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Klee Wyck – die, die lacht

Leben mit den Ureinwohnern Nordamerikas

Der Mord an Georg Floyd, einem Schwarzen, am 25. Mai 2020 durch einen weißen Polizisten löste weltweit Proteste aus. Sie führen uns in erschreckender Weise vor Augen, dass nicht nur die schwarze Bevölkerung in den Vereinigten Staaten unter offenem und verstecktem Rassismus zu leiden hat, sondern sie konfrontiert uns auch mit unserem eigenen, persönlichen Rassismus, unseren Vorurteilen und Ausgrenzungen. Rassismus richtet sich nicht nur gegen Schwarze. Er betrifft Menschen mit anderer Hautfarbe, Herkunft, Sprache, Kultur, ja sogar Kleidung, Bräuchen und anderer Religion. In den allermeisten Fällen denken weiße Menschen bei der Konfrontation mit Rassismus vor allem an schwarze Menschen. In Nordamerika aber gibt es auch nach wie vor rassistisches Denken gegenüber der indigenen Bevölkerung, den Ureinwohnern Nordamerikas. Wie befreiend, liebevoll und faszinierend ist doch das in diesem Frühjahr erschienene Buch "Klee Wyck – Die, die lacht" von Emily Carr, das im Verlag Das kulturelle Gedächtnis erschienen ist.



Die Autorin

Emily Carr, geboren am 13. Dezember 1871 in Victoria, British Columbia, gestorben am 2. März 1945, studierte Kunst in San Francisco und London und wurde bei einem längeren Aufenthalt in Paris vom Impressionismus inspiriert. Ihr literarisches und malerisches Schaffen dokumentiert vor allem das Leben und die Kultur der Ureinwohner der pazifischen Nordwestküste. Sie gilt heute als eine der bedeutendsten kanadischen Künstlerinnen ihrer Zeit. Diese Anerkennung wurde ihr erst spät zuteil, obwohl ihrem Werk bereits zu Lebzeiten in Vancouver große Einzelausstellungen gewidmet wurden. 


Das Buch

Das Buch erschien bereits 1941. Es war ihr Debüt als Schriftstellerin. "Die Kritik nahm diese Sammlung von einundzwanzig Kurzgeschichten und Wortskizzen in ihrer kraftvollen, lebendigen Schlichtheit sofort begeistert auf", schreibt Kathryn Bridge, Archivarin in den British Columbia Archives, im Vorwort des Buches. Dort erfährt man auch, dass die Autorin "keine Regeln fürs Schreiben" kannte. Und das ist in diesem Fall gut so, wie ich meine. Denn die Autorin hat wie als Malerin keinen Strich zu viel oder zu wenig gesetzt. Man merkt, wie Kathryn Bridge auch bemerkt, dass Emily Carr jedes einzelne Wort abwog und großteils ohne schmückendes Beiwerk auskommt. Nicht nur dieser markante Stil ist es, der das Lesen zum Genuss macht. Sie hat auch kein Blatt vor den Mund genommen, was dazu führte, dass das "von Emily Carr vollendete und Wort für Wort autorisierte Manuskript ein paar Jahre nach ihrem Tod von einem neuen Verleger zensiert worden war, ohne dass er dies den Lesern mitgeteilt hätte" (aus dem Vorwort). Um so bedeutungsvoller ist daher die erstmalig in deutscher Sprache erschienene Ausgabe, die diese Zensur rückgängig gemacht und das Werk wieder in seine ursprüngliche Form gebracht hat.


Die Inhalte

Das Buch enthält 21 literarische Skizzen, die auf liebevolle Weise das Leben der Ureinwohner  beschreiben. Die klare und poetische Prosa beschwört Totems, verlassene Dörfer, die Schönheit der Landschaft und den Alltag der dort lebenden Menschen. Die sehr unterschiedlichen Texte zeigen eine Frau, die den so anderen Menschen respektvoll und auf Augenhöhe  begegnet. Und sie ist immer gleichwertiger Teil der kleinen Gesellschaft, in der sie sich bewegt. Es fällt mir schwer, einen der 21 Texte hervorzuheben, sie haben alle in ihrer Unmittelbarkeit einen ganz besonderen literarischen Reiz. Und sie führen uns eine Kultur vor Augen, die immer mehr an den Rand gedrängt wird. Dabei ist die Kultur so vielschichtig, wie die vielen unterschiedlichen indigenen Völker und Stämme. In besonderer Weise hat mich allerdings die Skizze "Die Bluse" berührt, in der es um das Sterben einer alten Frau geht:

Das Häufchen Knochen und welker Haut auf der Matratze in der Hütte wusste, dass der Tod nah war (...) "Gibt es etwas, das ich für dich tun kann, Mary?" – "Gut", flüsterte sie und klammerte sich weiter an meinen Ärmel. (...) "Sie möchte deine Bluse", sagte die Frau, während sie sich über Mary bückte. – "Sie will meine Bluse?" – "Hm hm – für das Grab." – "Um darin begraben zu werden?" – "Nein, für das Grab-Haus."

Ich verstand. Mary besaß jetzt nicht mehr viel, aber einst war sie eine wichtige Person gewesen. Sie würden ihr ein kleines, hölzernes Haus bauen, durch dessen Fenster man auf ihr Grab blickt. Dort würden dann ihre wenigen Habseligkeiten ausgestellt, die wenigen verbliebenen Kleinigkeiten aus ihren guten Tagen. Meine Bluse wäre eine Beigabe. (...)

Ich zog meine Bluse aus und streifte mir die Jacke über. Dann legte ich sie in Marys Schoß. Ihre Hände ruhten auf ihr, als sie starb.


Fazit

Ein kleines Buch mit enormer Aussage in einer Welt, in der rassistische Vorurteile, Kampf und Unterdrückung bis hin zum Mord an Menschen anderer Hautfarbe oder fremder Ethnien an der Tagesordnung sind, aktuell und tief berührend. Ich liebe solche Literatur und fände es großartig, wenn das Buch in den Kanon lesenswerter Literatur im Schulunterricht aufgenommen würde. Einziges Haar in der Suppe: Das mitunter nicht besonders sorgsame Korrektorat, das inkonsequente Zeichensetzung und manchen grammatischen Fehler stehen ließ.

Emily Carr: Klee Wyck – Die, die lacht. Reportagen. Aus dem Englischen übersetzt von Marion Hertle, herausgegeben von Peter Graf. 128 Seiten. ISBN: 978-3-946990-37-6, 20,00 €

Josch 27.07.2020, 15.31

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Kommentare zu diesem Beitrag

1. von Christel Boßbach

"Kurzgeschichten", "literarische Skizzen", "Reportagen" - interessant, dass alle drei Kategorien verwendet werden zur Einordnung. Was mir zeigt, dass es im Verständnis der Leser*innen liegt oder anders ausgedrückt: aktuell kann auch ein vor 80 Jahren entstandenen Text sein- egal ob Zeitung, Zeitschrift, Buch oder e-book...

vom 27.07.2020, 16.19
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