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Bedeutsame Begegnungen und Ereignisse

Bedeutsame Menschen 

Wenn Ende September in München die wichtigsten sechzehn Tage des Jahres anbrechen und die ganze Stadt im Fieber liegt, wenn die Stadt von Dirndl und Pseudotracht überflutet ist und die Medien von den schönen, reichen und bedeutenden Menschen in Wort und Bild berichten, wenn manche Online-Plattform gleich den Preis dieser Dirndln mit angibt – „… ihr Dirndl kostete 20.000,00 € …“, dann hält man es als Normalbürger nur schwer aus, dass manchem Menschen allein wegen eines Kleids oder eines – angenommenen – Bankkontos Bedeutung zugeschrieben wird. Mir ist schon klar, dass ein Bericht über eine gewisse Anna Dingsda nicht zur Kenntnis genommen würde. Da muss man schon mit Menschen aufwarten, die man aus Film und Fernsehen, aus Onlineshops und Influencer-Portalen kennt.



Wer legt fest, ob jemand bedeutend ist

Aber bemisst sich die Bedeutung einer sogenannten öffentlichen Person wirklich an ihrem Bekanntheitsgrad? Viele Medien und News-Portale glauben, uns das weismachen zu können. Sie haben halt sonst nichts, was sie berichten können. Die Bedeutung eines Menschen hängt aber sicher nicht von solchen Äußerlichkeiten ab und auch nicht von einer gewissen Prominenz. Und wenn man kein Wiesngänger ist, kann man schon gar nicht mitreden und darf sich auch kein Urteil darüber erlauben.


Eine seltsame Verschiebung der Wirklichkeit

Da ich schon älter bin und zum Beispiel selbst einige Jahre neben der Theresienwiese gewohnt habe, stelle ich allerdings fest, wie sehr sich die Feier des kollektiven Besäufnisses verändert hat. Mir wäre zum Beispiel vor zwanzig oder dreißig Jahren nie und nimmer eingefallen, eine Pseudotracht anzuziehen, gewissermaßen mich außerhalb der Faschingszeit zu verkleiden. Jahrelang sind wir mit Jeans und Sweatshirt aufs Oktoberfest gegangen. Und niemand hat uns deswegen schief angesehen oder uns mitleidig belächelt.

Vor einigen Jahren waren wir einmal auf der oidn Wiesn wie üblich in unseren Alltagsklamotten. Am Tisch saß ein Herr in respektabler Tracht, mit exorbitantem Gamsbart, Charivari, Krickerlmesser-Attrappe, wovon eben manche Menschen glauben, es gehöre zu einer bayerischen Tracht (wie unspezifisch allein dieser Ausdruck ist!). Als er mitbekam, dass wir bairischen Dialekt sprechen und er uns nicht verstand, fragte er in gutem Hanseatendeutsch, warum wir nicht unsere Tracht anzögen, wenn wir auf das Oktoberfest gingen. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte über so viel "Traditionsbewusstsein". Ich erwähnte nur, dass wir weder Mitglied eines Trachtenvereins noch überzeugt wären, sich für einen Wiesnbesuch verkleiden zu müssen. Schließlich seien früher die Menschen bestenfalls in Anzug und Sonntagskleid auf die Wiesn gegangen und nicht in Tracht. Aber das verstand der Herr aus Hamburg nicht. Es war übrigens unser letzter Wiesnbesuch.


Was einen Menschen bedeutend macht 

Die Bedeutung eines Menschen bemisst sich also weder an seiner Kleidung noch an seinem Besitz, auch nicht daran, ob er prominent ist oder nur ein sogenannter Underdog, wie der Normalbürger neudeutsch genannt wird. Die Bedeutung eines Menschen hat vor einiger Zeit ein leider allzu früh verstorbener Freund in einer festlichen Rede einmal so beschrieben: „Im Kaufhaus Karstadt an der Münchner Freiheit kam kurz vor Weihnachten eine ältere Frau aus der Damentoilette, einfach gekleidet, schwer zu Fuß, mit einer großen Tasche. Sie ging zur Toilettenfrau hin, die war aus Schwarzafrika; sie machte ihre Tasche auf, gab der Toilettenfrau ein schön weihnachtlich eingepacktes Präsent, wünschte frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr. Die schwarze Frau war überrascht und strahlte. In der Tasche der älteren Frau waren noch mehr solcher Päckchen. Gefragt, was sie mit den vielen Päckchen mache, sagte die Frau: „Ja mei, was glaubn's denn, wie viele schwarze nette Toilettenfrauen es hier in Schwabing gibt. Ich gehe jetzt da drüben in ein Café und trinke eine Tasse Kaffee, das mache ich öfter, da ist auch so eine nette schwarze Toilettenfrau.


Die Begegnung macht den Menschen bedeutsam

Die Bedeutung eines Menschen zeigt sich in der unmittelbaren Begegnung, wenn ich einem anderen Menschen etwas Gutes tue, wenn ich mich ihm zuwende, wenn ich mich ihm zeige. Der Arzt, der einem Menschen das Leben rettet oder ihm die Schmerzen lindert oder nimmt, die Krankenschwester, die einen Kranken pflegt oder einen Schwerkranken auf seinem letzten Weg begleitet, der Polizist, der einen Angreifer unschädlich macht oder einen Bedrohten schützt oder meine Anzeige ernst nimmt – das sind für mich Beispiele, was ich unter Bedeutung verstehe. Bedeutsame Begegnungen sind in der Regel Taten, für die sich kein Reporter, kein Fernsehmoderator und keine Influencerin interessieren. Denn diese (Wohl-)Taten sind vermeintlich unspektakulär. Für mich aber sind Menschen, die ihr Leben dem Dienst an Menschen verschrieben haben, die wahren Helden und die wirklich bedeutenden Menschen in unserer Gesellschaft. Nur schade, dass solche Taten, wenn überhaupt, nur dann in den Medien erscheinen, wenn ein sogenannter öffentlicher Mensch davon betroffen ist. Irgendwie verdreht das Ganze …

Abbildung: © Pexels, Johannes Plenio

Josch 26.09.2019, 15.27

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Kommentare zu diesem Beitrag

1. von Gudrun Kropp

Ein super aussagekräftiger (erfrischender) Text, den du da verfasst und mit dem du vollkommen recht hast, lieber Josch. Diese unsere Gesellschaft, vielmehr Medien mit ihren nichtssagenden Meldungen über irgendwelche "C, D-und F"- Promis, die sich dies und das leisten können, ist so was von hohl und überflüssig ... (man denke an das vergoldete Steak des Fußballers Ribery)
Über so viel Oberflächlichkeit kann man noch nicht mal lachen ... weil es einfach nur traurig ist ...
Ich grüß dich -
Gudrun

vom 26.09.2019, 18.29
Antwort von Josch:

Vielen Dank für deinen frischen Kommentar. Dieses seichte Zeug, das man uns täglich zumutet, ist einfach unerträglich. Ob es etwas hilft, dagegen anzurennen, weiß ich nicht. Aber man darf die Augen und den Mund nicht davor verschließen. Zumindest tut es gut zu wissen, dass es Menschen gibt, die auch so empfinden. Danke dafür und herzliche Grüße, josch
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