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Ausgewählter Beitrag

Celeste Ng (Ing): Was ich euch nicht erzählte

Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit

Lydia Lee, 16 Jahre, Tochter und zweites Kind der Familie Lee wird vermisst. Lydia ist das Lieblingskind der Eltern, weil sie nach Meinung des Vaters wie ihre Mutter aussieht, obwohl sie keine blonden Haare wie ihre Mutter hat, sondern schwarze und auch sonst eindeutig typisch asiatische Züge trägt wie ihr Vater, der chinesische Einwanderer der zweiten Generation, während die Mutter, Marilyn, eine typisch amerikanische Frau ist mit blonden Haaren, blauen Augen, blasser weißer Haut und Sommersprossen.



Marylin hat Medizin studiert, wollte Ärztin werden, hat in einem Geschichtskurs, James, den Universitätsdozenten, kennengelernt und sich sofort in ihn verliebt. Sie gab das Studium auf, um sich für die Familie zu entscheiden. Die Familie führt ein unspektakuläres, wenig beachtetes Leben, bis Lydia verschwindet und nach einigen Tagen tot aus dem nahen See geborgen wird.

Der Tod Lydias zwingt die Familie zur Auseinandersetzung mit sich selbst. Marilyn kann einfach nicht glauben, dass Lydia, ihre begabte, freundliche und verantwortungsbewusste Tochter Selbstmord begangen haben soll. In der Familie schien es bis zum Tod Lydias keine Konflikte gegeben zu haben. Zumindest haben Marilyn und James nicht bemerkt, wie sehr sie Nath, den älteren Sohn, und Hannah, die jüngste Tochter, vernachlässigt, unbeachtet ließen, während sie Lydia ihre ganze Aufmerksamkeit schenkten und dabei auf Lydia all ihre eigenen Desiderate projizierten: Marilyn wollte, dass sich in Lydia ihr Traum als Medizinerin verwirklichen würde. Sie wollte nicht wahrhaben, dass dies an Lydias eigenen Wünschen vorbeiging. Und James glaubte, Lydia verwirkliche die sozialen Kontakte, die ihm in seiner Jugend und Schulzeit als Chinese versagt blieben.

Nath, dem eine herausragende wissenschaftliche Karriere bevorsteht und der einen Studienplatz in Harvard bekommt, merkt nicht, wie sehr Lydia an ihm hängt, wie sehr sie ihn bräuchte, und Hannah, die so viel sieht, bemerkt und mitbekommt, wird vom Rest der Familie gänzlich übersehen.

Lydia freundet sich mit Jack an, dem vermeintlichen Frauenhelden der Schule. Jack ist ein gutaussehender Sohn der alleinerziehenden Ärztin Janet Wolff. Mit Jack hat sie ihren ersten Geschlechtsverkehr, doch Jack ist in Wirklichkeit in Nath verliebt, wovon Nath aber nichts weiß.

Einige Jahre vor dem Selbstmord Lydias war Marilyn einmal für zwei Monate spurlos verschwunden, um ihr Medizinstudium wieder aufzunehmen und es abzuschließen. Doch da stellt sie fest, dass sie erneut schwanger ist und kehrt zur Familie zurück. Von diesem Zeitpunkt an projiziert sie alle ihre beruflichen Wünsche auf Lydia, ohne zu merken, wie schwer Lydia sich mit den naturwissenschafltichen Fächern tut, dass sie lieber eine Kette zum Geburtstag geschenkt bekäme als irgendwelche Physikbücher. Da sind zum Beispiel Lydias Tagebücher, die Marilyn ihr schenkte, im Glauben, Lydia würde sich darüber freuen und fleißig Tagebuch schreiben, und dann muss sie nach Lydias Tod feststellen, dass keine einzige Seite der Bücher beschrieben ist. Und Lydia hatte zu ihren Klassenkameradinnen keinerlei Kontakt, wie James immer geglaubt hatte.

Mit den immer weiter auseinanderführenden Auseinandersetzungen nach dem Tod Lydias beginnt James eine Affäre mit seiner jungen chinesischen Assistentin Louisa, die er beendet, als endlich die Dinge ausgesprochen sind, die so viele Jahre unter der Decke waren. Endlich wird Hannah zur Kenntnis genommen, endlich sieht sich James nicht mehr nach blonden Frauen um, sondern akzeptiert, so zu sein, wie er ist, der aus ärmsten Verhältnissen kam und der die Ablehnung, die er als Chinese von seiner amerikanischen Umwelt erfuhr, seinen Kindern ersparen wollte, was leider nicht gelang. Endlich akzeptiert Marilyn, dass es ihr Wunsch war, Medizinerin zu werden, nicht der Lydias. Nun können sich James und Marylin wieder versöhnen. Und sogar Nath und Jack werden nach einer einseitigen körperlichen Auseinandersetzung, bei der sich der größere Jack nicht zur Wehr setzt, weil er Nath liebt, zu einem Liebespaar.

Der Text destilliert die verborgenen inneren Wirklichkeiten einer ungewöhnlichen, der Distanz ausgesetzten Mischlingsfamilie heraus. Es entsteht dabei das bewegende Bild einer Familie, die mit sich selbst und ihrer gesellschaftlichen Position hadert, und das eines jungen Mädchens, das hoffte, diesem Konflikt entkommen zu können.

Celeste Ng (sprich: Ing) wuchs in Pittsburgh, Pennsylvania und in Shaker Heights, Ohio auf. Sie studierte in Harvard und machte den Master an der University of Michigan. Ng schrieb Erzählungen und Essays, die mit dem Hopwood Award und dem Pushcart Prize ausgezeichnet wurden. 'Was ich euch nicht erzählte' ist ihr erster Roman, ein New York Times-Bestseller, der in 20 Sprachen übersetzt wurde und auch verfilmt wird.

Dtv 2016., 288 Seiten, 19,90 €

ISBN 978-3-423-28075-4

Josch 27.05.2016, 15.29

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