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Déjà-vu in Estaing. Fortsetzungsroman 7

Kapitel 7

Das Wetter dreht sich. Endlich. Ich bin auf dem Weg in die Agentur. Diese Hitze in den letzten Wochen war kaum noch zu ertragen. Immer die von Schweiß durchtränkten T-Shirts, die abgestandene Luft in den verdunkelten Räumen, die feuchte Stirn, die falschen Schuhe. Wie wunderbar doch so ein kühler Wind das Gesicht streichelt.

Der Wetterwechsel scheint auch unserer Kampagne gut zu tun. Das ganze Team ist wie ausgewechselt. Sogar Pit hat seinen Hang zum Pessimismus für kurze Zeit abgelegt, ist aufgekratzt und hat uns gestern bei der Telefonkonferenz überschwänglich gelobt. Dabei ist seine depressive Stimme ein echtes Kontrastprogramm zu seiner sonstigen Erscheinung: Man hält ihn für einen Womanizer, bis er den Mund aufmacht!



Ich muss mich immer zusammenreißen, dass ich ihn nicht frage, was ich für ihn tun kann. Dabei ist er Marketingchef und Vorgesetzter eines strammen Teams. Unser Auftraggeber! Kaum zu glauben. Wir sollen morgen mit der gesamten Crew präsentieren, bat er mich freundlich. Was daran so bedeutend ist, bleibt sein Geheimnis. Aber mir soll's recht sein. Luisa und Marcel machen das ja gern, und ich muss nur einführen und kann mich dann entspannt zurücklehnen.

Als ich die Agenturräume betrete, kommt mir Franziska freudestrahlend entgegen, als habe sie bereits auf mich gewartet. Ihr verführerischer Duft und die sanften, vollen Lippen, wenn sie mir ihr Bisou auf die Wange haucht, bringen mich völlig aus dem Konzept. Ich weiß nicht, wohin mit meinen Augen, meinem Körper, meinen Händen. Ich tue mich sehr schwer, meine distanzierte Maske nicht zu verlieren.

Franziska war gestern mit einer Freundin im Kino und hatte sich „Liebe“ mit Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva angesehen. Der Film habe sie zwar verunsichert, erzählt sie aufgekratzt, aber auch beflügelt, weil er von einer so innigen Beziehung handelt, einer Liebe, wie sie sich nur träumen lässt. „Echte Liebe halt, bis in den Tod. Den Film musst du dir unbedingt ansehen. Ich überlege mir übrigens, noch einmal reinzugehen. Magst du mich vielleicht begleiten?“, fragt sie kess und sieht mich mit ihren wunderschönen Augen verführerisch an. Wie stark sie mich doch an Hannah erinnert, meine große Liebe! Hannah, was war das doch für eine intensive Zeit. Warum kam es nur zur Trennung! Ich war am Boden zerstört, der Selbstzerstörung nahe, brauchte Abstand, fuhr nach Estaing.

 

Luisa und Marcel holen mich aus meinen Erinnerungen in die Realität zurück. Die Kampagne muss heute methodisch vorbereitet werden, damit wir sie morgen im Verlag präsentieren können.

Ich setze mich an den Schreibtisch, fahre meinen Mac hoch, entnehme meinem Silberetui einen Zigarillo und schmecke genussvoll den bitter-süßen Rauch in meinem Mund. Was mache ich hier? Aufgewühlt von den alten Tagebüchern, in die ich mich in der vergangenen Nacht vertieft hatte, gehe ich in den Funcorner, lasse mich in die Couch sinken und denke nach. Ich ziehe den Brief aus meiner Brusttasche, den ich gestern in einem Buch fand.

 

Liebster Dani, wir hätten es nicht tun sollen! Nicht so. Wir hätten es machen sollen, wie wir es uns immer ausgemalt haben! Ich war überzeugt, dass wir zusammengehören. Aber dieses Gefühl gab uns nicht das Recht, übereinander herzufallen! Wie konnten wir nur unsere guten Vorsätze so verraten! Und du hattest mir verschwiegen, dass ich nicht die erste Frau in deinem Leben bin. Was unterscheidet unsere Liebe von den billigen, leeren Verbindungen all der Leute, die täglich um uns sind? Ich will es offen sagen: nichts! Ich hoffe, du bist mir jetzt nicht böse. Aber ich muss das Vorgefallene erst einmal verdauen. Lass mir ein paar Tage Zeit. Wir sollten uns eine Auszeit nehmen, in der wir uns nicht sehen. Ich umarme und küsse dich, Hannah.

 

Warum hatte sie sich bloß so echauffiert? Soll es wirklich am Sex gelegen haben?

Wir haben nie mehr zusammengefunden. Es war vorbei. Aus! Das Ende meiner ersten großen Liebe, das Versagen eines großen Versprechens. Ich muss die Einträge nach unserer Trennung durchsuchen, geht es mir durch den Kopf.

Wie überschwänglich ich doch damals war. Und immer dieser Zug hin zu schwerer, dumpfer Verzweiflung. War ich selbstmordgefährdet? Wollte ich meinem Leben wirklich ein Ende machen? Einem furchtbar destruktiven Leben: diese alles ausgrenzende Einsamkeit, als Hannah und ich uns getrennt hatten. Die erbärmlichen Versuche, mit Melli über meinen Schmerz hinwegzukommen. Ich hätte die Tagebücher wegwerfen sollen, so wie ich die Briefe verbrannt habe, bis auf diesen hier. Die Erinnerung schwemmt die zerstörerische Wut wie Sodbrennen nach oben. Und dann dieser schlimme Unfall damals, als ich nicht mehr ein noch aus wusste – bei dem ich Gott sei Dank glimpflich davon gekommen bin.

 

Auf dem Weg zurück an meinen Schreibtisch bleibe ich in der Tür zu Franziskas Büro stehen: „Könntest du bitte einen Kontakt mit Magdalena Salomon herstellen? Die Adresse kannst du über ihre Agentur herausfinden. Du findest einen Hinweis in diesem Artikel.“ Ich lege ihr die Zeitschrift auf ihren Schreibtisch und gehe zurück in mein Büro.

 

Eine ungewöhnlich dunkle Frauenstimme sagt fragend „Ja?“ am Telefon, als fordere sie mich auf, ohne Umwege auf den Punkt zu kommen, als mich Franziska ein paar Tage später mit Magdalena Salomon verbindet. Nach unendlich langen Sekunden des Schweigens platze ich wie ein Zweitklässler im Unterricht heraus: „Es ist … es geht um den Bericht über Ihren Leidensweg in diesem Magazin. Ich habe Hagen Wandel gekannt, wenn man so sagen darf. Ich war in der Woche seines Verschwindens in Estaing.“ Es folgt eine kurze Pause, die sich nach meinem Empfinden endlos hinzieht. Ihr schwerer Atem ist sehr gut vernehmbar.

„Wollen Sie mich besuchen?“, ist alles, was die samtene Stimme von sich gibt. Mit diesen Worten fällt alle Unsicherheit von mir ab, löst sich auf und lässt mich lächeln.

„Das ist genau der Grund meines Anrufs. Ich würde gern mit Ihnen sprechen, sie besuchen, die Räume sehen, in denen Hagen Wandel seine Bilder gemalt hat“, höre ich mich sagen. Magdalena Salomon erwidert nichts darauf. Ich habe das Gefühl, sie lächelt, zumindest hört sich ihre Stimme danach an.

Wir vereinbaren, uns noch in dieser Woche zu treffen. Ich lege auf, gehe auf die Toilette und betrachte mich im Spiegel. Mein maskenhaftes starres Grinsen ist Zeichen meiner Zwiespältigkeit, die ich so schlecht in Worte fassen kann. Was hat mich bloß geritten? Warum in diese alte Geschichte eintauchen? Ist es nicht vertane Zeit? Wie wird Katharina auf diesen Besuch reagieren? Ich sollte die Reise absagen.

Meine innere Unruhe wächst. Ich gehe zurück an meinen Schreibtisch. Doch kaum bin ich da, habe ich Lust auf einen Kaffee und kehre wieder zum Funcorner zurück. Wenn ich das Treffen absage, muss ich mich nicht einmal erklären. Bleib einfach weg, flüstert es in mir. „Soll er gehen, soll er kommen, der Entschluss ist ihm benommen“, fällt mir mit Goethe ein. Lächelnd starre ich auf meinen Bildschirm, unfähig zu vernünftiger Arbeit. Nur gut, dass ich heute Abend mit Franziska ins Kino gehe. Wie im Film, so im realen Leben: Es dreht sich alles um das einzig große Thema – die Liebe …

 

Josch 12.01.2017, 00.00

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