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Entdeckungsfreudige Erkundung des Grimmschen Wörterbuches

Sprachfeinheiten zum Schmücken der Sprache

Wer heute ein Wort liest oder hört, das ihm unbekannt ist oder dessen Bedeutung ihm nicht klar ist, der googelt es oder sucht bei Wikipedia, ob sich dort ein Eintrag findet. Für die schnelle Suche wird man wahrscheinlich nicht zu einem Wörterbuch greifen; das ist vielen, vor allem jüngeren Menschen, viel zu aufwendig. Wer sich aber auf die Suche nach Wortschönheiten macht, gleichsam als wolle er eine fremde Sprache lernen, dem nützt die Suche übers Internet wenig. Menschen also, die aus reiner Lust unbekannte oder neue Wörter entdecken möchten, kommen an einem Wörterbuch schlichtweg nicht vorbei. Nun könnte man auch im grimmschen Wörterbuch, das es auch digital gibt, nachschlagen, aber das ist nicht wirkich produktiv, denn dort wird man nur fündig, wenn man ganz konkret nach einem bestimmten Wort sucht.



Zusammenstellung ungewöhnlicher Wortschönheiten

Wer sich also für ungewöhnliche und in der  Alltagssprache verschwundene Wortschönheiten interessiert, dem sei das wunderbare Buch »Neuerliche entdeckungsfreudige Erkundung des grimmschen Wörterbuches den Lebensocean und die Sprachmenschwerdung betreffend«  aus dem Verlag das kulturelle Gedächtnis ans Herz gelegt. Das typografisch splendid ausgestattete Buch – wie die anderen auf diesem Blog bereits vorgestellten Bücher aus diesem Verlag auch – versammelt Wörter, die man zwar auch im grimmschen Wörterbuch findet, die aber, wie es auf dem Umschlag heißt, »eigensinnig zusammengestellt« sind. Das beschreibt allerdings nur zum Teil, was die Herausgeber antrieb. Denn der Leitgedanke der Auswahl der Wörter sind „Menschliches und Allzumenschliches, Charaktereigenschaften, Seelenzustände, Stationen des Lebensweges, Beschreibungen des Körpers, feine Gesten und Koseworte«. Eine solche Gliederung findet sich in der Quelle, dem grimmschen Wörterbuch, aus dem das Buch schöpft, nicht.

 

Zwei Wortschönheiten

Beim Durchblättern des Buches fiel mir der Begriff »Altenmannesrolle« ins Auge: fabula, argumentum senis: er fordert nichts dafür als höchstens einen kus, mit einem Wort er spielt die – altenmannesrolle. Oder an anderer Stelle: »Sprinzeln« (Verb): sprinceln, nictari, blintzeln, kleine Äuglein machen, mit den Augen unkeusche Lossung und Minen geben; sprinzln, liebäugeln, mit einem Mädchen schäkern.

In der Einleitung des Buches verweisen die Herausgeber auf ein Manko des grimmschen Wörterbuchs, das 1961 fertiggestellt wurde und daher keine Wörter von jüngeren Dichtern aufnehmen konnte, allen voran Robert Gernhardt, der »mit seinen komisch-klugen Körpergedichten auf wunderbare Weise das menschliche Kopf-Körper-Dilemma beschrieben hat«, zum Beispiel:

»Mein Körper ist voll Unvernunft,

ist gierig, faul und geil.

Tagtäglich geht er mehr kaputt,

ich mach ihn wieder heil.«

Ganz in diese Richtung geht mein Lieblingsgedicht von Robert Gernhardt:

»Ich bin ein schwerer alter Herr,

mein Herz ist leicht und jung,

das war schon einmal umgekehrt,

sagt die Erinnerung.«

(Erste Strophe des Gedichts)

 

Eine Herzensangelegenheit

Da mir Sprache und Stilkunde, richtige und treffende Verwendung der Sprache eine Herzensangelegenheit ist – allein schon aus beruflichen Gründen – und ich darüber hinaus das Verlagsprogramm des Verlags das kulturelle Gedächtnis sehr schätze und den verlegerischen Mut sehr bewundere, bin ich verständlicherweise nicht objektiv, was die Beurteilung solcher Bücher betrifft. Dennoch wäre es wunderbar, wenn sich so manche Leserin oder mancher Leser von meiner Begeisterung anstecken ließe und sich das Buch zulegen würde. Es wäre ein Beitrag zur Kultivierung unserer arg bedrängten Sprache.

 

Neuerliche Entdeckungsfreudige Erkundung des grimmschen Wörterbuchs, den Lebensocean und die Sprachmenschwerdung betreffend. Zusammengestellt und herausgegeben von Thomas Böhm und Peter Graf. Verlag das kulturelle Gedächtnis. Berlin 2022. 336 Seiten, zweifarbig, gebunden. ISBN 978-3-946990-59. LP 28,00 €

Josch 25.05.2022, 20.43

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Kommentare zu diesem Beitrag

2. von Christel Boßbach

Schöne Wörter brauchen ein anderes Umfeld als Google bieten kann. Reservate und Bibliotheken allein wären traurig. Raus auf Parkbänke und Balkone mit dem Buch! Im kölschen Dialekt spinxe ich dann gerne auch nach lokalen Begriffen...


vom 29.05.2022, 22.11
Antwort von Josch:

Wunderbar!
1. von Lukas

Interessanter Beitrag. Herzlichen Dank dafür!

vom 27.05.2022, 11.52
Antwort von Josch:

Gerne, immer wieder!
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