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Warum kann der andere nicht so sein wie ich?

„Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben ...“

„... wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt“, heißt es in Wilhelm Tell von Friedrich Schiller. Und wahrscheinlich nickt jeder innerlich mit dem Kopf, wenn er den Spruch liest oder ihn sich aus gegebenem Anlass (wieder) vergegenwärtigt.

Diese furchtbaren Nachbarn! Dieser entsetzliche Nächste, dem ich freundlich und mit Respekt begegnen soll! Es werden kaum mehr Streitfälle vor Gericht verhandelt als jene von streitbaren Nachbarn. Ist man nicht selbst betroffen davon, klingen die Anlässe solcher Auseinandersetzungen vor Gericht oft lächerlich. Doch für die Betroffenen ist es meist keineswegs nur eine Lappalie, die sie dazu trieb, vor Gericht zu ziehen, um ihre Interessen durchzusetzen. Manchmal hat man allerdings den Eindruck, es sei typisch deutsch, den anderen nicht so sein lassen zu können, wie er ist...



Der andere ist einfach anders

Dass der andere anders ist als man selbst, ist eine Ungeheuerlichkeit! Warum kann er nicht so sein wie ich? So denken wie ich, sich so verhalten wie ich, den gleichen Geschmack haben wie ich, das gleiche lieben wie ich, zur gleichen Zeit aufstehen wie ich, zur gleichen Zeit ins Bett gehen wie ich, die gleiche Musik hören wie ich, das gleiche lesen wie ich ... Was wäre die Welt doch einfach – und dabei so langweilig! Den anderen so zu akzeptieren wie er ist, zumindest ihn zu tolerieren, ist letztendlich eine lebenslange Aufgabe. Diese Aufgabe hat ihren Ursprung in der frühen Kindheit, in einer Zeit, als wir noch an Mamas Brust lagen und die totale Harmonie mit der Mutter gebraucht haben. Obwohl wir uns längst aus dieser Symbiose herausgelöst haben, hat sich dieses Harmoniebedürfnis offenbar nicht automatisch verabschiedet.

Und nun müssen wir uns also mit dem Anderssein des Nachbarn, des Nächsten, des Fremden auseinandersetzen. Ist das nicht eine Unverschämtheit?

 

Der Nachbar nimmt einfach keine Rücksicht auf mich ...

Der ist ja derartig rücksichtslos! Dabei bin ich immer so freundlich zu ihm. Und dann bestimmt ein zweiter frühkindlicher Mechanismus unser Denken und Handeln: Die Erziehung. Zunächst versuchen wir, den anderen zu erziehen. Wir konfrontieren ihn mit seinen Fehlern, seinen Nachlässigkeiten, einfach seinem Anderssein, und sagen ihm, wie falsch er doch liegt. Wenn er dann aber weiterhin auf seinem Fehler besteht, dann muss man ihn bestrafen. Strafe gefällt der deutschen Seele auch sehr gut. Wo kämen wir hin, wenn es bei uns keine Strafen gäbe? Da könnte ja jeder machen, was er wollte! Unausdenkbar! Ohne eine gehörige Portion Uniformität kann doch eine Gesellschaft gar nicht existieren! Oder?

 

„Man muss die Schuld auch mal bei anderen suchen ...“

... habe ich auf einer Postkarte gelesen, und sie mir sofort gekauft, weil ich sie so toll fand. Das trifft exakt zu. Oder etwa nicht? Wenn ich die Schuld bei anderen suche, dann ... gibt es in 98 % der Fälle keine Lösung, wie ich aus Erfahrung weiß. Weil ich nicht glaube, dass es einen erwachsenen Menschen gibt, dem es Spaß macht, von anderen erzogen, kritisiert, bedrängt, gemaßregelt zu werden. Damit wird das – oder sollte man besser sagen: mein – Problem immer verlagert: von mir weg auf andere. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich meinen Nachbarn verändern kann. Aber ich kann mich damit auseinandersetzen, was passieren würde, wenn ich mich verändern, wenn ich meine Perspektive, meinen Standpunkt, meine Sicht auf die Welt ändern würde. Das ist sehr anstrengend. Aber lohnend.

 

Muss ich mir denn alles gefallen lassen?

Man muss sich keineswegs alles gefallen lassen. Das ist nicht die Konsequenz eines Perspektivewechsels. Aber es wäre lohnend, einfach mal darüber nachzudenken, woran es liegt, dass mich dies oder jenes am anderen stört. Vielleicht entdeckt man dabei ja sehr schnell eigene Defizite, die einem so leicht am anderen auffallen. Auf jeden Fall lohnt es sich, mit jemandem über solche „Störfaktoren“ zu sprechen, mit einem Menschen, dem man vertraut. Und es lohnt sich, sich zu öffnen, hellhörig zu werden. Nicht in erster Linie Kritik zu üben, sondern sich Kritisches vom anderen anzuhören. Gar nicht so leicht, so etwas. Aber probieren lohnt sich, wie ich meine. Und es könnte einen ungeheueren Veränderungsprozess auslösen.

Copyright Abbildung: Fotolia, denisismagilov

Josch 28.07.2017, 16.46

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