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Dorothy Baker: Zwei Schwestern

Aus dem Amerikanischen von Sylvia Spatz

Cassandra Edwards, 24 Jahre alt, sehr hübsch, studiert in Berkeley. Sie ist um elf Minuten älter und bei der Geburt sechzig Gramm schwerer als ihre Zwillingsschwester Judith, die mittlerweile in New York lebt. Cassie ist mit ihrer Examensarbeit über den französischen Roman beschäftigt, als sie unerwartet von Judy zur Hochzeit auf die elterliche Farm eingeladen wird.

Der Vater, ein ehemaliger Professor für Philosophie, Skeptiker, Trinker von Hochprozentigem, ist eher an theoretischen als an den praktischen Fragen des Lebens interessiert. Die Mutter, Jane, ist vor drei Jahren an Lungenkrebs gestorben. Sie war eine sehr erfolgreiche Schriftstellerin. Nun lebt der Vater mit seiner Schwiegermutter allein auf der weitläufigen Ranch, auf der auch Zitrusfrüchte angebaut werden. Großmutter Rowena legt großen Wert auf Tradition und Formen, die man Ihrer Meinung nach wahren muss und die gleichsam mit der gesellschaftlichen Stellung und den damit verbundenen Repräsentationspflichten korrelieren.

Cassie macht sich einen Tag früher als erwartet auf den Weg nach Hause. Es ist der 21. Juni, der längste Tag im Jahr. Sie will da sein, wenn die Schwester kommt. Auf der Fahrt zur Farm kehrt sie in einer Bar ein, trinkt einen Zitronensirup. Da sieht sie sich unerwartet im Spiegel hinter der Theke und hat dabei wie immer das Gefühl, ihre Schwester Judy zu sehen. Die beiden sehen sich zum Verwechseln ähnlich, so ähnlich, dass sogar der Vater Schwierigkeiten hat, sie auseinanderzuhalten.

Cassie und Judy hatten sich einen Flügel angeschafft, der in der Wohnung in Berkeley steht, auf dem allerdings nur die hochbegabte Judy spielte, Cassie kann nicht Klavierspielen. Sie hatten, bis Judy nach New York ging, alles gemeinsam. Aber Judy hat sogar diesen „Bösendorfer“ zurückgelassen, als sie sich aus dem Zwillingskorsett zu befreien versuchte. Es war der Wunsch, endlich ein eigenes Leben führen zu dürfen, der sie von der Schwester wegtrieb, und zwar so weit wie möglich. Und dann lernt Judy einen Mann kennen, John Thomas Finch, genannt Jack, einen äußerst attraktiven jungen Arzt.

Als Cassie auf der Ranch ankommt, wartet Judy am Pool auf sie, derweil der Bräutigam nach West Los Angeles geflogen ist, um sich eine Klinik anzusehen, an die er eventuell wechselt.

Cassie hat sich vom Geld der Großmutter ein Kleid für die Hochzeit gekauft. Als sie es zusammen mit der Großmutter und Judy auspackt, stellen sie fest, dass Cassie und Judith, unabhängig voneinander, das gleiche Kleid gekauft haben. Die Schwestern sind entsetzt, die Großmutter freut sich ungemein darüber. Endlich ziehen sich die beiden Schwestern im Partnerlook an, so hofft sie, was sie sich immer so gewünscht hat und wogegen sich die beiden Schwestern ihr Leben lang vehement gewehrt hatten. Vor allem Judy ging es darum, eine eigenständige Personen zu werden, mit einer eigenen Identität, unabhängig von Cassie, die immer über sie bestimmte. Sie will eigene Gedanken haben, eigene Vorlieben, eigene Fähigkeiten, und ein eigenes Aussehen entwickeln dürfen.

Cassie versucht mit aller Macht, Judy die Eheschließung auszureden, ja, diese sogar zu verhindern. Sie fürchtet, Judy durch die Eheschließung ganz zu verlieren. Weil Cassie merkt, dass ihr Einfluss auf die Schwester mehr und mehr schwindet, nützt sie die Abwesenheit Judys, die ihren Bräutigam vom Flughafen abholt, und nimmt Schlaftabletten. Ein solches Leben ohne die andere Hälfte ist für sie  nicht lebenswert.

Im Text wechselt nun der Ich-Erzähler von Cassie zu Judith. Judith liebt Jack von Herzen. Für sie ist er der Garant für eine individuelle, unabhängige Entwicklung einer Identität, für die längst fällige Emanzipation von der Schwester.

Schließlich wird Cassie gerettet, die Hochzeit Judys kann stattfinden, bei der die beiden Schwestern zur Freude der Großmutter ihre weißen Kleider tragen. Als Cassie ihrer Schwester die Hälfte des Bösendorfers schenken will, lehnt Judy ab, da Jack sich nicht für Musik interessiert und auch keine Musik hört. Also kann sie den Bösendorfer auch gar nicht mehr gebrauchen. Judy ist durch die Eheschließung gefestigt, sie lässt sich von ihrem Weg nicht mehr abbringen. Ihre Liebe zu Jack ist größer als die Liebe zur Musik, und es ist eine andere, emanzipierte Liebe zur Schwester. Und so fährt Cassie allein nach Berkeley zurück, wo sie ihre Zufallsbekanntschaften trifft und ihr Leben nun ohne Judy führen muss.

Der mit feiner Ironie geschriebene Text behandelt auch formal, also in der Erzähltechnik, das Thema Identität: Abgegrenzte Identität ist hier nur über Distanz (Ironie) möglich, mit innerer Distanz zum anderen, Distanz zu allem, was um einen herum geschieht. Durch den Perspektivwechsel in der Ich-Erzählung von Cassie zu Judy und wieder zurück zu Judy gewinnt der Text auf raffinierte Art eine distanzierte Objektivität. Was sind die Voraussetzungen für eine abgegrenzte, eigenständige, unabhängige Identität, ohne den anderen, mit dem man genetisch und sozial aufs Engste verbunden ist, zurückzustoßen, ohne ihn abzuschmettern? Ich hatte mir nie Gedanken über die Identitätsproblematik von Zwillingen gemacht, obwohl ich selbst mit Zwillingen aufgewachsen bin. Ich konnte mir nicht vorstellen, zu welch abgründigen Dilemmata eine eineiige Dualität führen kann. Der Text von Dorothy Baker gibt darauf eine sehr sensible, ernste Antwort, nicht so sehr intellektuell, dafür umso emotionaler. Unbedingt lesenswert!


Dorothy Baker (1907 - 1968) stammte aus Montana. Sie studierte in Los Angeles Französische Sprache und erhielt unter anderem ein Guggenheim Fellowship.

 Dorothy Baker: Zwei Schwestern. Aus dem Amerikanischen von Kathrin Razum. Deutscher Taschenbuch Verlag. München 2015 (280 Seiten, gebunden mit SU, 19,90 €)

Josch 24.01.2016, 18.10

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