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Jazzmesse. Fortsetzungsroman (5)

Frühmesse (5)

Im Sozialkundeunterricht analysierte Studienrat Strecker die Bundestagswahl, erläuterte die Veränderungen in der Sitzverteilung und stellte die Vorteile des alten und neuen Bundeskanzlers gegenüber seinem Herausforderer Willy Brandt heraus. Strecker bekam immer leuchtende Augen, wenn er von der sozialpolitischen Umgestaltung der Bundesrepublik Deutschland durch den früheren Wirtschaftsminister und jetzigen Kanzler Professor Doktor Ludwig Erhard sprach. Erhard war in den Augen Streckers ein richtiger Sozialrevolutionär, ohne den heute mit Sicherheit die Bundesbürger kaum etwas zu essen hätten. Und dass in diesem Jahr nahezu jeder Hilfsschüler eine Lehrstelle bekomme, sei nicht immer so gewesen und das werde auch nicht in alle Ewigkeit so bleiben. Das aber sei allein das Verdienst unseres alten und Gott sei Dank neuen Bundeskanzlers.




Bertram hörte sich das alles ohne innere Beteiligung an. Und den Klassenkameraden schien es außer Hubert Fürst ähnlich zu gehen. Hubert in seiner Funktion als Mitglied der Jungen Union hatte schon aus Karrieregründen Interesse an Ludwig Erhard, und das zeigte er überdeutlich mit seinen altklugen und speichelleckerischen Kommentaren gegenüber Studienrat Strecker mit seiner metallischen Stimme. Bertram hingegen konnte Strecker nicht leiden, er verachtete ihn seiner geifernden Rede wegen. Er fürchtete ihn aber auch, weil er für das Fach Sozialkunde viel zu wenig lernte und damit ständig Gefahr lief, sich schlechte Zensuren einzuhandeln. Daher wandte Bertram heute seine ganze Energie auf und hielt sich zurück, um nur ja nicht aufzufallen, was ihm auch ganz gut gelang.

An einem Donnerstagabend nach der Gruppenleiterrunde, als sie vor dem Pfarrzentrum, wie immer vor dem Nachhauseweg, noch eine Zigarette rauchten, fragte ihn Franz Wienand unvermittelt, ob er nicht in der Theatergruppe mitspielen wolle. Bertram hatte gar nicht gewusst, dass es eine Jugend-Theatergruppe in der Pfarrgemeinde gab. Aber dann erzählte ihm Franz vertraulich und bedeutungsschwer, Kirchenrat Brummer habe die Jugendgruppe aufgefordert, endlich einmal fürs Gemeindeleben etwas beizutragen und für den Seniorenclub im Fasching einen Bunten Abend zu gestalten.

Bertram hatte noch nie in seinem Leben Theater gespielt. Er fragte Franz, ob er sich das noch ein paar Tage überlegen dürfe. Er müsse erst noch seine Mutter fragen, ob es aus ihrer Sicht gegen Theaterspielen religiöse Einwände gebe.

 Die nächsten Tage waren schlimm für Bertram. In der Schule konnte er sich nicht konzentrieren, und zu Hause regte ihn die Mutter auf mit ihrer ewigen misstrauischen Fragerei, wo er sich nach Schulschluss immer so lang herumtreibe. Obgleich sie keine religiösen Einwände gegen Theaterspielen hatte, glaubte sie dennoch, es entfremde ihn vom Ernst des Lebens, und im Übrigen, so unterstellte sie ihm, sei es ihm lediglich Vorwand, um von zu Hause wegzukommen und sich auch abends noch herumtreiben zu können.

In der Clique spielte Bertram häufig den Clown, stellte sich blöd, lachte unmotiviert mit kurzen, schnellen Atemintervallen, humpelte wie ein Orang-Utan durchs Klassenzimmer oder frotzelte an Kaktus herum, dem Klassenprimus. Kaktus war der Spitzname von Heinz-Peter Dahlem, dem jüngsten Sohn einer Flüchtlingsfamilie aus Schlesien, der von unglaublicher Begriffsstutzigkeit, in Mathematik jedoch ein wahres Genie war. Der Name Kaktus entstand, weil er sich beim Sport einmal besonders eckig und hölzern bewegt hatte. Jedenfalls hatte Bertram bei so einer Gelegenheit bemerkt, man möge den Kaktus doch in Watte packen, sonst verletzten sich die Mitspieler noch an ihm. Die Klasse brach in schallendes Gelächter aus, und seither wurde Peter Kaktus genannt. Das führte dazu, dass einige Lehramtskandidaten, die neu an der Schule waren oder eine Vertretungsstunde in der Klasse hatten, offensichtlich glaubten, Hans-Peter heiße mit Nachnamen Kaktus. Jedenfalls sprach ihn mancher Lehrer mit Kaktus an, woraufhin die ganze Klasse vor Vergnügen johlte.

Bertram indes setzte oft noch eins drauf. Als er einmal im Lateinunterricht von Studienrat Gemeinweser ausgefragt wurde, sprach er in Tonfall und Dialekt wie Kaktus. Er konnte diesen verblüffend gut nachahmen. Bei solchen Gelegenheiten war Bertram der absolute Star in der Klasse, weil alle vor Lachen wieherten, vielleicht hatten sie aber auch nur Angst, von Bertram auch parodiert und der Lächerlichkeit preisgegeben zu werden. Wenn Bertram allein in seinem Zimmer saß, überfiel ihn jedoch eine tiefe, grundlose Traurigkeit. Er konnte sich der würgenden Ausweglosigkeit nicht erwehren und weinte ohne erkennbaren Grund hemmungslos vor sich hin. Hatte er sich dann wieder beruhigt, schob sich das Bild von Gabi vor seine Trauer, vor allem, wenn er sie einige Tage nicht gesehen hatte, weder in der Schule noch auf dem Pausenhof oder in der Kirche. Die einzige Möglichkeit, gegen dieses dumpfe Gefühl anzukommen oder der Verzweiflung zu entfliehen, war, sich in das Verlangen nach Gabi hineinzuträumen oder sich über andere lustig zu machen und damit im Mittelpunkt der Gruppe zu stehen. Bertram war diesmal besonders niedergeschlagen.

 „Warum? Warum?“, flüsterte er tonlos vor sich hin. Aber niemand gab ihm eine Antwort, und keiner schien seine abgrundtiefe grundlose Traurigkeit zu bemerken. Dann betrachtete er sich oft aufmerksam im Spiegel, drehte und wendete sich, schaute sich von allen Seiten an, prüfte sein Aussehen, zupfte hier herum, probierte jene Haltung aus oder schnitt einfach nur Grimassen. In den letzten Monaten war er ganz schön gewachsen. Jetzt hatte er sogar Franz, den Schönling, eingeholt. Äußerlich war er mit sich zufrieden, wenngleich er gern etwas muskulöser gewesen wäre. Aber warum war er bloß immer wieder so niedergeschlagen? Er hatte das Gefühl, unendlich einsam zu sein, keinen richtigen Freund zu haben, auf den er sich hundertprozentig verlassen, dem er ganz vertrauen konnte.

Trost fand er nur bei seinem Großvater, den er in letzter Zeit wieder häufiger besuchte, um an seinem Bett zu sitzen, nichts reden zu müssen und ohne Angst und Schuldgefühle rauchen zu können. Der Großvater verstand ihn, auch wenn er schwer krank war und seit einigen Wochen vorwiegend mit dem nahenden Tod beschäftigt schien. Manchmal sprach der Großvater von früher, vom anderen Krieg, wie Großvater den Ersten Weltkrieg nannte, von Belgien, wo er stationiert war, seltener vom Zweiten Weltkrieg, den er als Zivilist erlebt hatte. Großvater erzählte überhaupt immer das Gleiche. Bertram kannte die Geschichten nahezu auswendig. Und doch fragte er immer wieder nach, ließ sich dieses oder jenes Detail erneut schildern oder saß einfach nur still da, wenn der Großvater leise redete.

Bei Großvater konnte Bertram sein, wie er war, ohne etwas spielen, ohne besondere Leistungen erbringen zu müssen. Er konnte seinen Gedanken nachhängen oder den Opa nur anschauen. Großvater hatte große, wässrig-blaue Augen und eine erstaunlich glatte, rot-braune Gesichtshaut. Bertram fand, dass Opa trotz seines Alters verdammt gut aussah. Ob er im Alter auch einmal so aussehen würde? Schlank, schlaksig, hochgewachsen, mit flinken, wissenden, durchdringenden, aber gütigen Augen?

 

Josch 09.03.2017, 16.39

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