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Die Kommune: Erbe der 68er

Wohngemeinschaftsformen

Seit einigen Wochen überbieten sich Tages- und Wochenzeitungen sowie Magazine mit Serien über die 68er-Bewegung, die sich durch den gewaltsamen Tod Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967 rasant über ganz Westdeutschland ausbreitete. Eigentlich ist das Jahr 1967 der Beginn der 68er-Bewegung. Was wird mit den Achtundsechzigern nicht alles verbunden. Für manche Politiker, vor allem der jüngeren Generation, sind die Achtundsechziger Ursache aller Übel dieser Welt. Andere wiederum assoziieren mit den Achtundsechzigern vor allem Drogen, grenzenlose Sexualität, Auflehnung gegen Autoritäten und sogenannte Kommunen, z.B. die Kommune 1 und die Kommune 2.



Leben in der Provinz

Wer wie ich damals in der Provinz aufwuchs und zur Schule ging, für den waren die nahezu wöchentlichen reißerischen Berichte im Schwarz-Weiß-Fernsehen einerseits etwas Faszinierendes, andererseits eine Art Amargeddon, das den Niedergang jeglicher Moralvorstellungen ankündigte. Jugendliche ließen sich lange Haare wachsen und gaben sich wie Rockmusiker aus England, sie rauchten Haschisch und wurden von den Erwachsenen als Gammler beschimpft. Lange Haare kurzer Verstand, hieß es. Und für die Alten waren es auch Gammler, die in diesen sogenannten Kommunen in Westberlin hausten.

Mit den Inhalten der damaligen Kommunen hatten sich die Bürger allerdings so gut wie gar nicht beschäftigt. Es reichte ja, dass diese Kommunen eine freie Sexualität proklamierten („Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“). Dass sich die Kommunen aber auch ernstzunehmende politische Ziele gegeben hatten, darüber sah der Boulevardjournalismus geflissentlich hinweg. Das passte einfach nicht ins Bild, das man der Öffentlichkeit bieten wollte.

 

Jugend nach 1960

In einem vor über 30 Jahren erschienen Beitrag „...unser Wille, etwas Neues zu schaffen, hier, jetzt, sofort“ untersuchten Christa Emmert und Hans Blickenberger1 die Versuche der Kommune 2, ein alternatives Gruppenleben zu entwickeln. Wenngleich die Kommune 2 nur ein Jahr existierte, so war sie doch mit ihrem Anspruch, etwas gemeinsam zu produzieren, einen wesentlichen gesellschaftspolitischen Beitrag zu leisten, für viele spätere Wohn- und Lebensformen ganz entscheidend. Denn mit der Analyse der Kommune 2 ließen sich normative Aussagen treffen über die Organisation des Zusammenlebens, über gemeinsame Projekte, über Rivalität und Autoritätsverhältnisse, über Sexualität, Gruppendynamik, Konflikte und friedliche Formen der Auseinandersetzung.

 

Wie es dazu kam

Nur etwa 15 Jahre später lebte ich selbst in einer organisierten, gruppendynamischen Wohngemeinschaft mit insgesamt 23 Menschen, also 17 Erwachsenen, drei Jugendlichen und drei Kindern. Und das kam so: Mit Ende meines Studiums lebe ich in einer kleinen Wohngemeinschaft, zusammen mit meiner Freundin und einem Freund, in einem kleinen oberbayerischen Ort, in dem nur Gesicht und Bedeutung hat, wer dort geboren oder mit Grundbesitz gesegnet ist. Die Beziehung zu meiner Freundin wird schwierig, verständnislos und schließlich sprachlos. Sie versucht, sich von mir zu emanzipieren, was mich sehr verunsichert. Es kommt, wie es kommen muss, und wir lösen die kleine Wohngemeinschaft auf. Mein Freund und ich beziehen eine Wohnung in München, und meine Freundin zieht in eine gruppendynamische Wohngemeinschaft. Einige Mitglieder dieser Wohngemeinschaft scheinen alles zu unternehmen, um in mir den Pilz Eifersucht aufgehen zu lassen. Ganz schlimm sind deren gemeinsame Auftritte in der Öffentlichkeit. Wie gut die sich verstehen! Wo früher Leere war, ist plötzlich Unternehmungslust. Das ist einfach unerträglich. Durch Zufall höre ich davon, dass eine weitere Wohngemeinschaft gegründet werden soll. Da bin ich sofort dabei.

Nach einem Informations- und Kennenlern-Wochenende in einem wunderschönen Bildungshaus im Bayerischen Wald unter Leitung zweier Psychologinnen konstituiert sich die Wohngemeinschaft. Alle sind festen Willens, das Experiment mitzumachen und in einer so riesigen Wohngemeinschaft zu leben, in der es nicht in erster Linie ums Zusammenwohnen, sondern vor allem ums Zusammenleben gehen soll.

Schon einige Wochen später entdeckt eine spätere Mitbewohnerin per Zufall ein Haus in München, das unseren Ansprüchen mehr als genügt. Es ist ein wunderschön renoviertes Jugendstilhaus. Eine spontan zusammengerufene Abordnung macht den Hausbesitzer ausfindig und tastet sich an ein mögliches Mietverhältnis heran. Kaum zu glauben: Der Hausbesitzer lässt sich auf das Experiment ein. Wir bekommen dieses tolle Haus.

 

Ohne Netz und doppelten Boden

Ich muss mich von einem großen Teil meines Mobiliars trennen, da ich – wie alle anderen Mitbewohner auch – kein Zimmer für mich allein habe. Im ersten Stock des Hauses befindet sich unser riesiger Gemeinschaftsraum und unsere Küche. Wir kaufen eine Spülmaschine für Großküchen, die in 1 ½  Minuten einen ganzen Korb Geschirr spülen kann. In der Küche geht es zuweilen zu wie auf dem Marienplatz, wenn Japaner, Amerikaner und Skandinavier gleichzeitig einfallen, um das Glockenspiel anzusehen, zu fotografieren und lautstark in ihrer Muttersprache die Eindrücke zu kommentieren.

Ein Finanzverantwortlicher wird bestellt, wahrscheinlich die undankbarste Aufgabe, die man sich vorstellen kann. Jeden Sonntagabend um 20:00 Uhr findet unter Leitung einer externen Psychologin eine Wohngemeinschaftssitzung statt. Die Teilnahme ist verpflichtend.

Nun ist ein doppeltes Netz gespannt, das Abstürze mildert oder verhindert und neue Lebensperspektiven eröffnet. Die mitleidigen Augen mancher Kollegen und Freunde weiten sich zu jähem Entsetzen, wenn ich – immer ein wenig provozierend - erwähne, dass wir jeweils zu zweit in einem Zimmer wohnen würden, dass wir regelmäßige Sitzungen hätten, dass wir nur höchst selten gemeinsam essen würden - bei insgesamt 23 Bewohnern doch eigentlich selbstverständlich.

Und wie steht es mit der Ordnung in der Wohngemeinschaft? Das sei nicht das Problem. Diese Äußerlichkeiten seien lediglich Spiegelbild unserer Beziehungsdynamik. Herrscht dort Chaos, gibt es auch keine Essensvorräte im Kühlschrank, wird der Müll nicht gelehrt, das Geschirr nicht gespült, die Miete nicht bezahlt. Das ist für Außenstehende in „bürgerlichen Lebensverhältnissen“ nur sehr schwer nachzuvollziehen. Nicht selten wird nach einer Sitzung am Sonntagabend noch umgezogen. Nach 22:00 Uhr! Und viele helfen dabei. Ein Umzug ist immer auch Ausdruck der aktuellen Beziehungsdynamik in der Gruppe. Und danach geht vieles wieder einfacher. Zumindest für eine bestimmte Zeit.

(Fortsetzung: „Und der Ertrag?“ in den nächsten Wochen)

 

1 Christa Emmert/Hans Blickenberger: „...unser Wille, etwas Neues zu schaffen, hier, jetzt, sofort“, in: Wild und verschlafen. Jugend nach 1960. Drumlin Verlag. Weingarten

 

Abbildung: © Fotolia, Thomas Reimer

Josch 16.06.2017, 16.54

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