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Schweigen ist mehr als nichts reden

„Schweigen ist ein köstlicher Genuss… 

… aber um ihn ganz auszuschöpfen, muss man einen Gefährten haben. Allein ist man nur stumm“, sagt Karl Heinrich Waggerl.

Vor einiger Zeit habe ich eine Auszeit genommen und mich für eine Woche in ein Kloster zurückgezogen, um zu meditieren, zu schweigen und zu wandern. Das eine bewirkt oder fördert das andere: Wenn ich nichts rede, komme ich leichter in einen meditativen Habitus. Ich finde leichter Kontakt zu meinem geistigen und emotionalen Innenleben, ich bin – wenn ich es denn zulasse – mit mir selbst konfrontiert.



Schon Wochen davor überfiel mich immer wieder ein beunruhigendes Gefühl: Wie wird es wohl werden? Eine Woche nichts quasseln, nichts reden dürfen, still werden, sich niemand erklären, keine Eiertänze um die eigene Wichtigkeit machen müssen. Ob ich das wohl aushalten werde? Vielleicht wird man dadurch ja seltsam? Wenn ich mit niemand reden muss, wenn man einander stumm begegnet, dann ist es auch nicht entscheidend, wer ich bin, wie ich bin, was ich denke, aber vor allem, was ich bin. Nur, dass ich bin, ist von Bedeutung. Sonst nichts.

Im Kloster angekommen, habe ich sehr schnell festgestellt, dass es gar nicht notwendig ist, irgendetwas zu sagen oder zu reden, auch nicht beim Essen, vorausgesetzt, die Rahmenbedingungen stimmen: Zu einer bestimmten (Essens-)Zeit steht immer etwas auf dem Tisch. Ich kann mich bedienen, ohne mich erklären zu müssen, ohne nachzufragen, ohne Höflichkeitsfloskeln, die ich im nächsten Moment schon wieder vergessen habe. Ich darf mich einfach fallen lassen. Das kommt einem zwar im ersten Moment ziemlich fremd vor (strange), ist aber auf Dauer sehr entlastend.


Den wahren Gefühlen auf der Spur

Ich hätte es mir nicht träumen lassen, was Schweigen bewirkt, wie sehr es einen mit sich selbst konfrontiert. Ganz auf sich selbst zurückgeworfen, in sich hineinhörend und gleichzeitig offen zu werden für das, was einen umgibt. Beim stillen Wandern kann man sich entweder auf sich selbst konzentrieren und seinen Gedanken freien Lauf lassen, oder die Natur wahr- und in sich aufnehmen oder auch über ein Problem nachdenken.


Ein Impuls erleichtert das Schweigen

Damit man leichter ins Schweigen hineinkommt und es gedanklich füllt, hilft ein Impuls: ein Text, ein Gedanke, ein Bild. Man lässt sich davon anregen und überraschen, welche inneren Bilde dabei entstehen. Was sagt mir der Impuls? Wohin entführt mich der Gedanke? Welche Assoziationen löst das Bild in mir aus?

Da die Schweigezeit im geschützten Raum eines Klosters stattfand, war es irgendwie naheliegend, sich mit einer Bibelstelle auseinanderzusetzen. Die Leiterin der Schweigewoche schlug folgende Stelle vor: So zog Jesus nach Jericho ein (die Stadt, die unten in der Jordanebene liegt, ehe der Anstieg nach Jerusalem beginnt) und durchwanderte die Stadt. Dort lebte ein Mann namens Zachäus. Der war ein leitender Beamter im römischen Zollwesen und war reich. Er wollte Jesus sehen und ihn kennenlernen, doch es war ihm unmöglich. Er stand in der Menge eingekeilt und sah nichts, denn er war klein. Da lief er den Leuten voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum an der Straße, durch die Jesus kommen musste, um auf diese Weise etwas von ihm zu sehen. (Es geschah aber mehr, als er erwarten konnte:) Als Jesus an die Stelle kam, sah er ihn oben sitzen und rief ihn an: Zachäus, schnell! Komm herunter! Ich muss heute in deinem Hause Rast machen! Zachäus beeilte sich, herunterzukommen, nahm ihn auf, bewirtete ihn und freute sich. Als die anderen das sahen, protestierten sie: Das geht nicht! Er kann doch nicht bei einem Gesetzlosen, einem Ausbeuter einkehren! Zachäus aber sah Jesus ins Gesicht und sagte: Herr, die Hälfte meines Besitzes will ich den Armen geben. Und wenn ich jemanden betrogen habe, dann gebe ich ihm vierfachen Ersatz. Da antwortete Jesus: Heute ist ein Freudentag für dieses Haus! Heute hat Gott ein Wunder getan! Wer will sich ärgern? Gehört nicht auch dieser Mann zu uns! Zum heiligen Volk Gottes? Ich jedenfalls bin gekommen, die Menschen zu suchen und glücklich zu machen, um die sich keiner kümmert.*

Der Text löste Tausend Gedanken und Assoziationen in mir aus, z. B.: Was ist mein „Jericho“? Wo möchte ich hin? Und warum? Was erwarte ich mir von diesem Ziel? Worauf freue ich mich? Und viele Fragen mehr. Der zentrale Impuls war freilich: Er sah ihn oben sitzen und rief ihn an. Zu wem schaue ich auf? Gab und gibt es Menschen in meinem Leben, die mir so viel bedeuteten oder immer noch bedeteuten, dass ich zu ihnen aufschaue? 


Bewundern und bewundert werden?

Wie verhalten sich diese Menschen mir gegenüber? Schauen sie auf mich herab oder steigen sie von ihrer Höhe herunter, um mir auf Augenhöhe begegnen zu können?

Idealisiere ich diese Menschen? Oder bewundere ich sie, wie man eine besondere Leistung bewundert? (Ich bewundere zum Beispiel Menschen, die ihr Leben aufs Spiel setzen, um anderen zu helfen oder auch um ihre Überzeugung öffentlich zu machen, ähnlich wie Hans und Sophie Scholl im Nationalsozialismus. Hans Scholls letzte Worte waren: „Es lebe die Freiheit!“)

Oder anders gewendet: Welche Anstrengungen unternehme ich, um einen Menschen, den ich schätze, verehre oder liebe, zu sehen, ihm nahe zu sein? Welche Hindernisse überwinde ich dabei? Oft sind es ja nur innere Hindernisse oder Hemmschwellen, die Angst vor Ablehnung, die mich passiv sein lassen, die mich in eine Art Lethargie stoßen.

In diesem Text stecken noch so viele Impulse, die es wert sind, reflektiert zu werden. Wenn sie denn auch zu Konsequenzen führen. Mich hat er nahezu die ganze Woche begleitet. Ich habe ihn in meinem Herzen hin und her bewegt, ohne mit anderen darüber zu reden. Irgendwie nachvollziehbar, dass mich der Text durch das Schweigen wesentlich stärker berührte und nachwirkte, als wenn ich mich mit anderen Menschen darüber ausgetauscht hätte.


Und die Konsequenz?

Ich habe einen Freund, der sich schon seit Langem jährlich einmal für eine Woche in eine angeleitete Schweigewoche begibt. Auch für ihn ist diese Woche mit nichts zu vergleichen. Zumal es kein Telefon, kein Handy, keinen Computer, kein Internet und keine Zeitung gibt. Ich habe erfahren, dass schweigen mehr ist als nichts reden. Schweigen kann eine Möglichkeit sein, sich der Kostbarkeit des einfachen Lebens wieder bewusst zu werden und dafür dankbar zu sein.


Abbildung © fotolia, Tryfonov

* Bibelstelle: Das Neue Testament, übertragen von Jörg Zink. Kreuz-Verlag. Stuttgart 1971 (Lk 19,1-10)

Josch 02.12.2018, 17.06

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