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"Ist die Oma jetzt ein Engel?"

Gespräch mit meinem (damals) vierjährigen Sohn

Es ist kurz vor Mitternacht. Ich sitze an meinem Schreibtisch und arbeite an einem Text, als ich meinen Sohn lautstark weinen höre. Ich laufe in sein Zimmer: Da sitzt er im Bett und weint gotterbärmlich. Es stößt ihn förmlich, sodass die Worte nur abgehackt hervorkommen. Ich kenne dieses Weinen. Als Kind habe ich auch oft so geweint. Dieses herzzerreißende Weinen ist Ausdruck tiefer, maßloser Traurigkeit.

Ich nehme meinen Sohn vorsichtig in den Arm, wische ihm die Tränen ab und streichle ihn.



So lasse ich ihn einige Zeit einfach weinen. Dann frage ich ihn, warum er denn so traurig ist.

Da sagt er, dass er nicht sterben möchte.

„Du bist doch noch so klein, so jung. Du musst noch lange nicht sterben.“

„Ich will überhaupt nicht sterben, auch wenn ich schon alt bin.“

„Sterben muss jeder Mensch. Auch du musst einmal sterben. Sterben gehört zum Leben dazu, so wie das Geborenwerden.“

„Aber ich will nie sterben“, sagt er mit todtrauriger Stimme.

Ich erwidere nicht sofort, sondern drücke ihn fest an mich. Dann wende ich vorsichtig ein: „Du musst keine Angst vor dem Sterben haben. Viele Menschen freuen sich sogar auf den Tod. Deine Oma, also meine Mama, war schon sehr alt, und irgendwann einmal wollte sie nicht mehr leben.“

„Warum wollte sie nicht mehr leben?“ will mein Sohn erstaunt wissen.

„Weil sie so starke Schmerzen hatte, und das Essen hat ihr auch nicht mehr geschmeckt. Oft war sie dann sehr traurig. Da wollte sie einfach nicht mehr leben.“

„Und warum war sie traurig?“

„Weil sie schon lang gelebt hatte und ihr Leben sehr erfüllt war. Man sagt, ein Mensch hatte ein erfülltes Leben, wenn er sehr viel geleistet, wenn er viel gemacht hat. Deine Oma hatte zum Beispiel fünf Kinder. Die haben ihr viel Arbeit gemacht. Und sie hatte ein Geschäft. Da hat sie auch viel arbeiten müssen. Und sie war mit ihrem Leben zufrieden. Sie hatte am Ende ihres Lebens das Gefühl, dass sie alles vollbracht, fertig gebracht hat, was sie angefangen hatte. Sie war fertig. Und dann empfand sie sich als Last. Sie konnte niemandem mehr helfen, niemand besuchen. Sie lag den ganzen Tag in ihrem Bett und war darauf angewiesen, dass jemand sie besuchen kam. Sie konnte sich kaum mehr bewegen. Und kurz vor ihrem Tod konnte sie fast nichts mehr essen. Manchmal war sie so schwach, dass sie sogar gefüttert werden musste.“

„Und dann wollte sie sterben?“

„Ja, dann wollte sie sterben.“

Mein Sohn hat sich inzwischen wieder ein wenig beruhigt. Nachdenklich sitzt er auf meinem Schoß, die Hände auf seine Knie gelegt, den Kopf an meine Schulter gelehnt. Irgendwie arbeitet es in ihm. So ganz zufrieden ist er noch nicht. Das spüre ich. Nach einer Weile fragt er: „Und ist die Oma jetzt ein Engel?“

„Wir glauben, dass die Oma jetzt ein Engel ist.“

„Und wie sieht ein Engel aus?“

„Das weiß ich nicht."

„Aber du hast einmal gesagt, dass es gar keine Engel gibt“, hält er mir entgegen.

„Ja, das stimmt. Ich glaube nicht an solche Engel, wie sie oft gemalt oder in Büchern beschrieben werden. Solche Engel gibt es meines Erachtens nicht“, erkläre ich meinem Sohn. Mir ist in diesem Augenblick klar, dass ich für ihn die Dinge sehr kompliziert und unverständlich beschreibe.

Ich versuche es mit einer anderen Erklärung: „Engel sind ganz anders als wir uns das überhaupt vorstellen können.“

„Aber wenn man stirbt, dann kann man gar kein Engel werden, weil man da im Grab liegt. Und dann kommt man überhaupt nicht mehr aus dem Grab heraus. Vielleicht muss da eine Abrissbirne kommen und das Grab einreißen, damit der Engel aus dem Grab heraus kann. Dann gibt es Engel“, konstatiert mein Sohn mit einer Sicherheit, wie ich sie selten an ihm beobachtet habe. Und ich muss mich beherrschen, dass ich nicht über seinen Einwand lache. Das wäre an dieser Stelle ziemlich fehl am Platz.

„Vielleicht. Allerdings glaube ich nicht, dass man mit der Abrissbirne das Grab zerstören darf. Wenn man ein Engel wird, dann kann man überall hin, dann braucht man keine Abrissbirne“, wende ich vorsichtig ein.

„Wenn ein Mensch stirbt, dann kommt wieder ein neuer Mensch.“

„Genau, so könnte man das sagen. Als deine Oma gestorben ist, da bist du bald darauf auf die Welt gekommen. Und ich habe mir manchmal gedacht, dass die Oma nun irgendwie weiterlebt. Obwohl du ein ganz anderer Mensch bist."

Nach einer kleinen Pause fängt mein Sohn erneut zu weinen an: „Aber der Onkel Theo ist schon gestorben.“

„Ja, der ist schon gestorben. Aber dafür leben wir ja weiter. Und das ist gut so. Wenn wir nicht sterben dürften, wäre unser Leben nichts wert. Nur weil unser Leben aufhört, weil es nicht in alle Ewigkeit weitergeht, ist jeder Moment unseres Lebens so kostbar, zum Beispiel jetzt, da ich bei dir bin. So etwas können wir nicht jeden Tag machen, dann wäre es nichts Besonderes mehr.“

Mein Sohn hat sich beruhigt. Während ich noch rede, ist er schon fast eingeschlafen. Eigentlich muss er diese schweren Erklärungen von mir gar nicht richtig verstehen. Er soll lediglich spüren, dass er mit seinen Fragen und Sorgen nicht allein gelassen ist und dass er von seinen Eltern ernst genommen wird. So sitze ich noch eine Weile auf seinem Bett, schaue ihn an, freue mich über seinen Atemrhythmus und bin stolz über seine tiefen Gedanken, die er sich manchmal macht.

Josch 07.04.2016, 20.35

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Kommentare zu diesem Beitrag

3. von Diana Napolitano

Was für eine schöne Geschichte!! Ich hatte ein ähnliches Gespräch mit meinem Sohn, als meine Oma gestorben ist. Wenn wir an ihrem Grab stehen, ist er ganz fassungslos, dass sie jetzt da unten liegt. Ich habe es ihm ähnlich erklärt, wie Sie, dass die Oma jetzt im Himmel ist, sie umgeben von ihren Freunden und ihrer Familie ist und es ihr gut geht. Und dass sie in uns irgendwie weiterlebt, indem wir zum Beispiel ihre berühmten Weihnachtskekse backen oder ich mit ihren geliebten Stricknadeln stricke.
Es ist schwer, Kindern dieses "Weiterleben" kindgerecht zu erklären, und man stößt oft an seine Grenzen. Aber die kindliche, einfache Sicht auf solch komplizierten Dinge tröstet einen auch oft selbst.
Mein Sohn meinte neulich: "Mama, wenn du mal stirbst, dann backe und koche ich auch deine Rezepte nach." :-)

vom 08.04.2016, 10.30
Antwort von Josch:

Vielen Dank für Ihren berührenden Kommentar!! Ich werde weitermachen. Eigentlich sollte es ja mal ein Buch werden...
2. von Julia Feldbaum

Solche Gespräche sind mit wohlbekannt. Besonders die Probleme, in die man sich als Elternteil durch Erklärungen selbst bringt ...

vom 07.04.2016, 22.19
Antwort von Josch:

Es war jedenfalls ein wunderbares Gespräch. Und hinterher hat er sehr tief und fest geschlafen. Das heißt, dass die Angst weg war ....


1. von Ursula Rapp

Wunderschöner geschrieben, Kinder zwingen uns oft sich Gedanken über das Leben zu machen und auch über Dinge zwischen Himmel und Erde die wir spüren aber nicht wirklich begreifen können

Viele Grüße
Ursula Rapp

vom 07.04.2016, 21.10
Antwort von Josch:

Mein Sohn ist mittlerweile 16 Jahre alt. Ich habe mit ihm viele "existenzielle" Gespräche geführt und manche davon schriftlich festgehalten. Auch heute führen wir oft noch "philosophische" Gespräche. Heute zum Beispiel, ob ich an Gott glaube... Vielen Dank für den schönen Kommentar!
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