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Stephen L. Carter: Schachmatt

Buchbesprechung

Einige Figuren des Romans

Talcott Garland, ein Schwarzer, Ich-Erzähler und Protagonist des Romans, ist Professor an der Universität in Elm Harbor. Er ist verheiratet mit Kimberly Madison, ebenfalls eine Schwarze, die eine Art Staranwältin ist. Talcott und Kimberly haben einen dreijährigen Sohn: Bentley. Talcott ist das dritte Kind des früheren Richters am Bundesberufungsgericht Oliver Garland, einem Mitglied der dunkelhäutigeren Rasse, wie es im Roman immer heißt.

Talcotts älterer Bruder Addison ist Rundfunkmoderator, seine Schwester Mariah Denton ist mit einem Weißen verheiratet, der Vorstandsmitglied einer Kapitalgesellschaft und millionenschwer ist.

Die jüngste Schwester Talcotts, Abbey, ist mit 16 Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Der Fahrer des Unglücksfahrzeugs beging bei dem Unfall Fahrerflucht und wurde von der Polizei nicht ermittelt.



Die Geschichte

Formal beginnt die Geschichte im Oktober und endet im August des folgenden Jahres. Da die Präsidialzeit Bill Clintons als bereits beendet erwähnt wird, muss der Roman in der Zeit der Präsidentenzeit George W. Bushs spielen, also etwa 2001/2002.

Der Roman beginnt mit dem mysteriösen Tod Oliver Garlands. Die Gerüchte wollen nicht verstummen, dass der einflussreiche und bekannte Richter eines gewaltsamen Todes gestorben sei. Vor allem Mariah entwickelt ständig neue Verfolgungstheorien, denen der Vater zum Opfer gefallen sei. Jahre zuvor hatte der Richter nach den landesweit im Fernsehen übertragenen Senatsanhörungen seine Kandidatur für das Richteramt am obersten Gerichtshof zurückziehen müssen. Ein Skandal, von dem er sich nie erholt zu haben schien.

Schon bei der Beerdigung des Richters kommt Jack Ziegler, ein zweifelhafter, international operierender ehemaliger CIA-Mann und früherer Freund des Richters auf Talcott zu und fragt ihn nach den Vorkehrungen, die sein Vater getroffen und ihm, Talcott, vererbt habe. Wenn er die Vorkehrungen finde, solle er sie sofort ihm, also Jack Ziegler, geben. Als Gegenleistung garantiert ihm der Mafiamann, dass ihm und seiner Familie nichts passieren werde.

Talcott selbst hat keine Ahnung, was mit den Vorkehrungen gemeint sein könnte, macht sich aber auf die Suche nach des Rätsels Lösung. Er findet im verwüsteten Sommerhaus auf Martha's Vineyard, das der Vater ihm vererbte, eine kryptische Notiz seines Vaters, in der vom Exzelsior die Rede ist, einem Hilfsmattproblem. Schachprobleme waren Richter Garlands große Leidenschaft. Er träumte davon, einen doppelten Exzelsior zu komponieren, ein Hilfsmatt mit beidseitiger Bauernumwandlung – nur wollte Oliver Garland, dass Schwarz gegen alle Gepflogenheiten des Problemschachs am Ende Weiß Matt setzt. Dieses Schachproblem bildet gewissermaßen die Folie seines Plans, mit dem er sich an der Welt für das ihm widerfahrene Unrecht rächen will. Beim doppelten Exzelsior zieht zuerst Schwarz und Weiß verliert, während bei allen anderen Schachproblemen immer Weiß gewinnt.


Die Vorkehrungen

In besagter Notiz schreibt der Richter, über die Vorkehrungen könne nur Angelas Geliebter Auskunft geben. Talcott ist die Rolle des Bauern zugedacht, der sich tapfer Schritt um Schritt nach vorn bewegt, bis er entdeckt, wo die geheimnisvollen Vorkehrungen versteckt sind, damit eine symbolische Unterverwandlung vollzieht und zu guter Letzt – so hat es der Richter geplant – die Welt des Establishments Matt setzen soll. Da die Verfolger, die offenbar den Brief längst kennen, zunächst aus der schriftlichen Nachricht des Richters die falschen Schlüsse ziehen, müssen einige Menschen ihr Leben lassen (zum Beispiel der Priester Freeman Bishop, der einmal mit einer Frau zusammen war, die Angela hieß).

Talcott entwickelt ein geniales Täuschungsmanöver, mit dem er die Verfolger auf eine falsche Fährte setzt. Er bittet eine Freundin, heimlich ein Kästchen auf dem Friedhof zu vergraben, und zwar auf einem Grab eines gewissen Aloysius, Geliebter der Angela, die in unmittelbarer Nähe des Grabes ihre letzte Ruhe fand. Die Gräber sind wie auf einem Schachbrett angeordnet, sodass, legt man ein Schachbrett zugrunde, die Züge einen Exzelsior ergeben würden. Eines Nachts begibt sich Talcott auf den Friedhof, um so zu tun, als habe er die Vorkehrungen gefunden, und wird beim Ausgraben des Kästchen fast tödlich verletzt, obwohl ihm Jack Ziegler doch zugesichert hatte, dass ihm nichts passieren würde.


Angelas Geliebter

Talcott taumelt wie ein tumber Tor durch die Handlung und findet zu guter Letzt und nach viel Dramatik eine Diskette mit brisanten Aufzeichnungen seines Vaters in einem Teddybären, der von Abbey den Namen George Jackson bekam. George Jackson aber war im wirklichen Leben mit Angela Davis zusammen, einer berühmten Kommunistin.

Da der Richter den Unfall, bei dem Abbey ums Leben kam, als Mord verstand und sich wehrlos vorkam, ließ er auf eigene Faust Jack Ziegler ermitteln und erfuhr dabei, dass der Unfallverursacher der Sohn eines Senators war. Oliver Garland beauftragt daraufhin Jack Ziegler, den Fahrer des Unfallfahrzeugs zur Strecke zu bringen. In dem Wagen des Unfallfahrers saß auch ein Mädchen. Beide kamen unabhängig voneinander durch ähnliche Unfälle ums Leben, der Richter ließ also beide ermorden. Als Gegenleistung deckte Oliver Garland Jack Ziegler bei Gerichtsurteilen und juristischen Aufsichtsverfahren, sodass Ziegler seine krummen Geschäfte gewissermaßen von höchster Stelle legitimiert und unbeschadet tätigen konnte. Da bei Gerichtsverfahren immer drei Berufungsrichter beteiligt sein müssen, müssen mindestens zwei der drei Richter zum gleichen Ergebnis kommen. Oliver Garland hat dazu seinen Kollegen Wallace Wainwright, einen Weißen, mit ins Boot holen können. Sowohl Ziegler wie Wainwright profitieren von den Gefälligkeitsurteilen.

Talcott deckt Stück für Stück auf, dass sein Vater Oliver Garland es darauf anlegte, dass seine Beziehung zu Jack Ziegler entdeckt wurde, damit er nicht in das hohe Amt berufen werden konnte. Öffentlich aber benahm Oliver Garland sich so, als sei dies alles eine infame Nachrede. Der Richter hat alle illegalen Transaktionen Jack Zieglers peinlichst genau mit Namen und Adressen festgehalten hat, um sich vor Angriffen – sowohl geistiger als auch physischer Art – zu schützen. Wallace Wainwright ist inzwischen oberster Richter beim Bundesgericht. Die Aufzeichnungen würden ihn als korrupt und käuflich entlarven. Im Gang der Erzählung kommt Talcott Stück für Stück hinter das Geheimnis seines Vaters, bis dieser im Tod nackt und ungeschminkt vor ihm stehen kann.


Resümee

Der Roman ist meines Erachtens genial komponiert, zumal er auf der Folie des Problemschachs den Rassenkonflikt der Gesellschaft wie auf einem Schachbrett in Schwarz und Weiß zeichnet. Auch wenn viele Kritiker den Text als stark konstruiert bezeichneten, der überdies durch die vielen Figuren verwirrend sei, finde ich, dass Carter ein exzellenter Thriller und ein gesellschaftlich sehr wichtiger Text gelungen ist. Unbedingt lesenswert.

Stephen L. Carter: Schachmatt, Rowohlt, Taschenbuch, 864 Seiten, 9,95 €



Josch 13.01.2017, 17.49

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