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Würde

Die Würde ist wie ein Kompass, der uns durchs Leben führt

Als Artikel 1 unseres Grundgesetzes formuliert wurde, hatten die Verfasser aufgrund der bitteren Erfahrungen im Nationalsozialismus eine klare Vorstellung von der Würde des Menschen. Deswegen stellt die Würde sozusagen die Basis unseres Grundgesetzes dar: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ In den fast siebzig Jahren, die inzwischen vergangen sind, hat sich dieser klare Begriff von Würde sehr stark verändert. Die Menschen sind im Begriff, ihre Würde zu verlieren. Deswegen hat  der Neurobiologe Gerald Hüther ein Buch zum Thema „Würde“ geschrieben. Es geht darin weniger um den Versuch, das Thema neurobiologisch aufzuarbeiten bzw.  die Würde des Menschen mit naturwissenschaftlichen Methoden nachzuweisen – was gar nicht so leicht sein dürfte –, sondern eher um einen ethisch-philosophischen Appell, uns endlich wieder unserer Würde bewusst zu werden. Nach Gerald Hüther ist die Würde des Menschen ein im Menschen verankerter innerer Kompass.



Wer sich seiner Würde bewusst ist, lässt sich nicht benützen

In elf Kapiteln zeigt der Autor, warum es an der Zeit ist, uns unserer Würde wieder bewusst zu werden und uns weder als Objekt behandeln zu lassen noch andere Menschen als Objekte zu behandeln. „Worum es geht“, heißt zum Beispiel das erste Kapitel, in dem er aufzählt, was das Buch nicht leisten wird: „Es mag viele Argumente dafür geben, dass es im Leben um Geld und Macht und den eigenen Vorteil geht. Wer noch immer von der Richtigkeit dieses Denkansatzes überzeugt ist, sollte dieses Buch lieber jetzt schon beiseitelegen.“ Hüther geht es um die Suche nach diesem inneren Kompass, den jeder Mensch seiner Auffassung nach entwickelt. So lautet die Kernthese seines Buches: „Wer sich seiner eigenen Würde bewusst wird, ist nicht mehr verführbar.“ Er stellt in Aussicht, dies neurobiologisch zu belegen, was das jedoch Buch nicht leistet. Vielmehr bedient Hüther sich argumentativ geisteswissenschaftlicher Methoden, Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie und – wie er es nennt – den „Komplexitätswissenschaften“, was immer dazu zählen mag.


Die Bedeutung des Begriffs Würde

„Würde“ ist ein großer Begriff, der sich etymologisch vom Althochdeutschen wirdi herleitet, was so viel wie Ehre, Ansehen heißt. Und im Mittelhochdeutschen bedeutet wirde „Wert, wertvolle Beschaffenheit, Ansehen, Ehre, Ehrenbezeigung, Verehrung“. Eng verbunden damit ist das Ansehen, die Herrlichkeit, das Amt und die Würde. Es geht also eher darum zu wissen, dass man wertvoll ist, dass man Ansehen genießt. Wahrigs deutsches Wörterbuch umschreibt den Begriff Würde mit „Respekt verdienender Wert eines jeden Menschen. Achtung gebietendes, ruhiges, überlegenes Verhalten, Wesen eines Menschen aufgrund einer starken Persönlichkeit“ etc.


Menschen werden wie Geräte und Maschinen benutzt

In Hüthers Buch geht es um den Wert, die Bedeutung von Würde, die jeder Mensch hat. Im Kapitel „Woher kommt das Empfinden der eigenen Würde“ beschreibt er die Geburt eines Fohlens, das bereits kurz nach der Geburt auf eigenen Füßen steht, was durch spezifische neuronale Verschaltungsmuster im Gehirn des Fohlens ausgelöst werde. Beim Menschen sei das prinzipiell nicht anders. Allerdings könne der Mensch nur durch andere Menschen zu dem werden, was ihn als Menschen ausmache. Am wichtigsten seien daher „die beiden Grunderfahrungen […] engste Verbundenheit mit einem anderen Menschen und die Erfahrung eigenen Wachstums“. Im Kapitel „Wie entsteht das Bewusstsein für die eigene Würde“ geht es darum, wie wichtig es von der ersten Minute an ist, bedingungslos und um seiner selbst willen geliebt zu werden. Dem stehe jedoch – so Hüther – die Sicherung eigener Vorteile und Gewinne entgegen. Dazu werden andere Menschen wie Geräte und Maschinen benutzt und somit zu Objekten zur Realisierung ihrer Absichten und Ziele gemacht. Hier sei eine radikale Kehrtwendung nötig. Die Würde eines Menschen habe nichts mit seinem Einkommen, seiner Stellung und seinem Ansehen zu tun. Vielmehr sei ausschlaggebend, wie Menschen miteinander umgehen und ob sie füreinander einstehen. Für mich ist die provokante Frage Hüthers die zentrale Botschaft des Buches: „Wie wäre es, in Würde zu leben, bevor wir in Würde sterben?“ Dies setze allerdings voraus, bewusster zu leben, achtsamer gegenüber sich selbst und anderen zu sein, im Einklang mit sich und der Natur zu leben. Leider bemerken viele Menschen gar nicht mehr, „wie sehr wir in unserem Zusammenleben unsere Würde verletzen“, so Hüther.

Fazit

„Würde“ ist zweifellos ein sehr wichtiges Buch, das ein zentrales Thema unseres Zusammenlebens benennt, auch wenn es den vom Autor versprochenen neurobiologischen Nachweis der Verschaltungen im Gehirn schuldig bleibt. Der sensible philosophisch-ethische Ansatz mindert die Qualität des Buches keineswegs. Für mich ist das Buch daher unbedingt lesenswert.

Gerald Hüther: Würde. Was uns stark macht – als Einzelne und als Gesellschaft. Knaus Verlag. München 2018, ISBN 978-3-8135-0783-6, gebunden mit Schutzumschlag, 189 Seiten, 20,00 €

Josch 17.09.2018, 10.58

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