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"Papa, warum ist man eigentlich traurig?"

Gespräch mit meinem (damals) vierjährigen Sohn

Als ich vom Tod meines Schwagers erfahre, bin ich zutiefst erschüttert. Ich kann es einfach nicht fassen, als wollte die Wahrheit partout nicht in meinen Kopf. Ich muss immer wieder an verschiedene Begegnungen mit ihm denken, an so manches Gespräch über Bücher, die er gelesen hatte. Bücher waren ein Weg, auf dem sich unsere Herzen berührten. Wie oft war ich von seiner Lesefreude, seiner genauen Beobachtung, seiner Freude an der literarischen Sprachkunst überrascht. Sein plötzlicher Tod traf mich daher bis in meine Zehenspitzen, wühlte mich auf und ließ mich lange nicht mehr los.



Als ich bei der Beerdigung auf dem Weg zur Aussegnungshalle bin und meine Schwester, die Witwe, am Arm unserer älteren Schwester sehe, übermannt mich eine unsäglich tiefe Traurigkeit. Ich umarme meine Schwester und lasse meinen Tränen freien Lauf.

Mein kleiner Sohn hat dies offenbar genau beobachtet, was ich aber zu diesem Zeitpunkt gar nicht merke, vor allem aber, wie sehr ihn meine Traurigkeit beschäftigt.

Einige Wochen später, als ich gerade ganz entspannt Zeitung lese, während er mit seinem neuen Holzförderband spielt, spricht er mich wie aus heiterem Himmel auf meine Traurigkeit an: „Wie Du die Hilde umarmt hast, da hast du geweint.“ Ich weiß im ersten Moment gar nicht, was er meint und schaue verdutzt hinter meiner Zeitung hervor, während er aber seelenruhig weiterspielt. Dann meine ich zu wissen, worauf er hinaus will. Aber weit gefehlt...

Er verbindet nämlich mein Weinen mit einer Situation, die noch länger zurücklag: Seine Mutter hatte über die Weihnachtsfeiertage hinweg starke Zahnschmerzen. Wir hatten deswegen sogar eine Auseinandersetzung. Meine Frau war wegen der Schmerzen ziemlich am Ende. Und ich hielt ihr vor, sie lasse sich nicht adäquat helfen, was sie sehr traurig und hilflos machte. Auf diese Situation spielt mein Sohn an: „Die Mama hat auch einmal stark geweint, weil du sie geschimpft hast.“

Ich bin perplex und schäme mich, als er mich nun daran erinnert und mich mit meiner damaligen, ungerechten Reaktion konfrontiert. Und mein Sohn macht mir noch etwas klar: Ich kann diese Situation nicht mehr zurückdrehen. Es ist passiert. Ich war nicht gerade der Sensibelste in diesem Moment. Meinem Sohn aber ist das Ereignis so stark im Gedächtnis, dass er Monate später noch darauf zurückkommt.

Ich lasse seine Bemerkung stehen und sage: „Ja, damals hat die Mama geweint, weil ich sie geschimpft habe, obwohl sie so starke Schmerzen hatte.“

Und diese Feststellung mündet zu seiner eigentlichen Frage: „Papa, warum ist man eigentlich traurig?“

Eine Hammerfrage, wie ich finde. Ich sage, dass das für mich nur schwer zu beantworten sei und dass ich da erst ein wenig nachdenken müsse. Dann versuche ich zu antworten:

„Oft ist man traurig, weil man etwas verloren hat, weil etwas weg ist, weil ein Mensch, den man sehr lieb hat, nicht mehr da ist. Vielleicht ist er in eine andere Stadt gezogen, oder er will nichts mehr mit einem zu tun haben, oder er ist gestorben. Das ist besonders traurig, weil man dann mit diesem Menschen nicht mehr reden, nicht mehr spielen, ihn nie mehr sehen, sich mit ihm nicht mehr treffen kann. Uns bleibt dann nur die Erinnerung an ihn. Und weil dadurch auch ein Stück des eigenen Lebens verloren geht, deswegen ist man dann so traurig.

Manchmal sind Menschen traurig, weil sie etwas, das sie sich so sehr wünschen, nicht bekommen können. Oder sie sind traurig, weil es einem anderen Menschen nicht gut geht, weil jemand krank ist oder weil dieser selbst so traurig ist. Dann leidet man mit dem Menschen mit und ist mit ihm gemeinsam sehr traurig.

Es gibt viele Gründe, warum man traurig ist. Traurigkeit ist ein Gefühl wie Freude oder Wut oder Ärger oder Beleidigt-Sein oder Eifersucht oder Zufriedenheit. Kein Gefühl aber geht so tief und schneidet uns das Herz so stark ab, wie die Traurigkeit. Deswegen müssen wir auch weinen. So wie wir lachen, wenn wir uns freuen. Wenn wir traurig sein können, überwinden wir das, was uns traurig macht, den Verlust, und eines Tages können wir dann wieder zufrieden sein und uns freuen.“

Mein Sohn hört mir aufmerksam zu, dann sagt er: „Es ist nicht schön, wenn Du weinen musst oder wenn die Mama weint.“

Ich weiß gar nicht, was ich darauf sagen soll. Es stimmt ja. Ich nicke nur lächelnd und nehme ihn in den Arm. Dann spielen wir gemeinsam mit seinem Förderband, das wir mit kleinen Holzstücken beladen, die wir dann auf seinen Lastwagen fallen lassen.

Ob ich allerdings seine Frage zufriedenstellend beantworten konnte, sodass sie ihm nicht mehr nachgeht, dessen bin ich mir nicht sicher. Auf jeden Fall aber konnte ich erklären, dass es ganz unterschiedliche Gründe gibt, warum Menschen traurig sind und weinen müssen. Und das ist ja auch schon etwas ...

Josch 20.04.2016, 19.31

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Kommentare zu diesem Beitrag

3. von Julia

Hallo,

wunderschön geschrieben - danke dir dafür. Und ganz wunderbar reflektiert... :-)

Weinen ist so wichtig. Weinen erleichtert und erlaubt dem Körper und der Seele, sich von der Traurigkeit ein Stück weit zu befreien.
Es ist sehr wichtig zu weinen, man soll sich nicht dafür schämen müssen. Weinen gibt einem hinterher ein besseres Gefühl und man ist dann froh, geweint zu haben. Es gibt aber auch Menschen, die können gar nicht mehr weinen, da sie ihre Gefühle komplett unterdrücken. Die werden dann krank - irgendwie. Mit Weinen lässt man Gefühle zu und man steht zu sich selbst.

Weiter so mit diesem schönen Blog,
Julia - die manchmal sogar weint, wenn sie Freude empfindet und glücklich ist :-)

vom 25.05.2016, 12.51
Antwort von Josch:

Wenn diese tiefen Gefühle offen gezeigt werden können, wenn sie also nicht nur im Verborgenen "passieren" müssen, dient es auch der psychischen Gesundheit, und wir sind dadurch zutiefst menschlich. Das Einfühlen in den anderen kommt meines Erachtens in unserer Gesellschaft, in der mir vieles so clean und stromlinienförmig vorkommt, ohnedies viel zu kurz. Ich danke Dir für den ermutigenden Kommentar. josch
2. von Catherine Avak

Als Eltern dürfen wir auch mal Fehler machen, sonst haben unsere Kinder nichts, woran sie sich reiben und wachsen können. Meine Meinung.

vom 25.04.2016, 17.34
Antwort von Josch:

Fehler sind wahrscheinlich nicht das große Unglück in der Erziehung, sondern das Schweigen darüber....


1. von Catherine Avak

Eine Hammerfrage, und eine sehr schöne Antwort. Kinder können sich sehr glücklich schätzen, wenn sie so geduldige und wunderbare Eltern haben.

vom 21.04.2016, 09.06
Antwort von Josch:

Vielen Dank für den lieben Kommentar. Ob wir allerdings immer so geduldige und wunderbare Eltern waren, möchte ich bezweifeln. Wir hatten aber - zumindest nach meinem Empfinden - immer einen guten Kontakt, gerade auch, weil wir oft gestritten und miteinander "gekämpft" haben.
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