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Partneranbahnung in den 1960er-Jahren

Erinnerungen sind subjektiv, sie sind einseitig und lösen oft Widerspruch aus. Aber gerade deswegen können sie vielleicht zum Nach- und Weiterdenken anregen. Ich möchte mit meinen Erinnerungen nicht belehren, nur erzählen, Vergangenes noch einmal aufleben lassen. Meine Erinnerungen sind nicht systematisiert und schon gar nicht für die Erklärung des Weltgeschehens geeignet. 

„Darf ich bitten … ?“

Ich bin aufgeregt. Mit vier Freunden zusammen gehe ich auf eine Beatparty, wie eine solche Veranstaltung damals hieß. Die Bands nannte man Beatgruppen (erst sehr viel später wurden sie dann mehr dem Rock zugeordnet und Rockgruppen genannt). Die Partys fanden oft an einem Sonntagnachmittag statt. Sie begannen gegen 15:00 oder 16:00 Uhr und dauerten etwa drei Stunden. So konnten auch Jugendliche daran teilnehmen, die noch nicht 16 waren. Die Gruppen spielten laut, meistens die Hits der bekannten Gruppen. Es war die Musik der Hollies, der Animals, der Beatles, der Rolling Stones, der Byrds, der Spencer Davis Group, der Them, der Troggs, der Doors, der Kinks, der The Who, der Lords und der Rattles.



Die Beatparty findet in einem großen Tanzsaal in der kreisfreien Stadt in der Provinz statt. Meine Freunde und ich sind dunkel gekleidet mit schwarzen Jacketts, weißen Hemden und dünner Lederkrawatte. Einer aus der Clique trägt sogar schwarze Lederhandschuhe. Als wir ankommen, ist der Saal schon ziemlich voll. Auf der Bühne wird noch hektisch aufgebaut, und zwar nicht von Roadies, sondern von den Bandmitgliedern selbst.

Der Saal hat eine große Tanzfläche, an deren Rand Tische stehen, vereinzelt auch kleine Stehtische, heute würde man Bistrotische dazu sagen. Dahinter befinden sich Sitznischen und gepolsterte Bänke. Der Saal hat eine Galerie, die einen wunderbaren Blick auf das Geschehen auf der Tanzfläche erlaubt. Allerdings hat man schlechte Karten, wenn man es auf eine bestimmte Tänzerin abgesehen hat, die unten in einer der Nischen sitzt.

Meine Aufregung steigt. Ich kann mich nur noch schlecht auf die Witzchen meiner Freunde konzentrieren. Endlich beginnt die Band zu spielen. Sie nennen sich die Black Strikers, und sie kommen aus Nürnberg. Die fünf Musiker, drei Gitarristen, ein Schlagzeuger und ein Sänger, der bei einigen Songs auch auf der Hammond-Orgel spielt, geben sich ganz wie ihre großen Vorbilder.

Schon bei der zweiten Nummer stürme ich die Treppe hinunter und suche nach dem Mädchen (wie man damals sagte), das ich mir zum Tanzen ausgespäht habe. „Darf ich bitten?“, sage ich. Ohne zu antworten schüttelt sie abwehrend den Kopf. Die Erwählte ist mit ihrem Freund auf der Beatparty, was ich von oben nicht gesehen hatte. Ihr Begleiter giftet mich mit bösen Blicken an, als wollte er jeden Moment mit den Fäusten auf mich losgehen. Schon beim ersten Versuch einen Korb zu bekommen, ist nicht gerade ermutigend. Ich muss gegen meine Minderwertigkeitsgefühle ankämpfen, mache eine entschuldigende Geste und verziehe mich wieder.

Bei der nächsten Runde habe ich Glück. Das hübsche dunkelblonde Mädchen mit den grünen Augen lächelt mich an, springt auf und begleitet mich auf die Tanzfläche. Wir toben uns bei „Don't ha ha ha“, dem Song von Casey Jones and the Governors aus, ohne uns zu berühren. Erst bei „Time is on my side“ von den Stones tanzen wir eng zusammen und geben uns ganz unserer Stimmung und dem Rhythmus der Musik hin. Margret, wie meine neue Flamme heißt, hat nur einen Fehler: ihr Haarspray, mit dem sie ihre Frisur nach oben toupiert hat, riecht auf mir unangenehme Weise ziemlich süßlich. Die Haare fühlen sich etwas steif an. Doch das tut dem wunderbaren Gefühl, das mich durchströmt, keinen Abbruch. Schon als ich sie nach der ersten Tanzrunde zurückbringe, lässt sie sich von mir unterhaken und legt ihre linke Hand in meine.

Bei dieser Beatparty sind wir unzertrennlich. Und nach der dritten Tanzrunde verziehen wir uns in eine der freien Nischen.

Auf dem Heimweg sind meine Kumpels und ich ziemlich ausgelassen. Es war ein toller Nachmittag. Besonders mir hat es sehr gut gefallen, habe ich doch ein Mädchen kennengelernt, mit dem ich mich ab sofort mehr verbindet, als nur eine flüchtige Bekanntschaft.

So ging Partneranbahnung vor etwa 50 Jahren, ganz ohne Paarship oder Online-Dating-Portale, ganz ohne Smartphone und oft auch noch ohne Telefonanschluss der neuen Flamme. Man musste sich auf Verabredungen verlassen können. Und beim Tanzen, was ursprünglich auf einer Tenne stattfand, daher auch der Name Tanz, zeigt sich bis heute, ob man miteinander harmoniert und sich auf den vorgegebenen Rhythmus und den Partner bzw. die Partnerin einlassen, ob man sich fremder Führung (beim Tanz) anvertrauen kann.

Copyright der Abbildung: Fotolia, Sylwia Nowik

Josch 22.10.2017, 14.24

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