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Die verlorenen Stürme

Eine Elterngeneration, die ihre Jugendlichen im Stich lässt

Was kann uns Literatur über die Zeit der frühen 1930er-Jahre heute noch sagen? Ist nicht längst alles hinreichend aufgearbeitet, reflektiert und dokumentiert? Haben wir nicht genug aktuelle, weltumspannende Krisen und Konflikte, mit deren Bewältigung wir mir als genug beschäftigt wären? Ich meine, dass uns „Die verlorenen Stürme“, dem Roman von Susanne Kerckhoff, der von der unseligen Zeit zwischen 1932 und 1933 aus der Sicht Jugendlicher in Berlin erzählt, eine überraschende Einsicht vermitteln kann. Eine Einsicht, die auch heute noch aktuell ist. 



Engagement gegen den rechten Terror

Marete, die 16-jährige Protagonistin, ist die Tochter des erfolchreichen Schriftstellers Wolfgang Kartens, bei dem sie wohl behütet aufwächst. Der Vater, dem das Sorgerecht zugesprochen wurde, hat sich schon vor längerer Zeit von der Mutter Maretes getrennt, warum, wird im Roman nicht thematisiert. Der Haushalt wird von Thekla geführt, einer Anhängerin der NSDAP, was Marete nicht verstehen kann, da Thekla alle sozialen Voraussetzungen mitbringt, um sich in einer sozialistischen oder kommunistischen Gruppe zu engagieren.

Marete tippt auf der Schreibmaschine die Romane des Vaters säuberlich ab, die dieser nachts handschriftlich niederschreibt. Oft ist sie eifersüchtig auf die Romanfiguren, denen der Vater näherzustehen scheint als ihr. Doch sie fügt sich dem Vater und ist dabei nicht unglücklich. Eine von der Schule veranstaltete Hilfsaktion für mittellose Arbeiterfamilien öffnet ihr die Augen für die wahren Probleme einer Gesellschaft, die ihre Ärmsten weitgehend an den Rand drängt. Marete schließt sich daraufhin einer kommunistischen Jugendgruppe um Ernst Goldschmidt an, einem jungen Juden, dem fortan ihr Herz gehört. Als der Vater von ihrer Begeisterung für sozialistische und kommunistische Ideen erfährt, verbietet er ihr die Mitarbeit in einer solchen Gruppe und tut ihr sozialpolitisches Engagement mit den Worten ab: „Ob Sozi oder Kozi, ob Nazi oder Fazi, das sind für mich – nein! Es sind eben Sozis und Kozis, Nazis oder Fazis, und damit ist's gesagt!“ Marete bleibt nur die Möglichkeit, das Verbot des Vaters zu umgehen, um sich weiterhin in der kommunistischen Gruppe engagieren zu können, in der sie Wahlkampf gegen die Nationalsozialisten, gegen die SA und die laschen demokratischen Gruppen macht.

 

Die Seite wechseln oder untergehen

Ernst wird von SA-Schergen zusammengeschlagen und verletzt. Maretes Vater erfährt durch den Verrat Theklas von Maretes Mitgliedschaft bei den Kommunisten und schafft sie daraufhin über Nacht zu seiner Cousine nach Frankfurt/Oder, wo sie Privatunterricht erhält und ansonsten völlig isoliert von der Gesellschaft leben muss. Inzwischen haben die Nationalsozialisten die ersten Wahlen gewonnen, das Klima ist rauer geworden. Lilly, eine Schulkameradin und enge Freundin, die mit ihrer Familie nach Haifa geflohen war und in der für sie vollkommen fremden Welt nicht zurechtkommt, nimmt sich durch einen Sprung vom Dach eines Hauses das Leben. Marete kann aus der Isolation fliehen und kehrt zu ihrem Vater zurück, der inzwischen bereut hat, dass er so hartherzig zu seiner Tochter war.

 

„Die aufwühlende Identitäts- und Sinnsuche Pubertierender ist schon krisenhaft genug, aber das Szenario ist bei „Die verlorenen Stürme“ weitaus dramatischer als bei Jugendlichen anderer Generationen.“ (Aus dem Nachwort von Peter Graf)

 

Mittlerweile brannte der Reichstag, eine ganze Reihe Bekannter wechselt für Marete unverständlich die politische Seite und marschiert nun an der Seite der Nazis. Mich erinnert diese Entwicklung an Lion Feuchtwangers Roman „Die Geschwister Oppermann“, in dem eine gebildete jüdische Oberschicht das barbarische Gebaren der Nazis mit ihrem Führer, der sich nur in holprigem, umständlichen Deutsch ausdrücken kann, anfänglich nicht ernst nimmt und überzeugt ist, dass ein solcher Führer nie und nimmer an die Macht kommen könne.

Erst als auch die Bücher von Maretes Vater verbrannt werden, merkt er, was er versäumt, was er tragischerweise falsch gemacht hat. Er hat seine Tochter in den entscheidenden Phasen im Stich gelassen. Er hat sie wie Maretes Lehrer an der „Lessing-Schule“, die einst so frei und liberal war, nicht nur nicht unterstützt, sondern ihr das Engagement für die gute Sache verboten. So müssen die jungen Leute mit Schrecken das Versagen der Elterngeneration und demokratischen Institutionen erleben.

 

Fazit

Es ist ein großes Verdienst des Verlages, dieses Buch wieder ausgegraben und neu aufgelegt zu haben. Es ist für mich, den deutsche Literatur der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts in besonderer Weise interessiert, ein ganz besonderes Buch, auch und gerade deswegen, weil es die verheerenden Auswirkungen zeigt, wenn die Erwachsenen ihre Kinder und Jugendlichen allein lassen, ähnlich wie heute, wo die Elterngeneration die jungen Menschen in ihrer berechtigten Angst vor der Erderwärmung und Weltzerstörung nicht ernst nehmen. Ich würde mir wünschen, wenn der Roman weite Verbreitung erfahren würde.

 

Über die Autorin

Susanne Kerckhoff (1918-1950) spielte nach 1945 als Schriftstellerin, Publizistin und politische Stimme eine bedeutende Rolle im literarischen Diskurs der Nachkriegszeit. Die Tochter des Literaturhistorikers Walther Harich und der Musikerin Eta Harich-Schneider wurde 1945 zunächst Mitglied der SPD, trat aber 1947 der SED bei und siedelte in den Ostsektor Berlins über. Sie arbeitete für die satirische Wochenzeitung Ulenspiegel und war ab 1948 bis zu ihrem Freitod Redakteurin und Leiterin des Feuilletons der Berliner Zeitung.

 

Susanne Kerckhoff: Die verlorenen Stürme. Roman. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Peter Graf. Gebunden. ISBN 978-3-946990-45-1. 232 Seiten. LP 22,00 € 

Josch 15.11.2021, 21.31

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Kommentare zu diesem Beitrag

1. von Christel Boßbach

Susanne Kerckhoff war mir bisher unbekannt, aber wie gut, dass ein Verlag mit der Wiederauflage des Romans belegt, dass selbstbewusste Autorinnen nach dem Ersten Weltkrieg versuchten, ihre Chancen zu nutzen. Wie viele andere, die endlich Berufe ergreifen konnten - bis der Nationalsozialismus ihre Wünsche bitter enttäuschte. Susanne Kerckhoff scheiterte nach dem Krieg in der DDR. Die ältere Irmgard Keun (1905-1982) ernte viel Lob etwa von Kurt Tucholsky für ihre satirisch- unterhaltsamen Romane über selbständige Frauen wie "Gilgi - eine von uns" oder "Das kunstseidene Mädchen". Keun floh ins Exil nach Belgien und in die Niederlande, kehrte nach Köln zurück. Verarmt, dem Alkohol verfallen, jahrelang in psychiatrischer Behandlung erhielt sie erst sehr spät Aufmerksamkeit durch die Neuauflage ihrer Werke. Was auch Susanne Kerckhoff zu wünschen ist.

vom 16.11.2021, 13.57
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