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Abschied ist kein kleiner Tod

Abschied ist etwas Riesiges

„Abschied ist kein kleiner Tod, Abschied ist etwas Riesiges“, sagt André Heller, und er spricht damit Menschen aus der Seele, die sich von einem lieben Menschen, und wenn es auch nur für kurze Zeit ist, trennen müssen. Und Heller weiter: „Die Menschen haben ja keine Ahnung, die sagen, Abschied sei ein kleiner Tod.“ Ganz gleich, wie viele Abschiede wir in unserem Leben schon durchmachen mussten, es schmerzt immer wieder, und der Schmerz lässt sich durch die Anzahl der Abschiede oder Trennungen nicht leichter ertragen, als könne  der Trennungsschmerz eingeübt werden. Es gibt auch keine schmerzstillende Arznei. Und in vielen Fällen hilft nicht einmal die Zeit, von der der Volksmund sagt, sie heile alle Wunden, man lernt nur, mit dem Schmerz zu leben, habe ich auf einem Blog gelesen. Und auch dieser Aussage möchte ich aus tiefster Überzeugung zustimmen.



Abschiede sind immer schmerzlich

Im Laufe unseres Lebens müssen wir uns von vielen Menschen trennen, der eine von mehr, die andere von weniger Menschen. Aber selbst wenn wir den Abschied selbst initiiert haben, wenn es unsere Entscheidung war, die zu der Trennung geführt hat, wenn wir vielleicht im ersten Moment oder in der ersten Zeit erleichtert aufatmen, weil wir diese Phase unseres Lebens endlich hinter uns haben und wir wieder offen für etwas Neues, vielleicht für eine neue Beziehung sind, so lassen sich die Trennungs- und Verlustgefühle nicht einfach ignorieren. Wir brauchen nur auf unsere Träume zu achten: Sie weisen uns den Weg zu unseren wahren und tief empfundenen, im Wachzustand nur verdrängten Gefühlen. Ich habe vor längerer Zeit irgendwo gelesen: Ein Mensch, der sich nicht trennen könne, dürfe sich nicht verbinden. Das ist sicher richtig. Ein rationaler Umgang mit der Trennung mag diese erleichtern, den damit verbundenen Schmerz wegmachen kann auch eine noch so gute theoretische Erklärung leider nicht. Letztendlich kommen wir nicht daran vorbei, uns den Gefühlen zu stellen und sie zuzulassen.

Was war es für ein Mensch, der mich verlassen, der sich von mir verabschiedet hat oder der von uns gegangen ist? Was hat ihn für mich so wertvoll gemacht? Was war es, was mich so stark zu ihm hingezogen hat? Welche Träume und Fantasien löste er oder sie in mir aus? Warum tut es mir so weh, dass er nun – vielleicht auch nur für eine bestimmte Zeit – nicht mehr da ist?


Über den Trennungsschmerz sprechen

Im Grunde hilft es nur, mit anderen Menschen, zu denen ich Vertrauen habe, über meine Trennungsschmerzen zu sprechen. Und oft hilft sogar nur die professionelle Unterstützung durch eine Psychologin, einen Arzt, eine Gruppe Gleichgesinnter (nicht nur Selbsthilfegruppen). Handelt es sich um einen Abschied auf Zeit, machen wir uns in der Regel keine großen Gedanken. Wir sehen uns ja wieder. Aber ist das so sicher?


Kleine Abschiede

Natürlich können wir uns nicht bei jedem alltäglichen Abschied in existenzielle Tiefen stürzen. Dann könnten wir uns ja auf nichts anderes mehr konzentrieren. Wir dürfen darauf vertrauen, dass wir uns wiedersehen. Aber wie oft gibt es kleine Abschiede, die in uns so etwas wie Heimweh auslösen? Wenn unser Kindergartenkind zum Beispiel zum ersten Mal mit seiner Gruppe oder seinem Hort ohne uns, also ohne Eltern, verreist, eine Kinderfreizeit besucht. Oder wenn unser Kind für ein paar Tage zu Oma und Opa oder Tante und Onkel fährt. Welche Mutter oder welcher Vater hat beim Abschied nicht auch heimlich oder auch offen eine Träne verdrückt.

Und wie geht es Eltern, deren – fast erwachsene – Kinder für längere Zeit ins Ausland gehen, z. B. bei einem Schüleraustausch in Neuseeland oder Australien und zum ersten Mal für einige Monate das Elternhaus verlassen?


Wenn die erste Liebe zerbricht

Besonders schmerzhaft ist es, wenn die erste, große Liebe zerbricht. Der Schmerz ist auch deswegen so stark, weil man als junger Mensch noch nicht so viele Trennungen und Abschiede durchleben musste. Und auch da gibt es die unterschiedlichsten Verhaltensweisen und Verarbeitungsmethoden. Ungleich größer ist der Schmerz bei demjenigen, der verlassen wurde (wenngleich zu jeder Trennung bekanntlich zwei gehören). Wie oft hört man von Menschen im Rentenalter, die nach fünfzig und mehr Jahren ihre erste große Liebe wiedergefunden haben und endlich mit ihr bzw. ihm zusammen sein können. Als habe sich all die vielen Jahre an den Gefühlen nichts verändert. Welch wehmütige Gefühle können unverarbeitete erste große Trennungen noch nach vielen vielen Jahren auslösen, wenn man an die große Liebe denkt! Der Kopf vergisst nicht. Die Gefühle bleiben, bleiben bis ans Ende des Lebens.

Welch ungebrochene Sehnsucht doch hinter solchen Erinnerungen steht. Es ist, als sei eine Wunde nie richtig verheilt, als sei sie so zart, dass sie jeden Moment wieder aufzubrechen droht, wenn wir daran rühren … !

Beinahe verstummt,

beinahe noch

den Ruf hörend.

Komm. Nur einmal.

Komm.

Ingeborg Bachmann: Das dreißigste Jahr. © Piper Verlag


Trennung von Freunden

Mir geht es auch mit dem Verlust von Freunden (sowohl weiblich wie männlich) so. Und damit meine ich nicht den Verlust durch Tod, sondern die ganz gewöhnlichen Trennungen, sei es, weil einer von uns in einen anderen Ort gezogen ist, sei es, weil sich unsere Interessen verändert haben, oder sei es, weil wir nach einem Streit nicht mehr zusammengefunden haben. Vielleicht, weil der andere von mir zu sehr gekränkt und verletzt wurde und sich künftig solche Erfahrungen ersparen möchte. 


Endgültig Abschied nehmen?

Wie sehr der Tod eines geliebten Menschen schmerzt, das möchte ich im Augenblick gar nicht  thematisieren. Obwohl dieser Abschied meines Erachtens besser zu verarbeiten ist, als eine „normale“ Trennung von einem geliebten oder mir einmal sehr nahestehenden Menschen, von dem ich weiß, dass er weiterlebt, aber mit mir nichts mehr zu tun haben möchte.


"Wendepunkte sind der Schmelztiegel unseres Lebens, sind die Stufen unseres Geborenwerdens und der Bildung unseres Selbst. Kein Wendepunkt, der nicht von Gefühlen des Sterbens gezeichnet wäre, keine Selbstbildung ohne Abschied und Verlust.“ Stanley Keleman. © Piper Verlag.


Der Abschied durch Tod ist leichter zu akzeptieren als der alltägliche Abschied, auch wenn der Schmerz ein Leben lang bleibt. Zum Glück aber wird dieser Schmerz im Laufe der Zeit leichter, bis er eines Tages nicht mehr belastet. Im Gegensatz zu den „kleinen“ Abschieden, die rational nicht nachvollziehbar sind. Abschied ist meines Erachtens wirklich etwas Riesiges, wir können nur weiterleben, wenn wir ihn zulassen, wenn wir ihn nicht nur uns selbst anlasten, wenn wir es schaffen, uns abzulenken, uns zu betäuben, ohne zu verdrängen. Aber das ist manchmal leichter gesagt als getan …

Abbildung: Copyright (c) pexels

Josch 13.05.2018, 18.23

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