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Eine Doku, die mir zu denken gab

„Nur leichte Kämpfe im Raum Da Nang“

In den 1970er-Jahren setzte ich in der Jugendarbeit öfter den Film „Nur leichte Kämpfe im Raum Da Nang“ ein. Der Dokumentarfilm von Hans-Dieter Grabe und seinem Kameramann Carl-Franz Hutterer zeigt den Einsatz des deutschen Hospitalschiffs Helgoland während des Vietnamkriegs vor Da Nang. Der grausame Krieg in Vietnam war zu der Zeit in Deutschland schon fast in Vergessenheit geraten und kam in den Nachrichten bestenfalls in dem formelhaften Satz „Nur leichte Kämpfe im Raum Da Nang“ vor, während der Film die furchtbaren Auswirkungen dieser „leichten“ Kämpfe auf der Helgoland zeigte, wo die acht Ärzte nahezu rund um die Uhr Schwerstverletzte operierten und die vierzig Mitarbeiter des Deutschen Rotes Kreuzes die 200 bis 300 Patienten pflegten und versorgten.



„Menschen werden grundlos kaputtgemacht“

Ich habe den Film schon seit vielen Jahren nicht mehr gesehen und doch fallen mir sofort, wenn von Vietnam die Rede ist, einige besonders eindringliche Szenen dieses Films ein. Es waren vor allem Kinder, die mir im Gedächtnis geblieben sind, zum Beispiel ein Junge, dem das Gesicht zerschossen worden war, seine Nase war zerfetzt, der Mund weggerissen, die Zähne lagen frei, oder ein anderes, dessen ganzer Körper eine einzige Wunde war, fast bis auf die Knochen von Napalm zerfressen. Oder ein Mann, von dessen Gesicht nur noch der Mund übrig geblieben war, alles andere sah aus wie eine riesige Wulst. Er rauchte eine Zigarette. Es sei die einzige Freude, die er noch habe, erklärte der Arzt.

Es gibt den Film noch auf Youtube. Als ich vor Kurzem wieder daran denken musste, sah ich ihn mir noch einmal an. Es gibt wohl keinen Film, der mich auch nur annähernd so mitgenommen hätte, wie dieses Zeitdokument. Und es geht mir wieder genauso wie damals. Ich bringe die Bilder von den sinnlos verletzten Menschen einfach nicht mehr aus meinem Gedächtnis. Ich überlege mir, was wohl aus den vielen Kindern geworden sein mag, die oft nach zweijährigem Aufenthalt auf der Krankenstation der Helgoland in eine Welt ohne Angehörige und Bekannte entlassen werden mussten. 

Eine Krankenschwester erzählt von einem Jungen, der mit schwersten Verletzungen als einziger Überlebender eines Dorfes auf das Schiff gebracht wurde. Wo soll er hin, wenn er wieder genesen ist, fragt sie. Eine andere sagt, die Menschen seien einfach „mutwillig kaputtgemacht“ worden. Ein Pfleger erklärt, er habe sich vor seinem Einsatz auf der Helgoland immer gedacht: Krieg, das sei ein Kampf Soldat gegen Soldat. Doch das, was er hier auf dem Schiff tagtäglich erlebe, seien nur zerschossene, zerfetzte Zivilisten. Für ihn gebe es weder eine ideologische noch eine politische Rechtfertigung für einen solchen Krieg.


Wann wird es bei uns heißen: „Nur noch wenige Neuinfektionen in Deutschland“

Warum finde ich es wichtig, sich nach so langer Zeit dieses seit 1975 beendeten Krieges zu erinnern? Ganz einfach, weil ich den Eindruck habe, dass es auch heute Machthaber gibt, die Konflikte immer noch so lösen wie es damals in Vietnam geschah. Ich denke an Afghanistan, an Syrien, an Äthiopien. Täglich sterben Tausende unschuldiger Menschen, weil die Verantwortlichen meinen, Konflikte ließen sich nur mit Gewalt, mit Granaten, Bomben und Panzern lösen. Und durch die unübersichtliche Bilder- und Nachrichtenflut, die ständig auf uns eindringt, sind wir weitgehend abgestumpft, ja, wir können diese Nachrichten von Krieg und Zerstörung, von Hunger und Unterdrückung, von diesem maßlosen Leid, das damit verbunden ist, nicht mehr hören. Im Übrigen haben wir doch selbst genug Probleme. Bei uns herrscht schließlich Covid-19. Das ist Leid genug. Da ist kein Platz mehr für das Leid der Gott sei Dank so weit von uns entfernten Kriegsschauplätze. Geht es uns nicht so wie den Menschen damals, die die Horrornachrichten nicht mehr hören konnten und froh waren, dass es nur noch leichte Kämpfe im Raum Da Nang gab? Wir können es kaum erwarten, bis uns endlich Maik Meuser, Petra Gerster oder Jens Riewa am Ende ihrer Nachrichtensendungen sagt: „Nur noch wenige Neuinfektionen in Deutschland.“


Ärzte ohne Grenzen

Ist das nicht verständlich? Ich bewundere diese Menschen, die ihre ganze Kraft für die Ärmsten der Armen eingesetzt haben, die Schwerstverletzte wieder zusammenflickt haben. Verwundete, die ohne den selbstlosen Einsatz von Ärzten und Pflegern qualvoll hätten sterben müssen. Heute sind es etwa 3000 Ärzte, Psychologen, Krankenschwestern und Pfleger, Hebammen und Logistiker von Ärzte ohne Grenzen, die weltweit an diese so wichtige humanitäre Hilfe von damals anknüpfen. Sie bringen nicht nur medizinische Hilfe, sondern verkörpern für mich vor allem eines: Hoffnung. Es ist die Gewissheit, dass es trotz all der furchtbaren Geschehnisse auf der Welt immer wieder Menschen gibt, die ihr Leben für andere einsetzen, selbstlos, ohne Rücksicht auf sich selbst.

© Abbildung oben: Deutsches Rotes Kreuz

© Abbildung Mitte: Gisela Rosen-Panthen

Josch 21.02.2021, 23.16

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Kommentare zu diesem Beitrag

1. von Christel Boßbach

DANKE! Am Ende des Vietnamkrieges war ich 17 und hatte lange das legendäre Foto des halbnackten, vor Angriffen fliehenden Mädchens im Zimmer hängen. Jahrzehnte später durfte ich als Journalistin das Friedensdorf Oberhausen kennenlernen, durch das seit diesem Krieg Kinder aus aller Welt medizinisch versorgt werden - oft nach kostenlosen Behandlungen in Kliniken, die in den Heimatländern nicht möglich sind. Im "Dorf" selbst findet dann die weitere Rehabilitation statt bevor sie zurückkehren. Ein kleines Mädchen aus Lateinamerika, das Gesicht völlig verunstaltet durch eine Tropenkrankheit, "fing" meinen Blick ein, nahm mich an der Hand und ließ sie nicht mehr los. Sie wollte angesehen werden, wie es jedes Kind, jeder Mensch möchte. Auch in Corona-Zeiten mit den nahe gerückten eigenen Ängsten.

vom 22.02.2021, 11.08
Antwort von Josch:

Da bist du ja als ganz junge Frau schon sehr nah dran gewesen an den von unserer Wohlstandsgesellschaft weitgehend vergessenen Menschen. Wenn es eben nicht solche wunderbaren Menschen gäbe, die ihr Leben den Verlorenen widmen. Ich danke dir sehr für deinen wunderbaren Kommentar.
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