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Ausgewählter Beitrag

Jazzmesse. Fortsetzungsroman (14)

Frühmesse (14)

Dozent Ambrosius Strauß kam immer mehr ins Schwitzen bei den vielen Fragen, auf die es keine pastoraltheologisch vernünftigen und allgemein gültigen Antworten gab.

„Bereits der Apostel Paulus hat uns in seinen Briefen gelehrt, nicht wahr, dass das Gewissen Richtschnur für unser Handeln sein möge, nicht wahr. Wenn wir also auf unsere innere Stimme hören und unser Gewissen schärfen, dann können wir gar nichts falsch machen, nicht wahr. Aber es gibt ja auch die Möglichkeit der Intinktion, bei der wir den Leib unseres Herrn Jesus Christus in den Wein, also das Blut, eintauchen können, nicht wahr.“



Auch Bertrams Konzentration ließ nach bei den theologisch hochgestochenen Antworten des Theologen aus Regensburg. Und die Teilnehmer an dem Informationsabend zur Liturgiereform stellten keine Fragen mehr, weil sie ohnedies hinnehmen mussten, was die Amtskirche beschloss. Und damit konnte Pfarrer Bauer diesen Teil der Veranstaltung beschließen und nun endlich zum eigentlichen Höhepunkt des Abends übergehen. Er tat dies mit seinem maskenhaften Lächeln und seiner für solche Situationen reservierten salbungsvollen Stimme.

Sogleich rumpelte die ganze Versammlung auf, stürmte aus dem Saal hinaus und in die Kirche hinein, zwängte sich gesenkten Hauptes aneinander vorbei und besetzte die vorderen Bankreihen in der Kirche. Man kniete nieder, legte den Kopf schief und setzte die für den Gottesdienst anscheinend notwendige Leidensmiene auf.

Bertram drängte es nicht, so schnell in die Kirche zu kommen. Er ließ sich Zeit, schlenderte allein über den kleinen Kirchplatz mit dem Kriegerdenkmal, zündete sich eine Mokri-Filter an und war eben im Begriff, nach Hause zu gehen, als er Gabi bemerkte, die mit Heidi vor der Kirche stand und sich mit ihrer Freundin angeregt unterhielt. Da überlegte er nicht lange und eilte auf das Kirchenportal zu, verlangsamte seine Schritte und ging auffällig an Gabi und Heidi vorbei in die Kirche hinein. Dort setzte er sich in die letzte Bank, die noch völlig leer war, und wartete ungeduldig und pochenden Herzens auf Gabi und Heidi, dass sie endlich in die Kirche kämen. Er getraute sich weder nach links noch nach rechts zu blicken. Nur mühsam konnte er seine Anspannung überspielen. Aber Gabi und Heidi kamen und kamen einfach nicht. Er ärgerte sich, dass er in die Kirche gegangen war und malte sich aus, wie es wäre, wenn er Gabi auf dem Nachhauseweg einfach ansprechen würde.

Als vorn am Altar die Ministranten die Wandlung einläuteten, wurde er jäh aus seinen Gedanken gerissen und mit der Herabkunft Jesu auf den Altar von St. Georg konfrontiert. Und das war heute ein ganz besonderes Schauspiel, weil Pfarrer Bauer zusammen mit dem Kaplan und dem 75-jährigen Ruhestandsgeistlichen, der in der Pfarrei seinen Lebensabend verbrachte, die Messe konzelebrierte, gewissermaßen als kostenloses Schauspiel für die ganze Gemeinde. Vor allem aber konnten die Herren Geistlichen auf diese Weise den Gottesdienstbesuchern die atemberaubenden Neuerungen in der Messliturgie demonstrieren.

Soeben begannen die Konzelebranten gemeinsam mit dem Eucharistischen Hochgebet:

„Der Herr sei mit euch.“

Worauf die Gemeinde stockend, aber laut antwortete:

„Und mit deinem Geiste.“

Beim Wort Geist blieb Bertram hängen. Obwohl er es schon tausendmal gehört und im Gottesdienst gesprochen hatte, assoziierte er immer wieder Gespenst damit. Aber so sehr er auch überlegte, er kam einfach auf keine vernünftige Bedeutung des Wortes Geist in diesem Zusammenhang. Immer wieder musste er an eine Spukgestalt denken. Aber dann würde die vorgeschriebene Antwort der Gemeinde keinen Sinn ergeben, da es ja keine Gespenster gab, zumindest nicht in Deutschland. Obgleich der eine oder andere aus der Gemeinde wie ein Gespenst aussah. Da war zum Beispiel Georg Klügg, der Biafra. Oder Frau Rieger, die alte Schachtel, die eifrige Kirchgängerin, die jeden Tag zur Kommunion rannte und nach dem Gottesdienst nichts Besseres zu tun hatte, als über andere Menschen aus der Gemeinde herzuziehen und über sie Gerüchte zu verbreiten. Vielleicht sollte man diese Leute künftig einfach Gespenster nennen.

Mitten in seine tiefschürfenden Betrachtungen hinein hörte er Pfarrer Julius Bauer singen:

„Erhebet die Herzen.“

Und die Gemeinde versuchte einzustimmen:

„Wir haben sie beim Herrn.“

So ging das nun im Wechselgesang hin und her. Und alle schienen zu verstehen, was sie beteten und sangen, schließlich sprachen ja alle Deutsch. Und Deutsch war immerhin ihre Muttersprache. Bertram empfand es als Lüge, was die Gemeinde da von sich gab. Wie sollten die Herzen beim Herrn sein? Und um welchen Herrn mochte es sich wohl handeln? Am meisten ärgerte er sich darüber, dass jeder Antworten geben musste, die vorgeschrieben waren. Weit lieber hätte er spontan darauf geantwortet, zum Beispiel: „Ich hab mein Herz an Gabi verloren.“ Aber da hätte wahrscheinlich Pfarrer Bauer nicht mehr weiter gewusst. Das wäre spannend gewesen. Aber leider ging es immer um dieselben Fragen und Antworten. Meistens waren es sogar Antworten, für die es gar keine Fragen gegeben hatte.

Obwohl keiner der drei Konzelebranten deutlich sprechen, geschweige denn singen konnte, hatten sie sich doch dazu entschlossen, die Gebete zu singen. Es gehört sich sehr viel Fantasie dazu, das Gequäke als Gesang zu bezeichnen, ging es Bertram durch den Kopf. Es hörte sich eher wie das Gejaule des Schäferhundes Arco bei Vollmond an. Aber die Gemeinde war diese undefinierbaren Laute schon gewohnt. Bertram wunderte sich, dass sich die Hochwürdigen Herren nicht genierten, so zu dilettieren, und sich vor der Gemeinde derartig entblödeten. Jedenfalls hatte die Versammlung beim Antwortgesang immer enorme Schwierigkeiten, den richtigen Ton zu treffen. Aber das schien niemanden zu stören. Bertram jedenfalls sang nicht mit. Wenn es wenigstens ein Song von den Rolling Stones gewesen wäre, wie zum Beispiel Its all over now. Da hätte er gern mitgesungen, und übrigens gar nicht so schlecht, wie er von sich glaubte.

Copyright Foto: Fotolia, Gudrun

Josch 06.07.2017, 11.31

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