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Jazzmesse. Fortsetzungsroman (21)

Bekenntnis (5)

Zum Elternabend hatte Dr. Gemeinweser Huberts Eltern mit einem persönlichen Brief eingeladen, was Schlimmes befürchten ließ. Huberts Vater hatte noch nie einen Elternabend besucht, aber weil er von Studienrat Gemeinweser gewissermaßen persönlich eingeladen worden war, betrachtete er es als eine Pflicht, der Einladung nachzukommen.




Hubert war das alles mehr als peinlich. Er fragte sich, warum Gemeinweser unbedingt beide Eltern sprechen wollte. Als ob es nicht gereicht hätte, wenn seine Mutter allein in die Sprechstunde gegangen wäre, wie sonst auch immer. Und irgendwie passte es überhaupt nicht zu seinem politischen Höhenflug, der ihm gegenwärtig mächtig Auftrieb gab, wenngleich er schulisch sozusagen ums Überleben kämpfte. Hubert ging unruhig in seinem kleinen Zimmer auf und ab, sah aus dem Fenster, drehte sich um und starrte auf das Poster, das Horst vor Kurzem über sein Bett geklebt hatte. Es zeigte Rudi Brunnenmeier vom TSV 1860 München, den Stürmer, dessen Tor der deutschen Nationalmannschaft das Tor zur Weltmeisterschaft geöffnet hatte. Dann stieg dumpf das Eslarnerlebnis wieder in ihm hoch und verdüsterte sein in den letzten Wochen so mühsam zur Schau getragenes Selbstwertgefühl. Wenn Gemeinweser nur nicht so maßlos übertreiben würde, was der Vater sicher gar nicht merkt. Und dann würden sie zusammen ins gleiche Horn stoßen. Was gäbe er darum, wenn sich diese Begegnung verhindern ließe. Seit Tagen schlich Hubert deswegen einsilbig und trübselig durch die Wohnung. Fragte ihn die Mutter etwas, gab er ausweichende, kryptische Antworten. Sah sie ihm mit sorgenvoller Miene ins Gesicht, wandte er sich mit schiefem Grinsen ab und verließ das Zimmer.

Wenn es nach ihm ginge, würde er die Schule im Sommer verlassen. Aber ob das seine Eltern auch billigten? Jedenfalls ärgerte er sich ungemein, wenn er an den Deutschunterricht in den letzten Wochen dachte. Diese absolut idiotische Lektüre, mit der ihn der junge Referendar vor Kurzem so unsterblich blamiert hatte. Wie er die hasste! Er würde nach der Schule nie mehr irgendetwas von Goethe lesen. Seiner Meinung nach war der Dichter absolut überschätzt. Warum war er eigentlich in der Stunde so ausfallend geworden? Er fand, dass der Referendar ganz schön provoziert hatte. Sicher, er hatte nicht aufgepasst, weil ihn die Aussage von Loschke nicht mehr losließ.

„Und nun werde ich mit meinen Freunden die JU aufmischen“, hatte dieser lautstark getönt. Loschke war in der Jugendorganisation der CSU nicht nur wegen seiner freundlichen Art sehr beliebt, sondern vor allem, weil er sich für keinen Dienst zu schade war. Es hatte Hubert jedenfalls sehr beunruhigt, zumal er Loschke von Haus aus nicht ausstehen konnte. Er hatte sich gerade ausgemalt, wie er den Rivalen ausstechen und blamieren könnte, hatte sich vorgestellt, wie er ihn in der Ortsversammlung wegen seiner dummen Ansichten lächerlich machen würde. Da hatte sich der Deutschlehrer plötzlich vor ihm aufgebaut und ihn mit der Aufforderung, aus Hermann und Dorothea vorzulesen, aus seinen politischen Tagträumen geholt. Dieser junge Schnösel von einem Pauker hatte ihn mit der Realität des Deutschunterrichts konfrontiert und ihn dabei vor der ganzen Klasse blamiert.

Sichtlich verunsichert hatte er zu lesen begonnen. Etwas laut war es noch in der Klasse, aber den Deutschlehrer schien das nicht zu stören.

Lächelnd sagte darauf der Vater:

„So hör' ich dich gerne!

Solch ein vernünftiges Wort hast du mir selten gesprochen.“

Aber es fiel sogleich die Mutter behänd ein:

„Sohn, fürwahr! du hast recht; wir Eltern gaben das Beispiel.

Denn wir haben uns nicht an fröhlichen Tagen erwählet,

Uns knüpfte vielmehr die traurige Stunde zusammen.“...

 

Huberts Vortrag erinnerte an das Stöhnen und Jaulen beim Zahnarzt. Er las ohne Dramatik, ohne Begeisterung, ohne innere Beteiligung; wenn man genau aufpasste, dann hörte man die Beleidigung aus Huberts Stimme heraus, die Kränkung darüber, dass Hubert solch einen Quatsch vor der ganzen Klasse laut lesen musste, und das als angehender Kommunalpolitiker, vielleicht sogar als späterer Landrat! Als Landrat repräsentierte er nämlich den Träger dieser Schule. Und als solcher würde er einmal darauf einwirken, dass solche Texte in seiner Schule nie mehr gelesen werden mussten. Da hörte er auch schon Reindl, den Referendar, der Studienrat Gemeinweser vertrat, kaum zehn Jahre älter als Hubert, hämisch feixen, was ihn denn plage, dass er gar so winsle. Die ganze Klasse lachte laut auf. Hubert fühlte sich zum Gespött gemacht; er kochte innerlich vor Wut und Rachegelüsten. Nun sollte er die Verse auch noch interpretieren. Dabei konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen, was der Dichter damit sagen wollte. Was könnte man da schon groß herauslesen. Hubert war ziemlich hilflos. Ihm sagten diese Hexameter absolut nichts. Er hatte das Buch auch nicht gelesen, wie der Klasse am Freitag als Hausaufgabe aufgegeben worden war. Hubert überlegte angestrengt, dann platzte er unvermittelt heraus:

„Was soll man da schon hineininterpretieren? Ich meine, dass es da um einen Generationskonflikt zwischen den Eltern und ihrem Sohn Hermann geht.“

Aber mit dieser Deutung war der Referendar absolut nicht zufrieden und bohrte weiter. Hubert stand vor einem literarischen Bankrott, was ihm erneut eine Fünf einbrachte und sein Vorurteil bekräftigte, dass ihn die Schule für seine Karriere nicht weiterbrachte. Solch ein Käse konnte mehr Schaden anrichten als helfen. Und daher beschloss Hubert, nach dem Unterricht mit Herrn Reindl zu sprechen und ihn eventuell dazu zu bewegen, mehr politische Texte mit der Klasse zu lesen, zum Beispiel Zeitungsberichte über oder Reden vom CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauß. Aber darauf war der Lehrer nicht eingegangen. Er hatte ihn nur blöd angeschaut und sich mit einem langen Seufzer von ihm abgewendet.


Josch 29.10.2017, 16.50

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