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Dieser Mensch hatte keine Feinde...

Ohne Gegenwind durchs Leben?

Ich habe seit geraumer Zeit eine etwas schrullige Angewohnheit, vielleicht ist sie auch nur altersbedingt: Ich lese – wie es meine Mutter schon tat – die Todesanzeigen in der Zeitung. Oder sollte ich besser sagen: Ich studiere sie? Und vor allem: Warum tue ich das? Genau genommen sind es zwei Gründe. Zum einen interessiert mich das Alter der Verstorbenen („O Gott, schon wieder mein Jahrgang“ oder: „Wahnsinn: So jung!“), und zum anderen sind es die Widmungen, mit denen die Hinterbliebenen den Verstorbenen charakterisieren. In besonderer Weise geht mir eine Anzeige an die Nieren, wenn es sich um den Tod eines Bekannten oder einer früheren Freundin handelt, den bzw. die ich schon seit längerer Zeit aus den Augen verloren habe.



Keine Feinde? Ist das erstrebenswert?

Vor Kurzem las ich die liebesstarke Charakterisierung: „Dieser Mensch hatte keine Feinde!“ Ich blieb an der Aussage hängen. Was sollte das heißen? Ein Mensch ohne Feinde? Ist das positiv, wenn man keine Feinde oder zwei Stufen darunter: keine Gegner, keine Neider, keine Kritiker hat? Heißt das, man bekommt von niemand Gegenwind? Nicht dass ich mir möglichst viele Feinde und Kritiker wünschen würde. Aber was wäre ich wohl für ein Mensch, wenn ich keine Abfuhr, keine Anfechtung, keine Kritik, keinen Streit, keinen Angriff erfahren hätte? Hatte so ein Mensch ohne Feinde denn keinen Standpunkt, keine Prinzipien und Überzeugungen, für die er um seiner selbst willen eintrat, für die er kämpfte, für die er sich andere zum Gegner, auch zum Feind machte? Wie konnte er ohne diese Hürden im Leben wachsen? Mir ist schon klar, dass ein Gegner ja noch kein Feind sein muss. Was heißt schon Feindschaft? Das Wörterbuch definiert den Feind als jemand, „der einen anderen mit bösen Absichten verfolgt“. Der Feind ist ein Widersacher, ein Gegner, ein Gegenspieler, einer, der „hasst“ und „verfolgt“. Gut, so schlimm muss es ja nicht gleich sein.


Tiere ohne natürliche Feinde

Es gibt einige Tiere, die keine natürlichen Feinde haben, zum Beispiel der Elefant oder auch das Wildschwein. Sie könnten sich – gäbe es den Menschen nicht, der die Lebensbedingungen der Tiere zerstört und sie jagt – bis ins Unendliche vermehren. Was für manche Tier gilt, das trifft im Grunde auch für den Menschen zu. Der Mensch hat von Natur aus keinen Feind, sieht man einmal von heimtückischen Krankheiten oder ihm an Stärke, Größe und Schnelligkeit überlegenen Tieren ab. Unser Feindbild ist letztendlich so unscharf wie die Verwendung des Begriffs insgesamt. Etymologisch stecken in dem Wort Feind die Verben hassen, verfolgen, tadeln, schmähen, höhnen, übel wollen. Nicht unbedingt wünschenswerte Erscheinungen, wie ich zugeben muss. Was aber daran interessant ist, das ist das relativ breite Bedeutungsspektrum. Da ist eben vom Hassen und Verfolgen bis hin zum Tadeln alles enthalten. Damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich sehne mich nicht danach, geschmäht, verfolgt, angefeindet oder getadelt zu werden. Aber ohne diese negativen Geschehnisse, die wahrscheinlich schon jeder erleiden musste, auch als aktiver Tadler, Schmäher, Kritiker oder auch Hasser (zumindest in abgeschwächter Form und ohne den Hass gänzlich auszuleben) wären wir nicht, wo wir heute stehen, wären wir nicht die Persönlichkeit, die uns so individuell und einzigartig macht. Deswegen stolperte ich über diese euphorische, vermeintlich einzigartige Auszeichnung: Dieser Mensch hatte keine Feinde! Ich assoziiere damit: ein sterbenslangweiliger Mensch, ohne Ausstrahlung, ohne Ecken und Kanten, ein Mensch, der es jedem recht machen will, ein mehr als farbloses Wesen. Für mich wäre es eine Auszeichnung, wenn da stehen würde: „Dieser Mensch hat zeit seines Lebens für seine Überzeugungen und Prinzipien gekämpft und hat dafür manche Unbill und manchen Angriff in Kauf genommen.“


Auch gute Absichten sollen reflektiert sein

Aber man kann es den Inserenten nicht verdenken, wenn sie solche Eigenschaften ihrem lieben Verstorbenen andichten. Sie meinten es wahrscheinlich nur gut, ohne die Aussage konsequent zu Ende gedacht zu haben (diesen Anspruch lege ich meinen Gedanken auch nicht zugrunde). Aber ein wenig mehr Realität würde schon guttun. Ich will kein Mensch sein, der keine Feinde hatte, auch keiner, der viel Feind, viel Ehr hatte. Dies wäre mir hinwiederum zu aggressiv und militaristisch. Obgleich es mehr über einen Charakter aussagen würde, als so manche im Grunde falsch verstandene Lobhudelei. 

Josch 07.05.2019, 15.22

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Kommentare zu diesem Beitrag

1. von karin

also da kann ich dir nicht recht geben, von den worten, die andere über einen sagen (wenn man tot ist und es nicht mehr hören kann) , dann den toten danach beurteilen, das ist nicht fair oder? "sterbenslanweiliger mensch ohne ausstrahlung....". was weiß man denn, was sich derjenige schreiber unter einem feind so vorstellt, oder was er damit den anderen lebenden menschen, vielleicht im öffentlichen leben stehenden, bekannte, promis, nachbarn oder neidern sagen will???? muss mit dem verstorbenen nicht unbedingt etwas zu tun haben oder??
und wenn man etwas bestimmtes auf seiner todesanzeige/grabstein stehen haben will, dann tut man gut daran es schritlich festzuhalten ......, wir wissen nicht, ob der tote diese worte wollte......,

vom 07.05.2019, 15.56
Antwort von Josch:

Ich will vorausschicken, dass dies keine Fehlerverteidigungsrede werden soll, nur der Versuch, meinen Denkansatz zu verdeutlichen: Mir geht es in dem Beitrag nicht um die Verunglimpfung eines Verstorbenen. Es geht mir nicht darum, jemandem vorschreiben zu wollen, was er in die Todesanzeige oder auf den Grabstein schreiben soll. Mir ging es lediglich darum, zu welchen Assoziationen so eine Aussage führen kann. Und ferner, dass man sich gut überlegen sollte, was man in so eine Anzeige schreibt. Ich glaube eben nicht, dass es einen Menschen gibt oder gab, der keine „Feinde“ im Leben hat bzw. hatte. Ich danke dir ganz herzlich für deinen Kommentar, der das Nachdenken fortführt und erweitert. Und das ist die eigentliche Intention meines Blogs.
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