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Déjà-vu in Estaing. Fortsetzungsroman 6

Kapitel 6

Heftiges Türenknallen holt mich zurück in die Realität meiner Familie. Katharina liegt im Clinch mit unserer Tochter und hat gar nicht mitbekommen, dass ich schon zu Hause bin. Ich stehe mit einem Glas Primitivo in der Hand in meinem Zimmer und glotze auf die Straße hinunter. Wie ungern ich doch mittlerweile in dieser Wohnung bin, da hilft weder der exzellente Schnitt noch die 1-a-Lage. Es liegt an diesen ständigen Auseinandersetzungen, die ich nicht mehr ertragen kann. Unentschlossen drehe ich mich um, stelle das Glas auf das Sideboard und überlege, ob ich mich in den Streit einmischen soll, als Katharina, ohne anzuklopfen, ins Zimmer stürmt und mich auffordert, endlich mit meiner Tochter zu reden.



Auf sie höre sie ja ohnedies nicht. Und so gehe es einfach nicht mehr weiter. Seit Tagen sitze Lilli nur noch herum und lasse sich bedienen wie in einem Hotel. Nun habe sie schon wiederholt die erste Unterrichtsstunde versäumt. Und wenn sie sie darauf anspreche, gebe sie nur impertinente Antworten. Sie sei erwachsen und könne selbst entscheiden, sagt sie, wann und welchen Unterricht sie besuche.

Ich muss mich zusammenreißen, dass ich nicht für Lilli Partei ergreife, und schlucke meine Erwiderung hinunter. Lilli leidet doch nur an den Konflikten ihrer Eltern. Ich nicke, als stimmte ich Katharina zu, und frage, was ich ihrer Meinung nach unternehmen solle. Das bringt Katharina gänzlich aus der Fassung. Mit wütend herabgezogenen Mundwinkeln, die ich so sehr verabscheue, schleudert sie mir entgegen: „Dir scheint das ja alles völlig egal zu sein. Hauptsache, du hast deine Ruhe. Katharina macht das schon. Aber da täuschst du dich. Ich habe die Schnauze so was von voll! Mir reicht's!“

Und damit rauscht sie schon wieder hinaus, bevor ich auch nur eine Silbe herausbringe. Wie ein getretener Hund tappe ich ihr hinterher und versuche, sie festzuhalten. Katharina dreht sich widerwillig zu mir um und blitzt mich wütend an: „Wann wachst du endlich aus deiner Lethargie auf?“

„Mich würde vor allem interessieren, warum du so wütend bist! Da schlägst du dir lieber mit deiner Freundin und was weiß ich mit welchem Mann die Nacht um die Ohren … und dann kommst du nach Hause und lässt deine Wut an deiner Familie aus. Als wären wir hier alle verantwortlich für dein Leben. Bin ich es, der dir im Weg steht? Was habe ich dir getan? Kannst du mir das sagen? Und lass bitte Lilli aus dem Spiel!“

„Du bist doch nur eifersüchtig. Eifersüchtig auf meine Freunde, eifersüchtig auf meine Arbeit, eifersüchtig auf meinen Kontakt zu den Kindern, eifersüchtig auf alles, was du selbst nicht hast“, sagt sie mit höhnisch bitterem Unterton.

„So lasse ich mich von dir nicht abschmettern. Sag mir wenigstens, wer der Mann ist, mit dem du deine Tango-Nacht verbracht hast.“

„Spionierst du mir nach? Wie kommst du darauf, dass ich mit einem Mann die Nacht verbracht habe? Wenn du den meinst, der diese Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen hat, dann täuschst du dich gewaltig! Glaubst du im Ernst, ich würde einem x-beliebigen Lover meine Telefonnummer geben, damit er hier anrufen kann, zur Freude der ganzen Familie? Für wie blöd hältst du mich eigentlich?“

Ich kann darauf nichts sagen, will nicht mehr streiten, will nur meine Ruhe.

Trotz meiner Unlust wurde es doch noch ein langes und intensives Gespräch. Im Nachhinein bin ich richtig stolz auf mich, dass ich mich einigermaßen gut im Griff hatte und nicht ausfallend geworden bin.

Katharina räumte ein, dass es sich zwar um ihren Tango-Lehrer handelt, der da auf den Anrufbeantworter gesprochen hat, dass er sich tatsächlich in sie verliebt habe, aber dass er nicht der Grund sei, warum sie die ganze Situation zu Hause in dieser Familie nur noch schwer aushalte. Es sei vielmehr diese furchtbare Sprachlosigkeit, die sich wie ein Abgrund zwischen uns beiden aufgetan habe. Wir hätten uns seit nahezu drei Jahren nichts mehr zu sagen, außer wenn es um die Kinder gehe. Wann haben wir zuletzt gemeinsam etwas unternommen, sehe man von den zwei letzten Urlauben ab? Wann habe ich ihr von meinen Problemen und Konflikten in der Agentur berichtet? Warum erzähle ich ihr nichts von meinen Gefühlen für meine Assistentin? Wann habe ich ihr zum letzten Mal Blumen mitgebracht, wann ein neues Kleid an ihr bemerkt, geschweige denn bewundert? Wie kümmerlich sei es doch um unser Sexleben bestellt.

Ich wurde, je länger die Auseinandersetzung dauerte, immer leiser und nachdenklicher.

Am Ende des Gesprächs konnten wir uns endlich wieder einmal liebevoll umarmen, wobei ich nicht mehr sagen kann, wer den ersten Schritt gemacht hat. Und dann habe ich Katharina sogar einen sanften Kuss aufgedrückt, der leider ohne Erwiderung blieb.

 

Nun sitze ich wieder in meinem Zimmer und starre an die Decke. Es ist schon spät, und ich kann immer noch nicht ins Bett gehen. Zu sehr hat mich die Auseinandersetzung mitgenommen. Ich überlege, was der Grund gewesen sein mochte, dass unsere Beziehung so kühl und distanziert geworden ist. Irgendwann haben wir unser Begehren den familiären Zwängen untergeordnet. Aber Erotik und die Sehnsucht nach Einssein mit dem anderen lassen sich nicht erzwingen, lassen sich nicht zwischen Allerweltsterminen und vielfältigen anderen Verpflichtungen unterbringen. War es das wirklich? Oder haben wir uns einfach auseinandergelebt, wie es vielen anderen Paaren auch ergeht? Was ist daran so ungewöhnlich?

Ich nehme erneut einen kräftigen Schluck von dem sanften, samtigen Wein, dessen Wirkung ich längst spüre. Hatte ich es heute nicht in der Hand, über meine wahre Bedürftigkeit zu reden? Über meine Sehnsucht und die Zweifel, dich mich ständig begleiten! Ich hatte es – wie so oft in den letzten Monaten – wieder einmal versäumt, reinen Tisch zu machen. In mir wächst die Sorge, dass ich so schnell keine Gelegenheit mehr bekomme, diesem verdammten Begehren auf die Spur zu kommen. Wenn ich ehrlich bin, hielte ich in diesem Moment am liebsten Franziska in meinen Armen. Ich stehe auf und suche nach dem alten Tagebuch, das ich damals in Estaing führte …

 

Josch 11.01.2017, 00.00

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