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Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah

Eine Buchbesprechung

Zu meinem Geburtstag haben mir Freunde das Buch „Americanah“ von Chimamanda Ngozi Adichie geschenkt, weil sie wissen, dass ich mich seit Langem mit dem Thema Rassismus auseinandersetze, obwohl es gar nicht so leicht ist, mir ein Buch zu schenken. Nicht umsonst war einer der Schwerpunkte in meinem Studium Literatur von 1900 bis 1950. Und die rassistischen Umtriebe, schon im Vorfeld der Naziherrschaft, wurden in zahlreichen Romanen und in unterschiedlichen Facetten der deutschsprachigen Literatur dieser Jahre thematisiert und bearbeitet. Und in letzter Zeit war es vor allem US-amerikanische Literatur, die es mir in besonderer Weise angetan hat, von Harper Lee über Richard Powers bis hin zu Stephen L. Carter, um nur einige zu nennen



Ist der Roman einer Feministin für Männer geeignet?

Und nun also der Roman einer nigerianischen Feministin. Ich muss gestehen, dass ich zunächst skeptisch war. Adichie ist doch eine Feministin, überlegte ich. Wie wird wohl die Autorin das Thema Männer in diesem Roman behandeln? Ich begann zu lesen und legte das Buch nach etwa 30 Seiten wieder weg, wie es mir oft geht mit Literatur, die mich zu einem späteren Zeitpunkt einfach nicht mehr loslässt. In den meisten Fällen hat es gar nicht so sehr mit dem Buch selbst zu tun, sondern mit mir persönlich und meiner eigenwilligen Art, wie ich mich in einen Text hineinbegebe. Als ich das Buch ein paar Wochen später wieder zur Hand nahm, konnte ich einfach nicht mehr aufhören zu lesen. Und ich habe den Roman auch auf Radio Buh im Dezember besprochen.

 

Eine intellektuelle Nigerianerin bloggt über Rassismus

Ifemelu ist eine Nigerianerin, die in Princeton studiert hat und mittlerweile einen sehr erfolgreichen Blog zum Thema „Raceteenth – oder: Ein paar Beobachtungen über schwarze Amerikaner (früher als Neger bekannt) von einer nicht-amerikanischen Schwarzen“ unterhält. Sie lebt nun mit einem intellektuellen schwarzen Amerikaner zusammen und will nach über 13 Jahren wieder zurück nach Nigeria, in ihre Heimat. Und das, obwohl sie in Nigeria eine mehr als ungesicherte Zukunft erwartet. Von den Frauen, die nach einem längeren USA-Aufenthalt wieder nach Nigeria zurückkehren, stammt auch der Titel des Buches. Sie werden „Americanah“ genannt, weil sie nun ein eigenartiges Englisch sprechen und ständig Wasserflaschen mit sich herumtragen, wie man es eben in Amerika macht.

In Rückblenden erzählt der Roman das Leben von Ifemelu und Obinze, Ifemelus große Liebe. Während Ifemelu nämlich ein Stipendium für Princeton erhalten hatte, hatte sich Obinze illegal nach England durchgeschlagen, wo er eigentlich studieren wollte. Doch er wurde entdeckt und nach Nigeria abgeschoben.

Ifemelu kann sich anfänglich nur mit Schwarzarbeit über Wasser halten und macht dabei erstmals die Erfahrung, dass ihre Hautfarbe in Amerika von größter Bedeutung ist: Ich kam aus einem Land, wo Rasse keine Bedeutung hatte. Ich hatte mich selbst nie als Schwarze wahrgenommen. Zu einer Schwarzen wurde ich erst, als ich nach Amerika kam. Wenn du schwarz bist in Amerika und dich in eine weiße Person verliebst, dann ist Rasse bedeutungslos, solange du mit deinem Liebsten allein bist. Sobald du aber aus der Tür trittst, wird Rasse wichtig. Aber wir reden nicht darüber. Wir erzählen unserem weißen Partner nichts von all den kleinen Dingen, die uns nur noch nerven, oder von den Dingen, von denen wir uns wünschten, dass sie sie besser verstehen. Wir sagen nichts, weil wir uns sorgen, dass sie uns erzählen, dass wir überreagieren oder dass wir zu empfindlich seien.

Warum Ifemelu den Kontakt zu Obinze abbricht, hat mit einem furchtbaren Ereignis zu tun: In ihrer anfänglich finanziellen Not war sie gezwungen, einem Weißen für Geld zu Willen zu sein. Aus Scham darüber brach sie den Mail-Kontakt zu Obinze ab. Doch ihre Gefühle sind stärker. Sie lassen sich nicht einfach verdrängen. Obinze ist inzwischen sehr reich, verheiratet und hat ein Kind. Und da tritt Ifemelu wieder in sein Leben. Aber die Zeit ist eben nicht stehen geblieben. Die Menschen haben sich weiterentwickelt, und sie haben die Bedingungen, unter denen sie leben, verändert. Es wird eine lange und anstrengende Zeit der Annäherung und der Flucht- und Distanzversuche.

Und dann, an einem wohligen Sonntagabend, sieben Monate nachdem sie ihn zuletzt gesehen hatte, stand Obinze vor ihrer Tür. Sie starrte ihn an. „Ifem“, sagte er.

Es war so eine Überraschung, ihn wiederzusehen, seinen kahlgeschorenen Kopf und seine wunderbar sanften Gesichtszüge. Sein Blick war eindringlich, intensiv, und sie sah das Auf und Ab seines heftigen Atems...

 

Rassismus, Identität und Liebe

Americanah ist ein Roman, der das Leben in den Staaten und in Negeria auf unglaublich präzise und einfühlsame Weise  mit den Augen einer hochintellektuellen und erotischen jungen Nigerianerin zeichnet. In diese so sehr unterschiedlichen Welten – den USA auf der einen und Nigeria mit über 180 Millionen Einwohnern der mit Abstand bevölkerungsreichste Staat Afrikas auf der anderen Seite – wird man als „weißer“ Leser hineingezogen und kommt davon einfach nicht mehr los. Dieses Eintauchen in diese Welt führte bei mir dazu, mich mit meinem eigenen Rassismus auf eine ganz neue Weise auseinanderzusetzen. Zumal es nicht nur ein hochaktueller, gesellschaftspolitischer, sondern auch ein ungemein sanfter und ehrlich-erotischer Roman ist, der Chimamanda Ngozi Adichie da gelungen ist. Nicht nur für mich zählt er daher zur modernen Weltliteratur. Ich habe danach sofort „Die Hälfte der Sonne“ gelesen, den ich demnächst vorstellen möchte und der mich noch einmal auf ganz andere Weise zutiefst betroffen gemacht hat. Ich hoffe, dass es noch viele Romane von Chimamanda Adichie geben wird.

Chimamanda Ngozi Adichie, geboren 1977 in Nigeria, lebt in Lagos und in den USA. Sie ist eine der großen jungen Stimmen der Weltliteratur. Ihr Werk wurde bisher in 37 Sprachen übertragen. Für Americanah erhielt sie den Heartland Prize for Fiction und den National Book Critics Circle Award. Mit ihrem TED-Talk We should all be Feminists verankerte die Nigerianerin den Feminismus fest in der Popkultur.

Roman, 605 Seiten, Fischer-Taschenbuch, 9,99 €, ISBN 978-3-596-18598-6



Josch 01.06.2017, 17.43

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