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Das Vorspiel

Ehrgeiz und Selbstüberschätzung

Wer regelmäßig Musik hört, ob Klassik, Hip-Hop, Rock oder Jazz, ob im Konzertsaal oder über Spotify ist immer wieder fasziniert, mit welcher Präzision dies weitgehend geschieht. Dass die Beherrschung eines Instruments viel Fleiß erfordert, weiß man zwar, aber als Laie macht man sich normalerweise keine Gedanken darüber, mit welchem Drill dieses Üben bisweilen geschieht. Dass Üben Kraft kostet, dass es Frustrationen auslösen kann, dass manch ein Schüler resigniert, ja sogar verzweifelt, darüber denkt man  als Konsument auch nicht unbedingt nach. Diese Dressur beim Üben findet in der Regel in der Kindheit und frühen Jugend statt. Wie wird man gut? Sicher nicht durch Begabung allein. Sie macht – wie mir ein Trompeter verraten hat und wie es bei jeder Spitzenleistung, nicht nur in der Musik der Fall ist – vielleicht zwanzig Prozent aus. Der Rest ist Übung. Schon sehr früh werden dann die Kinder für Vorspiele und Wettbewerbe dressiert. Sie sind vielfach für die Kinder die reinste Tortur.



Ehrgeiz kommt von Ehre und Gier

Von einer besonders ehrgeizigen Lehrerin erzählt der Film „Das Vorspiel“, gespielt von der großartigen Nina Hoss, die ihre Filmrolle mit unglaublicher Intensität verkörpert. Der junge Geigenspieler Alexander möchte das Musikgymnasium besuchen und muss daher zum Vorspiel, sozusagen die Aufnahmeprüfung machen. Die meisten Schüler werden von den Prüfern schon nach einigen Takten unterbrochen und nach Hause geschickt. Alexander wird von zwei der drei Prüfer abgelehnt, die dritte jedoch sieht in ihm das Talent, und sie setzt sich durch. Alexander wird in die Schule aufgenommen und ab diesem Zeitpunkt von seiner Fürsprecherin unterrichtet. So überzeugt sie von seiner Begabung beim Vorspiel war, so intensiv und rigoros widmet sie sich nun der Ausbildung, damit er die Zwischenprüfung nach der Probezeit an der Schule besteht. Anna Bronsky, die Lehrerin, widmet sich bei ihrem Unterricht auch Alexanders Körperhaltung, die von ihren Kollegen beim Vorspiel kritisiert wurde. Ihre Unerbittlichkeit grenzt an Demütigung. Doch ihr Schüler lässt das alles ohne Widerrede über sich ergehen. Anna vernachlässigt ihren Lebensgefährten und ihren eigenen Sohn, der auch Geige spielt und sehr talentiert ist. Sie hat nur noch ein Interesse: ihren Schüler. Es scheint, als wolle sie mit Alexander ihr eigenes künstlerisches Versagen kompensieren. Dieser alles zerfressende Ehrgeiz macht vor nichts und niemand Halt. Anna spürt offenbar gar nicht, wie ihr dabei alles entgleitet: ihr Mann, ihr Sohn, ihr Schüler und auch ihre Affäre, die sie mit einem Kollegen hat. Es ist daher nur konsequent, dass die Geschichte tragisch endet, was man als Zuschauer schon sehr bald zu ahnen beginnt.


Die Rolle des Schauspielers

Mit dem Film Das Vorspiel ist der Regisseurin Ina Weisse, die das Drehbuch zusammen mit Daphne Charizani verfasst hat, ein beeindruckender Film gelungen, nicht zuletzt durch die großartige Nina Hoss, die für mich als Schauspielerin Kultstatus hat. Nina Hoss hat für diesen Film eigens Geige gelernt. Was für sie den Film zu etwas Besonderem machte, weil sie wieder etwas Neues gelernt hat, wie sie in einem Interview sagte. Der Film ging mir ziemlich unter die Haut, weil durch jede Nahaufnahme der Lehrerin, ob beim Üben mit ihrem Schüler, ob beim Einkauf oder beim Essen ihre Gefühle auf den Zuschauer übergehen. Und das macht einen guten Schauspieler aus, wie Sir Laurence Olivier, der dreifache Oscar-Preisträger, es einmal nannte: „Nicht der Schauspieler muss weinen, sondern der Zuschauer, nicht der Schauspieler muss lachen, sondern der Zuschauer, nicht der Schauspieler muss wütend sein, sondern der Zuschauer.“ Der Schauspieler muss also die Rolle so interpretieren, dass der Zuschauer all die damit verbunden Gefühle hat.


Fazit

Das Vorspiel zeigt eindrucksvoll, wo übertriebener Ehrgeiz hinführt, zu welcher Tragödie er führen kann. Er ist eine furchtbare psychische Störung, die alle Außenstehenden sehen, die die Betroffene offenbar gar nicht spürt. Und der Film zeigt auch, was man einem Kind mit falsch verstandenem Ehrgeiz alles antun kann. Mir fallen immer wieder einzelne Sequenzen des Films ein, die mich als Vater nachdenklich machen.

Das Vorspiel. Regie: Ina Weisse. Drehbuch: Ina Weisse und Daphne Chariziani. Kamera: Judith Kaufmann. ET 2019, Kinostart in Deutschland: Januar 2020 

Darsteller: Nina Hoss, Ilja Monti, Simon Abkarian, Jens Albinus, Serafin Mishiev, Thomas Thieme u.a.

Josch 03.03.2020, 13.47

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Kommentare zu diesem Beitrag

1. von Gudrun Kropp

Hallo Josch,

ich habe den Film zwar noch nicht gesehen, aber er ist sicher sehenswert. Mir macht es auch irgendwie Angst, (weil es sooo krank ist) was wir den Kindern - schon im Kleinkindalter - zumuten. Ein KInd kann vielfach gar nicht mehr richtig Kind sein und nur spielen und die ihn umgebenden Reize einfach nur auf sich wirken lassen - das ist schon genug. Da wird das Kind nach der Kita von einem zum anderen Termin gekarrt - sei es Musikschule, Ballet, Leichtathletik, der Freund/Freundin und sonst was. Hauptsache es kommt nicht zur Ruhe. - Ja, der Ehrgeiz der Erwachsenen schadet dem KInd mehr, als es ihm nutzt, weil es dem Erwachsenen nicht um das Wohl des Kindes geht, sondern um die Erfüllung eigener Träume ...

Es grüßt dich - Gudrun


vom 04.03.2020, 14.26
Antwort von Josch:

Ja, liebe Gudrun, da hast du vollkommen recht. Damit hat das Kind auch immer weniger Rückzugsräume, von den unbewachten/unbeaufsichtigten Abenteuern/Freiräumen, die Kinder so dringend brauchen, ganz zu schweigen. Vielen Dank für deinen tollen Kommentar. LG, josch
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