt wäre es mir höchst peinlich, wenn dies jemand sagen würde. Denn mein Sohn ist einfach ganz normal. Wie jedes Kind in seinem Alter, nicht schöner, nicht größer, nicht begabter: einfach ganz normal.

 

Selbstliebe oder Liebe zum Kind?

Vielleicht liebt man sein Kind ja gerade deswegen, weil es Dinge in sich vereint und verkörpert, die man selbst nicht hat und die man sich daher sehnlichst wünscht. Oder das Kind ist so, wie man gerne selbst sein würde. Später dann entdeckt man vielleicht Seiten an ihm, die einem unübersehbar deutlich vor Augen führen, dass es das eigene Kind ist, kein anderer Mensch könnte so sein. Und damit konfrontiert es mich mit mir selbst, zwingt mich, über mich nachzudenken.

Aber diese Liebe ist täglich aufs neue herausgefordert und auf dem Prüfstand. Wenn ich das Kind verzärtle, schade ich ihm im Grunde. Ab einem bestimmten Alter hat Verhätscheln und Verwöhnen mit Liebe wenig zu tun. Das ist für Eltern oft nur sehr schwer zu begreifen, zu verstehen. Denn eigentlich will man dem Kind ja alle Wünsche von den Augen ablesen. Dass es ihm nur ja gut gehe! Echter und tiefer Liebe jedoch muss es darum gehen, einen eigenständigen, sozialen und willensstarken Menschen zu erziehen. Das gelingt aber nur, wenn das Kind auch Grenzen erfährt, wenn es spürt, dass es nicht egal ist, was es tut, sondern dass jede Aktion zu einer Reaktion führt. Das Kind muss lernen, dass das höchste Gut, nämlich die Eigenständigkeit und die eigene Freiheit, dort ein Ende hat, wo die Freiheit des anderen beginnt. Diese sozialen Grundwerte einem jungen Menschen zu vermitteln ist ein sehr anstrengender und langwieriger Prozess. Und es ist in keiner Phase dieses Prozesses garantiert, dass er auch erfolgreich abgeschlossen wird. Denn dieser Prozess kommt mit der Volljährigkeit des Kindes nicht zum Abschluss, sondern bleibt Aufgabe bis zum Lebensende.

 

Verwöhnen heißt abschmettern

Eine sehr bekannte und erfolgreiche amerikanische Schriftstellerin verfasste ein Buch über ihren Sohn, der sich im Alter von 19 Jahren das Leben nahm. Das Buch versucht auf über 300 Seiten zu belegen, wie richtig sie sich als Eltern dem Kind gegenüber verhalten, wie sehr sie ihn geliebt haben, was sich daran zeige, was sie ihm alles geschenkt haben, wie verständnisvoll sie mit seinen Drogenproblemen und Aussetzern umgegangen sind etc. Dabei ist es lediglich der Versuch, sich die (Erziehungs-)Fehler als Liebe schönzureden. Für den Sohn gab es nahezu keine Regeln, keine Verpflichtungen, uferlose Verwöhnung und Abschiebung, oberflächliche Auseinandersetzung und Abgrenzung wird dann zum Abschmettern.

 

Verzärtelung und Emanzipation

Verzärtelung und mangelnde Liebe hängen häufig eng zusammen. Verzärtelung ist Ausweichen vor der notwendigen Auseinandersetzung, verzärteln heißt, das Kind nicht ernst zu nehmen. Die eigenen Wünsche und Bedürfnisse auf das Kind zu projizieren. Verzärtelung ist letztlich immer narzisstisch. Hier sind die Eltern in der Regel zu sehr in sich selbst verliebt. Und deswegen muten sie dem Kind keine – vermeintliche – Härte zu. Selbstständig wird das Kind nämlich nicht, wenn ich ihm alle Steine aus dem Weg räume. Die meisten Steine muss es schon selbst wegräumen. Daran kann es wachsen ...

© Abbildung: Fotolia, Olesia Bilkei


Josch 06.01.2017, 12.35

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Kommentare zu diesem Beitrag

2. von Matthias Feldbaum

Ich habe eben kurz in Ihren Blog geschaut und bin über diesen Artikel gestolpert, der mich wirklich sehr berührt hat. Was ist das nur für ein Geschenk! Und was ist das für eine Aufgabe! Und man müsste viel, viel öfter einfach nur dankbar sein. Und im gleichen Moment ist mir in den Sinn gekommen, was es bedeuten würde, wenn dieses Geschenk plötzlich nicht mehr da sein würde ... Für diese Gedanken gibt es einen recht aktuellen Anlass. Es ist das letzte Album des von mir sehr verehrten Nick Cave. In "Skeleton Tree" verarbeitet er den Tod seines Sohnes. Schwere Kost, auch wenn Nick Cave noch nie so richtig leicht zu verdauen war. Aber dieses Album geht an die Nieren. Vielleicht kennen Sie es ja. Irgendwie gibt es für mich starke Parallelen zwischen Ihrem Text und dem Album. Elternliebe, Elternschmerz. Wie nahe das oft beieinanderliegt ...
Das waren meine Gedanken, als ich Ihren Text gelesen habe. Ich wollte Sie Ihnen nicht vorenthalten.

vom 17.01.2017, 09.02
Antwort von Josch:

Ich musste Nick Cave erst googeln, da ich ihn nicht kannte. Wie Nick Cave hat ja auch Eric Clapton vor vielen Jahren den Tod seines Kindes künstlerisch verarbeitet, und zwar mit Tears in Heaven. Es wäre für mich wirklich furchtbar, dieses himmlische Geschenk zu verlieren. Einige Jahre nach dem Amoklauf in Winnenden sagte ein Vater, der seine Tochter dabei verloren hatte, dass es nichts Schlimmeres für Eltern gebe, als sein Kind zu verlieren. Man komme niemals darüber hinweg, zumal wenn es sich um kein "normales" Sterben handle. Dieses Interview hat mich zutiefst erschüttert. Es ist schon eine lebenslange Aufgabe, für die Kinder da zu sein und sie zu unterstützen. Das ist eine riesige Herausforderung, wie ich finde...
1. von Mageia

Elternschmerz: Wenn das Kind am Ende seinen eigenen Weg gegangen ist und der in die Ferne führt?

vom 08.01.2017, 17.54
Antwort von Josch:

Es ist m.E. das Ziel jeder Erziehung, dass das Kind seinen eigenen Weg findet, dass es sich von den Eltern emanzipiert. Das kann mitunter für die Eltern auch schmerzlich sein. Auch die kritische Selbstreflexion als Mutter oder Vater, ob man alles richtig gemacht hat, gehört dazu. Nur sollte diese ehrlich sein. Auch Eltern sind "nur" Menschen, da gehören Fehler dazu und sind ganz normal. Beschönigung allerdings ist kontraproduktiv, vor allem fürs Kind...
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