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Erfahrungen vermitteln?

Ist Erfahrung Kapital oder Hypothek?

Was ich erlebt habe, das kann mir niemand mehr nehmen. Es gehört zu mir, als sei es ein Teil von mir. Es ist mein Kapital oder meine Hypothek, es macht mich reich oder belastet mich. In jedem Fall ist es jedoch ein ganz wesentlicher Teil dessen, was mich zu dem macht, der ich heute bin. Manches Erlebnis war so intensiv, dass es nach Jahren noch so vor dem geistigen Auge steht, als habe es gestern stattgefunden. Ein Erlebnis wurde zu einer Erfahrung. Wie unterscheiden sich Erlebnis und Erfahrung?



Im Wort erleben steckt das Wort „leben“. Erleben bedeutet, etwas miterlebt, etwas gesehen, etwas getan zu haben. Es hat sowohl eine aktive – ich habe etwas gemacht – als auch eine passive Bedeutung: etwas ist mit mir geschehen. Ein Erlebnis ist ein miterlebtes Ereignis, ein starker Eindruck. Und das muss keine Aktion sein, sondern kann auch nur im Wort begründet sein. Ich erinnere mich an eine Theateraufführung in Stratford-upon-Avon vor gut dreißig Jahren.


The Merchant of Venice

Ich besuchte mit einer Freundin eine Aufführung von „The merchant of venice“ (Der Kaufmann von Venedig von William Shakespeare). Es war eine wunderbare Inszenierung  an dem Ort, in dem Shakespeare geboren ist, in dem er Weltliteratur geschaffen hat und in dem er gestorben ist. Es war für mich ein symbolträchtiges Erlebnis. Was mir von dieser Aufführung bis heute so stark im Gedächtnis geblieben ist, als sei es erst gestern geschehen, war eine Szene, in der Antonio seinem Gläubiger Shylock ins Gesicht spuckt, dass Shylock der Speichel die Wange hinunterläuft. Ich war damals dermaßen beeindruckt, ja entsetzt, dass ein Schauspieler so etwas auf offener Bühne coram publico – vor aller Öffentlichkeit – aushält. Es ist eine Demütigung allerersten Grades. Und dieses Entsetzen, dieser Ekel und diese Ergriffenheit vor dieser schauspielerischen Leistung ist in mir sogar nach 30 Jahren noch lebendig.

Dieser starke Eindruck entwickelte sich aber erst im Nachhinein, im Nachdenken und Reflektieren der Szene zu diesem starken Erlebnis und wurde schließlich zu einer mir bis heute wichtigen Erfahrung: Eine Erniedrigung wie diese – gespielte – Szene kann so stark sein, dass man sie nicht mehr wegnehmen, nicht mehr ungeschehen machen kann. Und das, obwohl es nur ein „Spiel“ ist, ein Schauspiel.


Erfahrung, eine Spurensuche

Erfahrung kommt nach einer Definition im Wörtberbuch von „reisen, durchfahren, durchziehen, erreichen“. Ein Mensch sammelt demnach Erfahrungen, indem er gewissermaßen die Welt be- und durchreist. Erst später bekam Erfahrung die Bedeutung von etwas „erforschen, kennenlernen, durchmachen“. Man hat etwas am eigenen Leib erfahren, hat es also selbst durchmachen müssen, hat es selbst ge- und erspürt. Erfahrungen sind wie ein Schatz, den man sich erworben hat. Und das gilt sowohl für positive wie negative Erfahrungen. Während positive Erfahrungen den Wunsch nach Wiederholung auslösen, bewirken negative Erfahrungen, Erlebnisse, die damit verbunden sind, so weit wie möglich, sie künftig zu vermeiden: Das muss ich nicht mehr haben. Negative Erfahrungen lösen vielfach Wut, Flucht und weitgehend Angst aus.


Erfahrung lässt sich schlecht vermitteln

Erfahrung kann man schlecht vermitteln, lehren oder weitergeben. Wie gern würde ich so manche negative Erfahrung meinem Sohn vermitteln, um ihn zu beschützen, ihn vor negativen Erlebnissen und Dingen zu bewahren. Aber leider funktioniert das nicht, da jeder seine eigenen Erfahrungen machen muss. Geradezu unüberwindbar „scheint die Distanz zu sein, in die sich die Lebenserfahrung des Alters gegenüber der Naivität der Jugend setzt“, heißt es im Handbuch philosophischer Grundbegriffe. Das klingt so, als sei der junge, unerfahrene Mensch nicht fähig, eigene Erfahrungen zu machen. Was aber mit Sicherheit nicht stimmt. Wenn allerdings der ältere Mensch gegenüber dem jüngeren auf seine Erfahrung pocht, dann maßt er sich gewissermaßen an, mehr zu wissen, besser zu sein, Einblick in Dinge zu haben, die dem anderen – noch –  verborgen, verschlossen sind. Was aber wäre das für eine Welt, in der die jungen Menschen die gleichen Erfahrungen machen müssten wie ihre Eltern und Großeltern? Wäre das nicht ein langweiliges, fades Leben?


Erfahrung ist etwas zutiefst Individuelles

Jeder muss seine eigenen Erfahrungen machen und damit die daraus notwendigen Schlüsse fürs eigene Leben ziehen. Denn Erfahrung ist schließlich die Mutter der Weisheit. Man kann sich über seine subjektiven, individuellen Erfahrungen mit anderen austauschen. Ich kann über die Erfahrungen meines Freundes, meiner Eltern, aber auch über die Erfahrungen meines Kindes staunen, kann sie mit Interesse zur Kenntnis nehmen, kann mir überlegen, wie ich mich verhalten hätte, wäre mir das passiert. Aber es bleiben immer die Erfahrungen des anderen, nicht meine eigenen.

Denn aus dem, was man selbst erlebt hat, lernt man am meisten. Das hat allerdings auch die schon erwähnte negative Seite. Negative Erlebnisse führen zu einem Erfahrungswissen, das mich künftig vor ähnlichen Erfahrungen bewahrt, mich schützt.

Daher ist Erfahrung, ganz gleich, ob negativ oder positiv, mein ganz persönlicher Schatz, der mein Leben bereichert, der mich reich macht. Sie gehört mir. Sie bleibt mir.

Copyright Abbildung: (c) Fotolia, nadezhda 1906


Josch 09.04.2018, 16.47

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