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„Ich möchte Kapitän werden“

Wie jedes Kind hatte auch unser Sohn konkrete Vorstellungen darüber, was er einmal werden möchte. Als er in den Kindergarten kam, sah es so aus, als wolle er einmal Polizist werden. Trug er doch ständig eine Polizeimütze und ein Polizei-T-Shirt, regelte auf dem Spielplatz mit einer Polizeikelle, die ihm sein Großvater gebastelt hatte, den Verkehr und fuhr mit seinem Kettcar, das sein Polizeiauto war, auf dem Gehweg hinter dem Haus herum.

Sein Playmobil-Polizeiauto und das Motorrad waren ganz wichtiges Spiezzeug, und er hatte sogar ein Sprechfunkgerät, mit dem er sich mit seinen Polizeikollegen unterhielt. Wenn man ihn jedoch fragte: „Was willst du einmal werden?“, war Polizist für ihn keine Option. Vielleicht, weil er das nach seinem Verständnis ja schon war. Wie sollte er das also noch werden?

Eines Tages bekam er ein gebrauchtes, aber sehr schönes Piratenschiff, und von da an drehte sich sein Denken vorwiegend um Schiffe. Mit diesem Schiff spielte er bis weit ins Grundschulalter hinein. Es gab wahrscheinlich kein Spielzeug, das ihn so lang und so intensiv begleitete. Mit seinem Freund, der auch ein solches Piratenschiff hatte, lieferte er sich richtige Seegefechte. Sie transportierten damit aber auch Tiere, Autos, alle möglichen Männchen, Soldaten und Gerätschaften. Das Piratenschiff war sozusagen Kampfschiff, Frachtschiff und Segelschiff in einem.

Wenn man ihn nun fragte, was er einmal werden wolle, antwortete er einsilbig und ohne das Spiel zu unterbrechen: „Kapitän.“ Und als künftigen Kapitän interessierten ihn alle Arten von Schiffen, vom Containerschiff über den Frachter, den Tanker bis hin zum Passagierschiff.

Bald schon hatte er eine kleine Sammlung unterschiedlicher Schiffe und Boote, zum Beispiel ein Fährschiff von Lego, ein U-Boot von Playmobil, das in der Badewanne richtig tauchen konnte, das bereits erwähnte Piratenschiff, und es gab so gut wie keinen Urlaub, aus dem wir nicht ein Segelboot oder sonst irgendeinen Kahn mitbrachten.

Und je intensiver unser Sohn in die Schifffahrt eintauchte, desto konkreter wurden seine Vorstellungen, welche Art Schiff er einmal lenken wollte. Zunächst waren es Frachter und Containerschiffe, dann Tanker und schließlich Passagierschiffe. Hauptsache das Schiff war groß. Das war ganz wichtig. Wir schafften uns alle möglichen Bücher über Schiffe an, suchten im Internet nach Schiffen, kopierten Bilder und Daten der Schiffe, und unser Sohn kannte sehr bald die größten Schiffe mit Namen, wusste, wie lang, wie breit, wie schwer, welchen Tiefgang sie haben und wie viele Container oder Menschen auf den jeweiligen Schiffen Platz finden. Eine Zeit lang war er von der Jahre Viking ganz fasziniert, war es doch mit 458 Meter Länge und einem Tiefgang von über 24 Metern das längste Schiff, das jemals gebaut wurde. Aber sehr bald schon interessierten ihn vor allem Passagierschiffe, zum Beispiel die Oasis of the Seas (die ältere Schwester von Harmony of the Seas) mit einer Länge von 362 Metern, einer Breite von 60,5 Metern und einem Tiefgang von über 9 Metern. Einmal hielt er in der Grundschule sogar einen kleinen Vortrag über Schiffe.

Er ging ganz selbstverständlich davon aus, dass er einmal Kapitän sein würde und dass er ein großes Schiff lenken würde. Als Maat oder erster Offizier würde er es verständlicherweise nicht machen. Das ist schon klar. Und er hatte auch für seine Eltern vorgesorgt: „Ihr müsst auch auf meinem Schiff mitfahren.“

„Aber wir werden uns die teuren Reisen auf deinem Schiff wahrscheinlich gar nicht leisten können.“

„Ihr müsst nichts zahlen. Ihr dürft umsonst mitfahren.“

Als ich einmal einwandte, dass wir ja nicht ständig mit auf Seereise gehen könnten, schlug er vor, dass er uns ja von allen Häfen der Welt mit einem eigenen Motorboot abholen lassen und auf „sein“ Schiff bringen lassen könnte. Welch ein Luxus! Ich war beeindruckt von seiner Sorge um seine Eltern.

„Wie wird man eigentlich Kapitän?“, wollte er eines Tages wissen.

„Man muss an einer Hochschule vier Jahre lang studieren. Und man muss seetauglich sein.“

„Was ist seetauglich?“

„Seetauglich meint, dass dir nicht schlecht wird, wenn das Schiff in einen Sturm gerät und es sehr stark wackelt.“

Skeptisch wurde unser Sohn erst, als ich ihm eines Tages erklärte, dass er als Kapitän nicht so einfach am Wochenende nach Hause ins tiefe Bayern kommen könne. Das verunsicherte ihn über die Maßen.

„Und warum kann ich nicht nach Hause kommen?“

„Weil du vielleicht auf einer Weltreise gerade in Südamerika anlegst.“

„Ist Südamerika weit weg?“

„Sehr weit. Da brauchst du mindestens eine Woche, bis du wieder in Hamburg oder Rotterdam anlegen kannst. Und dann musst du noch mit dem Zug fahren oder ein Flugzeug nehmen, um nach Hause zu kommen.“

Das machte meinen Sohn sehr nachdenklich. Hatte er sich doch offenbar seinen Traumberuf ganz anders vorgestellt. Und diese Erkenntnis verleidete ihm zunehmend die Aussicht, ein bedeutender Seefahrer zu werden. So versandete allmählich sein Wunsch, Kapitän zu werden. Kapitän wurde allerdings von keinem anderen Berufswunsch abgelöst. Er wollte nicht auf einmal Lokomotivführer, Müllmann oder Papst werden, nein, das nicht. Es war, als gebe es über Kapitän hinaus nichts, was ihn zutiefst beschäftigte.

Seine Eltern finden es jedenfalls heute noch sehr schade, dass sie jetzt das ganze Jahr auf dem Land zubringen müssen, ohne Aussicht darauf, jemals als VIPs, ohne etwas zu bezahlen, Gäste einer schwimmenden Stadt auf den Weltmeeren zu sein. Was doch Heimatgefühle alles bewirken können.

Josch 15.02.2017, 17.44

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Kommentare zu diesem Beitrag

1. von Julia Feldbaum

Unser Junior ist völlig fasziniert von der Titanic, er liest alles, hört alles und sieht sich alle Youtube-Videos an, die einem siebenjährigen Knaben erlaubt werden. Das Problem der vielen Verunglückten sieht er nicht ... "Das ist schon traurig, aber es gab ja auch viele, die gerettet wurden ... und es gab Musik." Ja, kindliche Logik besticht! :-) Er will allerdings dennoch eher Tierforscher werden ...


vom 01.02.2018, 17.46
Antwort von Josch:

Großartig! Man kann ja auch auf hoher See Tierforscher sein. Dann beschäftigt man sich eben mit Meeresgetier ... Mich faszinierte auch immer, was so ein Kinderkopf alles hervorbrachte. Und manchmal gibt es ja sogar heute noch Gedankensplitter, die mich an das Kind im inzwischen volljährigen Sohn erinnern. Aber das verrate ich natürlich nicht ...
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