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Ist Pubertät wirklich keine Krankheit?

Als mein Sohn in die Pubertät kam, fiel es mir oft schwer zu begreifen, dass Pubertät keine Krankheit, sondern einen ganz natürlichen Reifungsprozess darstellt. Manchmal hatte ich das Gefühl, ein völlig fremder Mensch sitze mir am Tisch gegenüber. Nicht nur sein Aussehen, die Stimme, das Längenwachstum waren es, was mich verunsicherte. Es war vor allem sein Verhalten ...

Nichts mehr von unseren wunderbaren Gesprächen am Rande des ganz normalen Wahnsinns. Ich musste mich häufig zusammenreißen, dass ich nicht explodierte, und manchmal war ich mit den Nerven ziemlich am Ende, wenn er mich wieder einmal bis aufs Blut reizte und provozierte. Wie kann das sein?, ging es mir durch den Kopf. Warum sagt er das? Warum redet er solchen Stuss. Als ich Freunden, selbst Eltern von längst erwachsenen Söhnen und inzwischen dreifache Großeltern, mein Leid klagte, sagte G., eine erfahrene Pädagogin, zu mir: „Pubertät ist deswegen eine wichtige Phase, weil Du durch das Fremdartige und die vielfältigen Widerstände, die Du als Vater oder Mutter durchleiden musst, Dein Kind besser loslassen kannst. Es gibt Momente, da freust Du Dich darauf, wenn Dein Kind endlich aus dem Haus ist.“ Das leuchtete mir ein. Pubertät beschleunigt den Emanzipationsprozess, nicht nur des Kindes, sondern auch den der Eltern, könnte man sagen. Sonst würden die Kinder nie erwachsen und selbstständig werden, und wir würden sie niemals loslassen.

Wenn es besonders schlimm war, lag ich oft wach im Bett und grübelte: Wie war ich in seinem Alter? Wie habe ich über meinen Vater gedacht? Wie habe ich mit meinen Freunden über ihn geredet? Welche Tricks habe ich angewendet, um das zu bekommen, was ich wollte? Meistens musste ich mir eingestehen, dass ich weit schlimmer war als es mein Sohn heute ist, und das in mehrfacher Hinsicht. Und dann konnte ich ihn am nächsten Tag wieder ertragen, ja, ich hatte wieder dieses alles verzeihende Gefühl, das man als Vater nun einmal hat. Er ist schließlich mein Sohn, egal, was er macht, egal wie rüpelhaft oder unsensibel er mir gegenüber auch sein mag.

Und dann gibt es auch immer wieder diese Gespräche, spät nachts, wenn seine Mutter schon schläft, wenn er nach seiner allabendlichen Beschäftigung mit Musik zu mir in die Bücherecke kommt, wo ich meist lesend sitze, und er mich an seiner Sicht der Welt teilnehmen lässt. Ich bin dann gar nicht groß gefordert, meinen Senf dazuzugeben. Vielmehr bin ich als Zuhörer gefragt. Und das macht mich dann wieder stolz. Wenn er von „älteren Leuten“ spricht, die meist 20, ja 30 Jahre jünger sind als ich (ich bin ein alter Vater!), als sei ich für ihn bereits jenseits von gut und böse.

Einer meiner früheren Chefs, einer meiner wichtigsten Lehrmeister, von dem ich alles gelernt habe, was ich im Verlagslektorat brauchte, selbst Vater von vier Kindern, sagte einmal: „Sollten Sie einmal Kinder haben, dann erwarten Sie nichts von ihnen, machen Sie sich keine Vorstellungen davon, wie und was sie einmal sein werden. Ihre Kinder werden auf jeden Fall das, woran Sie niemals gedacht haben.“ Das hat mich damals sehr beeindruckt, wusste ich doch, wie sehr er seine Kinder liebte. Ich assoziierte es mit einem Satz von Max Reinhardt in einer Rede vor Schauspielschülern: „Erwarten Sie nichts von uns, Ihren Lehrern, sondern geben Sie uns alles, was sie haben.“ Und noch heute, nach fast 30 Jahren, erinnere ich mich noch plastisch daran, wie respektvoll mein Chef von seinen Kindern gesprochen hat.

Ich will mich nicht von meinem Sohn dominieren lassen. Ich will aber keinesfalls für meinen Sohn ein steingrauer, verknöcherter, verbitterter Vater werden, zu dem er keinen Zugang und kein Vertrauen mehr hat. Deswegen versuche ich so weit wie möglich, „hinter“ das zu kommen, was er oft wortreich und manchmal übertrieben selbstsicher von sich gibt. Es gelingt mir nicht immer, ruhig zu bleiben, so hinzuhören, dass ich die Botschaft hinter der Botschaft erspüren kann. Aber manchmal gelingt es mir doch. Und dann bin ich wieder ganz der stolze Vater, wie damals, als mein Sohn in der Wiege lag und ich mich oft leise in sein Zimmer schlich, seinen ruhigen Atemzügen lauschte, ihn ganz in mich aufnahm, um dann beglückt wegzugehen in dem Bewusstsein, dass ein Kind einfach ein Wunder ist. Und das machte mich stolz und unendlich glücklich.

Wenn ich meinen Sohn heute manchmal in einem von ihm unbemerkten Moment betrachte, überkommt mich dieses allumfassende Glücksgefühl, diese väterliche Liebe, dieser Stolz, wenigstens einmal im Leben an etwas wirklich Großartigem beteiligt gewesen zu sein.

Josch 19.09.2016, 21.18

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Kommentare zu diesem Beitrag

2. von Catherine Avak

Mittlerweile bin ich ein echter Fan Ihrer Gespräche mit Ihrem Sohn. Herrlich, wie Sie Gefühle in Worte fassen können: treffend. Treffend im Sinne von »trifft den Kern der Sache« und »trifft mitten ins Herz«. Ich bin keine Heulsuse, die eine oder andere Träne fließt aber schon mal bei der Lektüre dieser Reihe.
Wie Julia denke ich auch, dass dies nur Eltern verstehen können, die die Pubertät Ihrer Kinder heil überstanden haben: all die Zweifel und Ängste während der Pubertät und danach die unbeschreibliche Erleichterung und der Stolz. Der Stolz, »wenigstens einmal im Leben an etwas wirklich Großartigem beteiligt gewesen zu sein«.

vom 19.09.2016, 22.48
Antwort von Josch:

Ich bin ja ganz gerührt von Ihrem Kommentar. Wir haben uns in den Jahren, da wir viel zusammengearbeitet haben, nie über unsere Kinder unterhalten. Als ich noch nicht Vater war, hatte ich gar keinen inneren Raum, mich auf die Gefühle der Menschen einzulassen, die selbst schon Kinder hatten, wie Sie zum Beispiel. Das tut mir im Nachhinein sehr leid.
Ich danke Ihnen sehr für Ihre warmen Worte.

1. von Julia Feldbaum

Diesen Text können wahrscheinlich/vielleicht nur Eltern tief im Herzen nachempfinden, dieses überbordende Gefühl des Stolzes, oft auch der Unsicherheit ... und natürlich der bedingungslosen Liebe, den lieben Kleinen und eben auch Großen gegenüber ...



vom 19.09.2016, 21.58
Antwort von Josch:

Diese Form des Stolzes hat nichts zu tun mit dem Stolz auf seine eigene Leistung. Das wäre herablassend, hochnäsig und daher Ausdruck eines defizitären Selbstbewusstseins. Stolz korrespondiert hier mit der liebevollen Sorge, mit der Sorge um sein Kind. Ähnlich wie Vögel ihre Brut versorgen. Es ist also etwas ganz der Natur Verhaftetes...
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