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Jazzmesse. Fortsetzungsroman (1)

Frühmesse (1)
Am Dienstag nach der Wahl zum Fünften Deutschen Bundestag klingelte Bertrams Wecker so schrill, dass er vor Schreck hochfuhr und sich an der Bettkante festhalten musste. Der dicke Franke hatte den alten Kanzler aus dem Amt gedrängt und war als klarer Sieger aus der Wahl hervorgegangen. Immerhin hatte er der CDU/CSU zu einem spektakulären Sieg verholfen. Die Menschen sollten den Gürtel enger schnallen, hatte er gefordert. Er selbst trug sicher keinen Gürtel, dazu hatte er einen zu dicken Bauch, da waren Hosenträger die bessere Lösung.




Nachdem Bertram so weit bei sich war, dass er zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden konnte, tastete er mit der linken Hand nach der Lärmquelle, um sie abzustellen. Es war 6:30 Uhr, und eigentlich war es noch zu früh zum Aufstehen. Über der Stadt hingen an diesem 21. September schwere, tiefgraue Regenwolken, die schwer auf die Stimmung der Menschen drückten. Als Bertram endlich den Wecker abgestellt hatte, ließ er sich noch einmal in die Kissen zurückfallen, und sogleich fiel er in einen unruhigen Schlaf. Doch schon nach wenigen Minuten ertönte erneut ein Wecksignal, das ihn nun endgültig aus dem Orkus holte. Er setzte sich erneut auf und suchte müde nach der Lärmquelle, die er aber nicht fand. Und weil das nervtötende Scheppern andauerte, schlug er mit einem Ruck die Bettdecke zur Seite, sprang - einen Fluch murmelnd - aus dem Bett, kroch unter das Bett seines Bruders, das sich auf der anderen Seite des kleinen Zimmers befand, schob den Schuhkarton, in dem sich Heinrichs Magazine mit den Pin-up-Girls befanden, zur Seite, fand endlich den Wecker, der jetzt nur noch stockend rasselte, und legte hastig den kleinen Hebel an der Glocke um.

Die Stille, die ihn sogleich umfing, tat ihm gut, und er blieb noch einen Augenblick, den Wecker in der Hand, den Kopf auf den linken Arm gelegt, liegen. Dann endlich kroch er gähnend unter dem Bett hervor, streckte sich, schlurfte zu seiner Liegestatt zurück, setzte sich auf die Bettkante, schlang die warme Federbettdecke um seine Schultern und dachte nach: Was waren das nur für eigenartige Bilder, die ihm da im Kopf herumschwirrten. Jede Nacht diese finsteren Träume! Schon seit einigen Wochen verfolgten ihn unerklärliche Gesichte! Erst bruchstückhaft, doch dann immer schärfer stand mit einem Mal der ganze Traum vor seinem inneren Auge.

 Er ist Ministrant. Zusammen mit elf anderen Messdienern trägt er beim Einzug in die Kirche einen Baldachin, unter dem ein dickes rosafarbenes Schwein stakst, das einen roten Bademantel übergeworfen hat. Auf dem Kopf trägt das Borstentier einen Spitzhut, an dem - einer Mitra ähnlich - hinten zwei Bänder befestigt sind. Um den Bauch hat es eine Schärpe gewickelt, die nur ungenügend die prallen Zitzen verdeckt. Alle Ministranten sind rot-weiß gekleidet, mit langen Röcken, Alben und Kragen. Nur er - Bertram - trägt eine schwarze Hose und ein gelbes T-Shirt sowie Sandalen, wie sie Jesus bei seinen Wanderungen durch Galiläa getragen hat.

Es ist ihm peinlich, dass er nicht uniformiert ist wie die anderen Baldachinträger. Als die Prozession an den Betstühlen vorbeizieht, setzt er sich still grimassierend von den anderen Trägern ab und setzt sich demonstrativ in eine Bank. Die anderen Ministranten scheinen dies gar nicht zu bemerken, worüber er sich wundert. In der Bank neben ihm sitzt Frau Rieger aus der Waldrandstraße, die er wegen ihrer Bigotterie und auffällig zur Schau getragenen Frömmigkeit hasst. Er drängt sie mit Gewalt an den Rand der Bank, sodass sie aus der Kniebank stürzt und am Steinboden im Seitenschiff der Kirche liegen bleibt. Bertram kümmert sich nicht weiter um die Frau, die ihn aus schmalen Augen anstarrt, ohne sich zu bewegen, während er niederkniet und andächtig, mit gefalteten Händen, den Zug mit dem Schwein unter dem Baldachin verfolgt, wie er sich auf den Altar zu bewegt.

An den Cancelli angekommen, hüpft das Tier unter dem Stoffhimmel hervor und kriecht auf allen Vieren die Stufen zum Altar hinauf. Als der Zug die Sedilien erreicht, sieht Bertram, dass das Schwein grinsend und mit hervorquellenden Augen den Priestersitz einkotet, ganz öffentlich, ohne sich zu genieren. Aber Bertram wundert sich gar nicht darüber, als sei diese öffentliche Ausscheidung etwas ganz Normales, wie zu Zeiten Ludwig XIV. Die Träger lassen den Baldachin achtlos fallen. Sie lachen und klatschen in die Hände, während sich einige Gläubige nach vorn zum Altar drängen, um in dem Schweinemist zu wühlen und sich damit zu bewerfen. Ein älterer, spindeldürrer Mann in einem viel zu großen schwarzen Anzug geht gesenkten Hauptes und laut Lobe den Herren singend auf das Schwein zu, wirft sich auf die Knie, legt sich mit dem Gesicht nach unten in den Kot, wälzt sich darin, sodass sein dunkler Anzug über und über von Schweinemist und Stroh besudelt ist.

In Gedanken versunken steht Bertram auf und geht langsam zu einem der hinteren Beichtstühle, um seine Sünden vor einem Priester aufzusagen. Da geht die Tür auf, und eine nackte Frau mit riesigen hängenden Brüsten tritt aus dem Beichtstuhl heraus. Sie sieht Bertram lüstern an. In der linken Hand hält sie eine zerfledderte Bibel, in der rechten eine Stola, das Amtszeichen des Priesters, die sie wie eine Schnur auf dem Steinboden schleifend hinter sich herzieht. Er kann der Frau gerade noch ausweichen. Aber kaum hat er sie passiert, da geht die mittlere Tür des Beichtstuhls auf und ein Greis, offensichtlich der Beichtvater, kommt - nur mit einem Rauchmantel bekleidet - heraus und stellt sich ihm grinsend, sein halberigiertes Glied hin und her schwenkend, in den Weg. Der Priester breitet seine Arme aus, als wolle er Bertram wie den verlorenen Sohn aus der Bibel umschlingen und an sich ziehen. Bertram weicht erschrocken zurück und versucht zu fliehen. Doch er kommt irgendwie nicht von der Stelle. Da bemerkt er, dass auch er mit Schweinemist besudelt ist. Voller Panik läuft er zum hinteren Kirchenportal, um ins Freie zu gelangen. Doch vergeblich: die Tür ist verschlossen. Schon fängt sein ganzer Körper zu jucken an. Er hat das Gefühl, der Kot brenne sich wie ein Brandmal in seine Haut. Da beginnt es vorn am Altar zu klingeln, das Zeichen, dass soeben die Wandlung begonnen hat.

Während er noch über den Alb nachdenkt, hört er seine Mutter aus der Küche rufen: »Bertram! Aufstehen! Du kommst noch zu spät zur Messe!«

Bertram schweigt. Es ist mittlerweile dreiviertel sieben, er ist immer noch hundemüde, und er tut sich einfach schwer damit, so früh aufzustehen, um die Frühmesse zu besuchen.

»Warum sie nur in aller Herrgottsfrühe schon so laut sein muss«, brummt er vor sich hin. »Sie lässt mir einfach keine Ruhe. Dabei habe ich um acht eine Freistunde.«

»Bertram, hörst du nicht?« tönt es erneut aus der Küche. »Du sollst aufstehen! Es ist schon ein Jammer mit dir. Vater ist schon fertig. Er würde gern frühstücken. Bertram! Hörst du nicht?«

Während Bertram seine auf dem Boden verstreuten Kleidungsstücke zusammensucht, ruft er, die Tür seines Zimmers geräuschvoll aufreißend und seinen Ärger nur mühsam verbergend, dass er schon fertig sei.

Abbildung: ©fotolia, Boggy

Josch 21.01.2017, 14.32

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