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Jazzmesse. Fortsetzungsroman (18)

Bekenntnis (2)

Hubert wusste selbst, wie schwer er sich in der Schule tat, er hasste die Schule, die Ungerechtigkeit der Lehrer, die Ignoranz Studienrat Zimmerers, der ihn beim Ausfragen immer vor der ganzen Klasse bloßstellte und ihn in die Enge trieb. Er wusste selbst, dass er die Mittlere Reife in diesem Jahr schaffen musste, wollte er seine Träume verwirklichen. Er hatte sich in Mathematik immerhin von einer Fünf auf eine Vier verbessert, und sogar in Deutsch hatte er in der letzten Schulaufgabe eine Vier geschafft.




Das müsste doch eigentlich reichen. Nur in Englisch und in Latein haperte es eben. Er tat sich mit Fremdsprachen einfach unheimlich schwer. Dabei hätte er vor zwei Jahren schon beinahe die Oberrealschule aufgrund seiner katastrophalen Leistungen in Latein, Englisch und Deutsch verlassen müssen, wenn ihm nicht buchstäblich in letzter Minute eine Glanzleistung gelungen wäre und er in den letzten beiden Schulaufgaben das Sitzenbleiben abwenden konnte, was ja eine Relegation zur Folge gehabt hätte. Dieses Schuljahr hatte schwer an seinem Selbstbewusstsein gekratzt. Aber er wollte sich das nach außen hin nicht anmerken lassen. Wer weiß, wie die Schulkameraden darauf reagiert hätten.

Hubert konnte Fremdsprachen einfach nicht ausstehen, ihm war sogar der Deutschunterricht zuwider. Wenn er dort wenigstens lernen würde, wie eine gute Rede aufgebaut, geschrieben und gehalten wird. Referendar Reindl, der Dr. Gemeinweser immer vertrat, wenn dieser in seiner Funktion als Schöffe bei Gericht war, war selbst ein schlechter Redner. Was Hubert aber an Reindl am meisten störte, war dessen blödes Gehabe, wenn er sich auf ihn einschoss, so wie neulich, als es um Hermann und Dorothea ging. Er konnte mit diesen Versen einfach nichts anfangen. Warum musste man heutzutage wissen, was ein Hexameter ist? Und diese gespreizte Liebesgeschichte war für ihn einfach nur weltfremd. Da las er lieber Westernromane, in denen Wyatt Earp vorkam, oder den Lokalteil des Tagblatts, weil er sich mit Kommunalpolitik beschäftigen musste, schon der politischen Karriere wegen, von der er bis in die geheimsten Winkel seines Daseins hinein träumte.

In den Polizeidienst würde er auf keinen Fall gehen. Da hatte er schon Höheres vor. Diese bieder-bürgerliche Existenz, die sein Vater führte, war einfach zum Kotzen. Wie sehr hatte er sich wegen seines Vaters schon geschämt, zumal wenn es in der Schule darum ging, was die Kameraden alles von ihren Eltern geschenkt bekamen. Da konnte er freilich nicht mithalten. Johnny Pächer zum Beispiel hatte sogar schon ein eigenes Auto. Hubert fiel an dieser Stelle wieder in seine Tagträume zurück. Zunächst würde er seine Position bei der Christlichen Arbeiterjugend ausbauen, dann zur Katholischen Arbeiterbewegung wechseln und parallel bei der Jungen Union versuchen, seinen Einfluss auszubauen, um von dort auf Kreisebene Karriere bei der CSU zu machen. In diesem Jahr hatte er sich zum Ziel gesetzt, in den Vorstand der Jungen Union zu kommen. Im nächsten Jahr dann wollte er Kreisvorsitzender werden und ein, zwei Jahre später müsste er dann eigentlich im Kreistag sitzen.

Als Kreisvorsitzender der JU stünden ihm alle Wege in der Kommunalpolitik offen. Dann hätte er jedenfalls wesentlich mehr Einfluss als so ein kümmerlicher Streifenbeamter wie sein Vater, der seit Jahren immer die gleichen Wege abgehen musste, mit den Bauern in den umliegenden Weilern und Dörfern ein wenig schwatzte, mal ein paar Jugendliche beim Äpfelklauen oder beim Mopedfahren ohne Führerschein erwischte und ermahnte oder auch mal anzeigte und – wenn es für ihn ganz besonders aufregend wurde – die Ermittlungen gegen einen Landwirt begleiten durfte, dessen baufälliger Kuhstall plötzlich abgebrannt war. Wenn dann vielleicht das Tagblatt ein Bild vom Hauptwachtmeister abdruckte, wie er vor dem Brandherd stehend der Feuerwehr bei den Löscharbeiten zusah, dann saß der Gesetzeshüter tagelang stolz grinsend in seinem Sessel und hielt die Zeitung vor sich hin, damit auch jeder in der Familie nicht daran vorbeikam, ihn auf seine Heldentat anzusprechen und ihm zu huldigen. Nein, als Gendarm oder bei der Verkehrsstreife wollte Hubert auf keinen Fall enden. Hubert malte sich seine Zukunft wesentlich glänzender und spannender aus. Auf dem langen Weg in die Politik würde er nach der Schule zunächst eine Lehre beim Finanzamt absolvieren. Dies würde ihm genügend Zeit lassen, die politische Karriere akribisch voranzutreiben und jeden Schritt strategisch genau zu planen, besser jedenfalls, als ihm seine bisherige Schulkarriere gelungen war. Und eine Ausbildung beim Finanzamt würde ihm den notwendigen Durchblick für die Finanzpolitik und damit beste Voraussetzungen für seine politische Laufbahn verschaffen. Aber darüber konnte er mit seinem Vater einfach nicht reden, weil der seine Wünsche sicher als anmaßend abtun und ihn als eingebildet, ja als hoffärtig, wie er immer sagte, bezeichnen würde.

Mitten in diese von Erdbeermarmelade und Kakao versüßten Tagträume platzte seine Mutter mit der banalen Feststellung hinein, dass es schon dreiviertel acht sei und er sich nun sputen müsse, sonst komme er zu spät zur Schule.

Grunzend, ohne Erwiderung stand er auf, überließ das Abräumen des Tisches der Mutter, ging auf sein Zimmer, das er sich mit seinem Bruder Horst teilte, packte die Schulsachen zusammen und verließ mit einem knappen, militärischen Gruß die elterliche Wohnung, stürmte die Treppe hinunter in den Keller, holte das Fahrrad aus dem Abstellraum und radelte, während er sich weiter seinen politischen Karriereträumen hingab, gemütlich zur Schule.

Josch 17.09.2017, 12.53

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