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Unter den Armen und Elenden Berlins

"Modernes" Elend im Berlin des 19. Jahrhunderts 

Sandler, Penner, Berber werden Obdachlose abfällig genannt. In unserer Gesellschaft werden sie nach Möglichkeit ausgeblendet. Allein der Anblick von Obdachlosen ist vielen Menschen schon zuwider. Da dreht man sich lieber weg und geht ihnen aus dem Weg. Obdachlosigkeit ist nicht das Gleiche wie Wohnungslosigkeit. Obdachlos ist ein Mensch ohne festen Wohnsitz und ohne Unterkunft. Obdachlose Menschen leben auf der Straße, sie übernachten unter Brücken, in Parks, U-Bahnhöfen, Bushaltestellen oder in Bauruinen. Menschen ohne Wohnung dagegen kommen oftmals kurzzeitig bei Freunden, Verwandten oder Bekannten, in Notunterkünften oder speziellen Wohnheimen unter. Sie leben nicht auf der Straße. Und mit Obdachlosen sind auch nicht die organisierten, an nahezu jeder Straßenecke rund um die Bahnhöfe der Großstädte sitzenden Frauen und verstümmelten Männer gemeint.



Obdachlosigkeit in Deutschland

Die Zahl der Obdachlosen in Deutschland ist statistisch nur schwer zu erfassen. Daher geht man von Schätzungen aus. So sollen im Jahr 2016 etwa 52.000 Menschen in Deutschland obdachlos gewesen sein. Es ist für eine Gesellschaft bezeichnend, wie sie mit den Ärmsten der Armen umgeht. Und letztendlich ist der Umgang mit den Menschen an den Rändern unserer Gesellschaft entscheidend für die Stabilität einer Gemeinschaft. Humanität zeigt sich vor allem daran, inwieweit man bereit ist, sozial schwächere Menschen am Wohlstand teilnehmen zu lassen. Obdachlosigkeit gibt es nicht erst seit wenigen Jahren. Sie existiert, seit es Urbanisierung gibt.


Hans Richard Fischer: Unter den Armen und Elenden Berlins. Streifzüge durch die Tiefen der Weltstadt

Walde + Graf Verlagsagentur und Verlag. 128 Seiten, gebunden. 15,00 €. ISBN 978-3-946896-44-9


Unter den Armen und Elenden Berlins ...

... heißt das Buch, das bereits 1887 erschienen ist und nun vom Walde + Graf Verlag in Berlin neu aufgelegt wurde. Der Autor, Hans Richard Fischer, entstammte selbst ärmlichsten Verhältnissen, verbrachte als Waise teils im städtischen Armenhaus in Breslau, teils bei Pflegeeltern seine Kindheit und musste durch harte Arbeit seinen Lebensunterhalt verdienen. Ohne Schulabschluss eignete er sich im Selbstunterricht und durch eigene Studien die notwendige Bildung an und wurde ein erfolgreicher Journalist und Redakteur. Aufgrund seiner Biografie ist es nicht verwunderlich, dass ihn das Thema Armut und sozialer Abstieg in besonderer Weise interessiert haben. In seinem Buch schildert er das Leben der Ärmsten in Berlin. Er besuchte Asylunterkünfte, Heime für schwer Erziehbare, psychiatrische Anstalten, sogenannte Irrenanstalten, Siechenhäuser und sogar ein Leichenschauhaus, speziell für Arme, Selbstmörder und einsam Verunglückte und durch unbekannte Todesursache aus dem Leben Geschiedene. So schreibt er, dass vom 1. April 1884 bis 31. März 1885 87.314 Personen das städtische Asyl für nächtliche Obdachlose in Berlin frequentiert haben. Das sind zwar deutlich mehr Menschen als 2016 für ganz Deutschland, aber letztendlich sind 52.000 Menschen immer noch viel zu viele, die auf der Straße leben müssen.

In Fischers Berichten spürt man den Respekt, den er den Elenden, den Gestrandeten, Verwahrlosten, den geistig Verwirrten und Behinderten, den psychisch Kranken und Armen, den gefallenen Mädchen und Prostituierten zollt. Man spürt auch die Hochachtung, die er Ärzten, Pflegern und Betreuern entgegenbringt.

  »Vor einigen Jahren sagte ein Gymnasiallehrer, welcher das Privat-Asyl zur Aufhebung bringen wollte: Der Anblick zusammengehäuften Elends gewährt unserem ästhetischen Sinne keine Befriedigung – Eine solche Bemerkung war zwar weder geistreich noch mitleidsvoll, aber sie war nicht Wenigen aus der Seele gesprochen.« 


Warum ich das Buch lesenswert finde

Das Buch ist nicht nur interessant, weil es das Engagement für die sozial Schwächsten im ausgehenden 19. Jahrhundert in Berlin zeigt, sondern weil sich daran ablesen lässt, welche Entwicklungen die sozialen Einrichtungen, die Medizin und die Gesellschaft insgesamt seitdem genommen haben und in welchen Bereichen es seit 150 Jahren Stillstand zu geben scheint. Und das betrifft nicht nur die Begrifflichkeit, die das Denken der damaligen Zeit widerspiegelt. Man spricht Gott sei Dank nicht mehr von gefallenen Mädchen, von Dirnen, von Idioten und Irrenanstalten, von Elenden und Stumpfsinnigen, von Microcephalen mit niedrigen Stirnen und ähnlichem.

Seit 150 Jahren aber lässt sich soziales Elend und Leid nur durch Menschen lindern, denen es nicht egal ist, wie es anderen geht, die das Leid nicht kalt lässt und die nicht nur auf den eigenen Vorteil bedacht sind. Soziales Engagement für die Ärmsten der Armen war damals und ist heute eine Herausforderung für die gesamte Gesellschaft. Wir dürfen das Leid nicht aus dem Blick verlieren. Insofern ist dies ein lesenswertes Buch, das verlegerischen Mut beweist in einer Welt, in der hoffentlich außer Krimis und Chick-Lit auch noch Bücher gelesen werden, die zum Nachdenken und sozialem Handeln anregen.  

Josch 05.12.2019, 20.00

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