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Nähe und Distanz in der WG

Leben in der Wohngemeinschaft (2)

Unübertroffen waren unsere Feste. Zu Weihnachten sind es einmal über 50 Menschen, die in unserer Wohngemeinschaft das „Stille Fest“ feiern. Großes gemeinsames(!) Essen, Singen, Spielen, Reden. In einem Zimmer wird Klavier gespielt, in einem anderen Musik gehört, im dritten sitzen Leute still beieinander und lauschen einem Vorleser, im vierten knutschen zwei innig miteinander usf. Und am nächsten Tag macht die ganze Gruppe – Verzeihung: fast die ganze Gruppe – einen langen Spaziergang. Nun hat sich das Blatt gewendet: Kommen jetzt nicht sogar Leute zu uns zu Besuch, die auf unsere „Kommune“ immer herabschauten, die die Nase rümpften, wenn die Sprache auf uns kam, die unsere Lebensform als Anfang vom Ende der westlichen Zivilisation betrachteten? Unglaublich!



Zärtlichkeit in der Wohngemeinschaft

Dabei ist bei uns alles möglich: Sogar meine fast 80-jährige Mutter kommt zu Besuch und übernachtet in der Wohngemeinschaft. Ohne gesundheitliche oder psychische Schäden davonzutragen! Im Gegenteil: Sie fühlt sich unter den zum Teil jungen Leuten sichtlich wohl. Und für die Kinder ist es eine Sensation, dass eine „Oma“ zu Besuch kommt und sogar bei uns übernachtet. Einfach großartig.

Das Haus ist groß, und manchmal sind es der Bewohner wirklich zu viele. Vor allem, wenn ein Mitbewohner oder eine Mitbewohnerin nicht weiß, wo man das verständliche Bedürfnis nach Zärtlichkeit ausleben soll. Ein Kuschelzimmer muss her. Das ist ein Raum, der für diejenigen in der Gruppe reserviert ist, die sich gern einmal allein mit dem Freund oder der Freundin zurückziehen wollen.

 

Das Ende eines Traums vom Leben

Der Anfang vom Ende waren Zweierbeziehungen, waren Pärchen, die sich im Laufe der Zeit innerhalb der Wohngemeinschaft entwickelt und gebildet hatten. Vielleicht war dies die einzige Möglichkeit, unangenehmen, elementaren Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen, sich mit jemandem zu verbünden, der – wenn es hart auf hart kommt – hinter einem steht. Ein mehrtägiges Seminar in Italien, bei dem es um unser Zusammenleben ging und an dem nicht alle Mitbewohner teilnahmen, leitete die Wende in unserem Zusammenleben ein. Vieles war plötzlich nicht mehr tragbar: Eifersucht, Rivalität, Selbstüberschätzung, Neid, Erotik und triviale Antipathien spalteten die Gruppe. Bei einigen schwand das Interesse an den notwendigen gemeinsamen Sitzungen am Sonntagabend. Sie waren überzeugt, dass dieses miteinander unter Aufsicht „Quatschen“ nicht notwendig sei. Der Rückzug in die völlige Privatheit, also die Abkapselung von den anderen zerstörte schließlich die Idee von einer neuen Lebensform. Die Beziehungs-Wohngemeinschaft wurde zu einem Ort, an dem es nicht mehr ums Zusammenleben, sondern um ein temporär billigeres Wohnen ging. Nicht das, was ich in die Gruppe einbringe ist entscheidend, sondern das, was ich von der Gruppe bekomme. Und damit war das Ende dieser Lebensform besiegelt.

Für mich war die Zeit in der Wohngemeinschaft zwar eine sehr schwierige, aber auch die aufregendste und wichtigste Phase in meiner Entwicklung. Vieles, woran ich über Jahre massiv zu beißen und mit mir zu kämpfen hatte, löste sich wie von selbst. Ich lernte vor allem, im Hier und Jetzt zu leben. Der wichtigste Lerninhalt war jedoch: Es ist nichts, aber auch gar nichts selbstverständlich, über alles lässt sich reden, und über alles kann man sich auseinandersetzen. Diese Erkenntnis ist grandios, sie ist atemberaubend und hoffnungsvoll, wenn man es in aller Konsequenz erlebt und gelebt hat. Ersetzt diese Möglichkeit nicht Gewalt und Depression?

Nach knapp vier Jahren war es mit diesem wunderbaren Lebensmodell endgültig vorbei. Was einigen Getreuen und mir aber blieb und worüber wir bis heute nahezu schwärmerisch fantasieren, wenn wir uns treffen und alten Zeiten nachhängen, ist das, was keine Ehe und keine Zweiergruppe bieten kann: Es gibt in einer großen Wohngemeinschaft mit unserem Anspruch immer jemand, zu dem man gehen kann, wenn man jemand braucht. Es gibt immer jemand, von dem man verstanden wird, und wenn man sich noch so sehr daneben benommen hat. Es gibt immer jemand, mit dem man etwas unternehmen kann, wenn einem danach ist. Es gibt immer jemand, der in einer bestimmten schwierigen Situation ähnlich empfindet. Und man kann sich immer und zu jeder Zeit auch zurückziehen, wenn einem danach ist. Man muss es nur kommunizieren. Denn die Kommunikation ist das entscheidendste Instrument konstruktiven Zusammenlebens.

Wie schön wäre es doch, wenn man im Alter mit Menschen zusammenleben könnte, denen solche Inhalte der Gesellung auch wichtig sind. Vielleicht in ähnlicher oder abgewandelter Form, wie es Henning Scherf in seinem Buch „Grau ist bunt“ beschrieben hat.

Josch 30.06.2017, 16.40

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