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Alternative für Dummköpfe

Remigriert euch ins Knie

Demonstrationen haben in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland Tradition. Großdemonstrationen wie beispielsweise zur Zeit der APO, also der außerparlamentarischen Opposition in den 1960er-Jahren, waren bis vor Kurzem eher selten. Die APO war eine Bewegung, die sich aufgrund der ersten Großen Koalition aus CDU/CSU und SPD 1966 gebildet hatte. Außerparlamentarisch, weil die Opposition im Parlament nur aus der FDP mit 50 Sitzen bestand gegenüber 468 Sitzen der Regierungsparteien. Da formierte sich die Opposition auf der Straße. Der Höhepunkt der Demonstrationen fand im April 1968 nach dem Attentat auf Rudi Dutschke statt.



Wer war Rudi Dutschke

Rudi Dutschke war das Gesicht der Studentenbewegung, er war Führer und Chefideologe der rebellierenden demonstrierenden Jugend, Vorstandsmitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), einer der Anführer der APO und ein glänzender Redner wie es in Deutschland nur wenige gibt und gab. Dutschkes Protest richtete sich vor allem gegen den Vietnamkrieg, die Notstandsgesetze und den Imperialismus. Der von ihm propagierte »Marsch durch die Institutionen« war eine langfristige Strategie, die etablierten Institutionen von innen heraus auszuhöhlen und dadurch zu einer neuen Form der Demokratie und Bürgerbeteiligung zu kommen. Am 11. April 1968 lauerte Josef Erwin Bachmann, ein 23-jähriger, bereits straffällig gewordener Bauhilfsarbeiter, Rudi Dutschke in der Nähe des Büros des SDS auf und verletzte ihn mit drei Schüssen lebensgefährlich. Als Bachmann nur wenig später festgenommen wurde, gab er zu Protokoll: »Ich möchte zu meinem Bedauern feststellen, dass Dutschke noch lebt. Ich hätte eine Maschinenpistole kaufen können. Wenn ich das Geld dazu gehabt hätte, hätte ich Dutschke zersägt.«

 

Demonstrationen nach dem Attentat auf Rudi Dutschke

Danach gehen in ganz Deutschland weit über 400.000 Menschen auf die Straße und demonstrieren gegen die Springer-Presse. Mehr als 500 Menschen werden verletzt, zwei Menschen sterben, 600 werden von der Polizei festgenommen.

Bachmann begeht 1970 im Gefängnis Selbstmord. Rudi Dutschke stirbt am Heiligen Abend 1979 an den Spätfolgen des Attentats.

 

Großdemonstration im Bonner Hofgarten

Am 10. Oktober 1981 fand im Hofgarten in Bonn eine Großdemonstration gegen den NATO-Doppelbeschluss, also die atomare Aufrüstung, statt, an der über 300.000 Menschen aus ganz Deutschland teilnahmen. Einer davon war ich. Wir fuhren in der Nacht mit dem Bus von München aus nach Bonn, um an der Demo teilzunehmen. Sprecher an diesem Samstag waren unter anderen Erhard Eppler, damals einer der führenden SPD-Politiker und Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Petra Kelly, die charismatische Mitbegründerin der Grünen und internationale Menschenrechtsaktivistin, und der Nobelpreisträger für Literatur Heinrich Böll. Es war beeindruckend. Dieses Großereignis wird immer in mir weiterleben. Demos können etwas bewirken.

 

Bundesweite Demos gegen Rechtsextremismus

Und nun gehen wieder Hunderttausende auf die Straße in Deutschland. »Nie wieder ist jetzt!« oder »Deutschland ist bunt« oder »Remigriert euch ins Knie!« – »Es lebe die Demokratie«. Mehr als 250 Demonstrationen waren es am 27./28. Januar 2024. Allein in Düsseldorf nahmen 100.000 Menschen daran teil, und am 21. Januar in München waren es 200.000. Warum die Polizei die Zahlen bewusst herunterspielt, wie ein Leser aus Olching in der Süddeutschen Zeitung vom 27. Januar 2024 schreibt, bleibt ein Rätsel.

Am mutigsten sind meines Erachtens jedoch die Demos in den Hochburgen der AfD im Osten Deutschlands. Sie finden nicht in heimeliger Atmosphäre unter vielen Gleichgesinnten, geschützt von der Polizei statt. Sie trotzen Anfeindungen, Angriffen und Ausgrenzungen und bringen ihre freiheitlich-demokratische Überzeugung zum Ausdruck. Die braune Politik der AfD und Hubert Aiwangers Gefasel von der schweigenden Mehrheit dürften jedenfalls hinreichend widerlegt sein. Weder schweigt die Mehrheit noch pflichtet sie Aiwanger oder der AfD bei. Ganz im Gegenteil. Deutschland steht auf. Ob die Demos allerdings den Höhenflug der AfD im Osten unseres Landes stoppen können, wird sich noch zeigen. Es bleibt nur zu hoffen, dass der eine oder andere Wut- und Protestwähler doch noch zur Besinnung kommt. Die Demos zeigen jedenfalls allen Unkenrufen zum Trotz, dass die Demokratie funktioniert, dass die AfD und mit ihnen die strammen Anhänger eines Hubert Aiwanger in der Minderheit sind. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Angst der Rechtsextremen vor dem vermeintlich Fremden die Demokratie erschüttert. Ich bin mir sicher, dass die Angsthasen noch nie mit einem Migranten, mit einem Asylsuchenden zu tun hatten. Dass sie sich noch nie darum bemüht haben, fremden Menschen näherzukommen, sie zu verstehen und zu merken, wie bunt und lebendig damit ihre enge Welt werden würde. Sie setzen alles daran, in ihrer Blase zu bleiben und zu versauern. Wie langweilig und kackbraun doch so ein Leben sein muss …

 

Abbildung: © pexels.com/dominik türk

Josch 31.01.2024, 16.01

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Kommentare zu diesem Beitrag

1. von Wilfred Nann

Danke für den Beitrag. Ja auch ich war in Bonn dabei
Der Unterschied zu heute ist wohl, dass die z. Z. etablierten Parteien den Aufstand für Demokratie gut finden
Dass wir insgesamt einen Rechtsruck die letzten Jahre haben, daran sind die ehemaligen " Volksparteien" nicht ganz unschuldig.
Trotzdem ist es wichtig und richtig Jetzt auf die Straße zu gehen
W.N.

vom 31.01.2024, 21.16
Antwort von Josch:

Vielen Dank für den Kommentar. Ich wollte eigentlich noch die Großdemonstrationen 1989 in der DDR erwähnen, die 1990 schließlich zur Wiedervereinigung der beiden Staaten führten, aber das ist noch einmal eine ganz andere "Nummer", die einen eigenen Beitrag verdienen würde. jkp
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