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Petra Morsbach: Justizpalast

Angeklagte, Beklagte, Richter, Staatsanwälte, Verteidiger und Zeugen

Der Roman spielt in München von den frühen 1950er-Jahren bis herauf ins Jahr 2017. Thirza Zorniger, genannt Tizzi, ist die Tochter von Carlos Zorniger, einem berühmten Schauspieler, und Gudrun Zorniger. Die Ehe von Tizzis Eltern geht schon früh in die Brüche, da Carlos unzählige Affären hat. Thirza wächst nach der Trennung der Eltern bei ihren beiden Großtanten – Schossi und Berti – und den Großeltern in Pasing auf. Der Großvater, ein aus Ostpreußen stammender ehemaliger Strafrichter, in Jura promoviert, streng zu allen, außer zu sich selbst, wird von der Mutter Thirzas wegen seiner früheren Nähe zum Nationalsozialismus verachtet. Wilhelm arbeitete in der Verwaltung des Bayerischen Rundfunks, was ihm bis ans Lebensende zu schaffen machte, und sorgte für den Unterhalt seiner beiden Schwägerinnen und der eigenen Familie. Thirzas Mutter hatte auch Jura studiert, war aber aufgrund der Ehe mit Carlos zum zweiten Staatsexamen gar nicht mehr angetreten. Gudrun stirbt schon sehr früh an Krebs...



Tizzi hat in der Kindheit und in der frühen Pubertät einen Freund aus der Nachbarschaft, Beni, der aus dem zum Anwesen gehörenden Schuppen ein bewohnbares Gartenhaus zimmert.

Thirza wächst in Pasing heran, macht ein sehr gutes Abitur, studiert Jura und kommt aufgrund ihrer ausgezeichneten Noten bei der Bayerischen Justiz unter. „Ich will Richterin werden“, hatte sie in der kleinen Herrenrunde des Großvaters geantwortet, als einer der Juristen sie fragte, was sie werden wolle. Denn Thirza wollte für Gerechtigkeit sorgen. Und Thirza wurde Richterin am Landgericht. Bis dahin aber war es ein weiter Weg.

Der personale Erzähler schildert den Weg Thirzas in verschiedenen Rückblicken mit den Zweifeln der Protagonistin am eigenen Tun. Thirza ringt mit den juristischen Formeln, in denen zu ihrer Verwunderung das Wort Gerechtigkeit nicht vorkommt. „Wer will was von wem woraus!“ Es geht um Rechtsnorm, Tatbestand, Rechtsfolge, Anspruchsgrundlage, Anspruch, Normsuche, Fragestellung, rechtliche Voraussetzungen, Subsumtion, Ergebnis etc. Thirza besteht das erste Staatsexamen nach nur acht Semestern mit Prädikat. Sie durchläuft das Referendariat in einer Anwaltskanzlei, wo sie unter den Fittichen Marias, einer großgewachsenen Anwältin für Strafrecht, vor allem die Milieus von Kleintätern, aber auch die verworrenen Wege der Strafjustiz kennenlernt. Dann wechselt sie ins Strafjustizzentrum und wird dort als Protokollführerin bei Verhandlungen eingesetzt. Während des Referendariats streift Thirza auch das Liebesleben, und zwar mit Leopold, einem Mandanten Marias, von dem sie sich mit Hilfe des Großvaters trennen kann, als sich Leopold als launisch, eifersüchtig und unberechenbar erweist.

Auch das zweite Staatsexamen legt Thirza mit Prädikat ab. Danach arbeitet sie acht Monate als Amtsrichterin, wird anschließend Staatsanwältin und wird für einige Zeit ins Justizministerium berufen.

Thirza hat zwei Richter-Vorbilder: der eine ist Vinzenz Thenner, der andere Heinrich Blank, zu dem der Kontakt nie ganz abreißt. Tizzi verehrt Thenner, weil er korrekt, höflich und geduldig ist, weil er nie laut wird und weil er obendrein auch noch sehr gut aussieht. Allerdings ist er auch unnahbar.

Heinrich Blank, ihr zweites Vorbild, ist das glatte Gegenteil von Thenner: spontan, leidenschaftich, unkonventionell, und er ist keine imponierende Erscheinung wie Thenner. Blank ist Thirzas Kammerkollege am Landgericht, Vorsitzender ist der ehemalige Oberstaatsanwalt Kaspar Epha, den Thirza aus ihrer Zeit als Staatsanwältin kennt und mit dem sie per Du ist.

Dann lernt Thirza einen Mann per Annoce kennen: Hugo, einen Ingenieur. Die Verbindung hält nicht lang.

Als Blank aufgrund des Todes seiner Frau für längere Zeit ausfällt, kommt Dr. Ruth Wegener als Vertretung in die 42. Kammer. Ruht schwärmt von ihrer eigentlichen Kammer, der 44., die für gewerblichen Rechtsschutz, Markenrecht, Urheberrechte, Kartellrechte etc. zuständig ist.

Und Thirza lernt Herbert kennen, einen Verwaltungsjuristen im Innenministerium. Die Beziehung hält vier Jahre. Herbert schätzt an Thirza, dass sie Distanz halten kann. Aber er ist auch langweilig. Die Verbindung läuft nahezu unmerklich aus.

Dann wird Thirza auf eigenen Wunsch an die 44. Kammer versetzt, von der Ruth einst geschwärmt hatte. Vorsitzender ist hier Karl Römer, Beisitzer Karl Eppinger, ein Familienvater mit fünf Kindern, der wenig Ehrgeiz zeigt. Thirza freundet sich mit Dr. Daniel Luszczewski, einem Richter aus dem Nachbarbüro, an,  mit dem sie in der Mittagspause öfter um den Justizpalast läuft.

Als Römer in Pension geht, wird Thirza zur Vorsitzenden der Kammer ernannt. Als ihr ein sogenanntes U-Boot auf den Tisch gelegt wird – ein Uralt-Fall –, der vom Oberlandesgericht an das Landgericht zurückverwiesen wird, stellt sie fest, dass sie dies einem Studienkollegen zu verdanken hat, Alfred Holzapfel, in den sie einst verliebt war. Als sie ihn nach all den Jahren zufällig auf dem Weg zur Kantine trifft und ihn auf den Fall anspricht, lässt er sie arrogant und kalt abblitzen und verbittet sich, dass sie ihn mit Du anspricht.

Dann wird sie eines Tages, als sie sich wegen des Regens unter dem großen steinernem Baldachin vor dem Justizpalast unterstellt, von Max Girstl angesprochen, dessen Ehe sie offenbar vor zehn Jahren am Amtsgericht geschieden hat. Max, ein erfolgloser, bei einer Versicherung angestellter Anwalt, ist von Thirza ganz angetan. Er liest sehr viel und ist eher der Germanistik zugetan als der Justiz. Max kam durch Wallenstein, gelesen von Carl Zorniger, zur hohen Literatur, was seinen hohen Anspruch an die Literatur begründete. Es entwickelt sich eine sehr starke und intensive Beziehung zwischen Thirza und Max. Die beiden heiraten und sind viele Jahre sehr glücklich.

Als Max an Krebs erkrankt, bittet er Tizzi, dass sie mit ihm in die Schweiz fährt, um dort Sterbehilfe zu bekommen. Thirza lehnt ab. Da begeht Max im Gartenhaus Selbstmord, ohne einen Abschiedsbrief zu hinterlassen. Thirza ist am Boden zerstört. Sie liest Courth-Maler und in Max' Kladde, in die er fein säuberlich schöne Zitate großer Literaten geschrieben hatte: Wie jung bin ich damals gewesen, wie sonderbar meine Träume, wie vergeblich mein Bemühn. (Hölderlin)

Eines Tages schneit ein pummeliges Mädchen ins Büro Thirzas und fragt die Vorsitzende, ob sie an der Kammer ein Praktikum machen könne. Thirza will das Mädchen schon des Zimmers verweisen, da stellt sich heraus, dass es Susi ist, die Enkelin Karl Römers, des Vorgängers von Thirza. So scheint sich der Kreis zu schließen…

Ein mit großer Sachkenntnis und feiner Ironie geschriebener Roman, der dem Leser einen unverstelllten Blick in den Irrgarten der Justiz gewährt, dazu spannend, informativ und mit einer wunderbaren Liebesgeschichte als Folie.

Ein großer Roman über Gerechtigkeit und jene, die sie schaffen sollen – realistisch und präzise, lakonisch und opulent, komisch und schonungslos“ , heißt es im Klappentext. „Ein Roman über den Mikrokosmos eines Gerichts: von erregten, unverschämten, verblendeten, verwirrten und verzweifelten Rechtssuchenden und überlasteten, mehr oder weniger skrupulösen, kauzigen, weisen, verknöcherten und leidenschaftlichen Richtern.

So einen profunden Blick in den deutschen Justizapparat gab und gibt es bisher nicht“,  so Heribert Prantl in seiner Laudatio zum Wilhelm-Raabe-Literaturpreis 2017. Dem kann ich mich nur anschließen.


Die Autorin: Dr. Petra Morsbach, geboren 1956 in Zürich, Studium der Theaterwissenschaft, der Slawischen Philologie und Psychologie in München. Zunächst Theaterarbeit als Dramaturgin und Regisseurin, seit 1993 freie Autorin mit zahlreichen literarischen Auszeichnungen. Petra Morsbach lebt in der Nähe von München.

Für den Roman „Justizpalast“ erhielt Morsbach 2018 den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis.

Roman. Knaus-Verlag. München 2017. 480 Seiten, geb. m. Schutzumschlag. 25,00 €

ISBN: 978-3-8135-0373-9

Josch 15.04.2018, 12.58

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