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Jazzmesse. Fortsetzungsroman (22)

Jazzmesse erzählt von Bertram, Gabi und Hubert, Jugendlichen in der bayerischen Provinz in den 1960er-Jahren. Etwaige Ähnlichkeiten mit realen Personen sind rein zufällig. Bekenntnis ist das zweite von insgesamt zwölf Kapiteln.

Bekenntnis (6)

Der Elternsprechtag spitzte Huberts Lage in der Familie erneut zu. Offensichtlich empfand es der Vater als persönliche Beleidigung, dass der Sohn ihm diese demütigende Begegnung mit dem Studienrat eingebrockt hatte. Er wich ihm in den folgenden Tagen aus, verließ demonstrativ und mit angewiderter Miene den Raum, sobald Hubert das Zimmer betrat und behandelte ihn, als sei er Luft.



Nur die Mutter ließ sich nichts anmerken. Als sie ihm fürs Frühstück die Marmeladenbrötchen strich, fragte sie ihn unvermittelt, ob er eine Freundin habe. Hubert wusste nicht, worauf sie hinauswollte und antwortete wahrheitsgemäß: „Nicht dass ich wüsste!“

Da musste die Mutter lachen, und sie erzählte vom Gespräch mit Studienrat Doktor Gemeinweser, der ihnen ernsthaft empfohlen hatte, ihn von der Schule zu nehmen. Er sehe keinen Weg, wie Hubert die nächsten Jahre schulisch überstehen sollte: In Latein und Englisch stehe er jeweils auf einer Fünf. In Englisch könne er sich vielleicht noch verbessern, wenn er sich anstrengen würde. Wie es allerdings in Latein ausgehen würde, das sei noch dahingestellt. Sicher, das waren keine rosigen Aussichten, aber die Mittlere Reife könnte Hubert noch schaffen. Nur gut, dass er Wirtschaftskunde und kaufmännisches Rechnen als Wahlfächer genommen hatte. In diesen Fächern stand er sogar auf einer Zwei beziehungsweise einer Drei. Damit könnte er vielleicht eine Fünf ausgleichen, so rechnete er ihnen vor.

Dann würde er eben von der Schule abgehen und eine Ausbildung beim Finanzamt machen. Dazu müsste er aber den Eignungstest für den mittleren, nichttechnischen Dienst machen. Aber der müsste eigentlich zu schaffen sein. Die Mutter hatte sich inzwischen zu Hubert an den Tisch gesetzt und hörte ihm nachdenklich zu.

„Du willst die Schule wirklich verlassen?“, fragte sie freundlich, mit besorgtem Unterton.

„Wenn ihr nichts dagegen habt, und wenn ich nicht in Vaters Fußstapfen bei der Polizei treten muss, dann würde ich gern die Schule verlassen. Ja, das möchte ich!“, fügte er nach einer kleinen Pause etwas unsicher hinzu.

Die Mutter strich ihrem Sohn über den Kopf und lächelte ihn an. So schlimm, wie Doktor Gemeinweser tat, war es nun auch wieder nicht, wenn man kein Abitur hatte. Man könne auch ohne Abitur glücklich werden, meinte sie. Schließlich habe sie selbst auch kein Abitur, sie habe ja nicht einmal die Mittlere Reife. Und doch sei etwas Ordentliches aus ihr geworden.

 

Schon am ersten Tag der Weihnachtsferien versuchte Hubert verzweifelt, seine Defizite in Latein und Englisch aufzuholen. Er wollte unbedingt das Klassenziel erreichen, wenngleich es diesmal ziemlich düster aussah. Er hatte sich von den Klassenkameraden ein wenig zurückgezogen, seit die Kartler wegen seines misslungenen Ausflugs nach Eslarn so dumm daherredeten. Den Bierkönig nannten sie ihn, lachten lauthals und vermeintlich grundlos, wenn sie ihn sahen, was Hubert ungemein kränkte. Vertrauen hatte er nur zu Georg Bäumler, obwohl er ihn innerlich so verachtete. Irgendwie war er zerrissen. Wem könnte er sich, käme es darauf an, anvertrauen?

 

Am zweiten Weihnachtsfeiertag, dem Hochfest des heiligen Stephanus, saß Hubert bei der Spätmesse um 10:30 Uhr ganz hinten in der Kirche und döste vor sich hin. Der Geistliche Rat brauchte selbst bei so einer relativ einfachen Messe unendlich viel Zeit für die unterschiedlichen rituellen Verrichtungen bei der Messe. Und nun stellte er sich doch glatt hin und fing zu predigen an. Dabei war Hubert in die Spätmesse gegangen, weil Horst behauptet hatte, am zweiten Weihnachtsfeiertag würde die Messe nur eine halbe Stunde dauern, da es keine Predigt gebe. Und nun schritt der alte Mann mit zittrig-gefalteten Händen und gesenkten Hauptes zum Ambo, beugte mühsam das rechte Knie, verbeugte sich vor dem Ewigen Licht, dann drehte er sich langsam zur versammelten Gemeinde um, machte das Kreuzzeichen und fing an zu predigen:

Brüder und Schwestern im Herrn. Wir sind zusammengekommen, um das Fest des heiligen Erzmärtyrers Stephanus zu feiern. Der heilige Stephanus war wegen seines Eintretens für den Herrn bekannt. Er, dem die Apostel selbst die Hände aufgelegt und zum Erzdiakon geweiht hatten, verkündete in Wort und Tat die Frohbotschaft. Seine begeisternden Predigten waren dem Hohen Rat jedoch ein Dorn im Auge. Viele Juden bekehrten sich zu unserem Herrn Jesus Christus und ließen sich taufen. Als Stephanus wegen Gotteslästerung angeklagt wird, hält er eine flammende Verteidigungsrede und bekennt sich zu Moses und den Propheten. Der Hohe Rat aber hält sich die Ohren zu, weil sie nicht hören wollen, was Stephanus zu sagen hat, und er wird als Gotteslästerer zum Tod durch Steinigung verurteilt. Die Verleumder werfen die ersten Steine, ziehen ihre Kleider aus, dass sie nicht durch Berührung mit ihm verunreinigt würden, und legen sie Saulus vor die Füße. Stephanus aber sieht den Himmel offen. Er kniet nieder und vergibt im Sterben seinen Peinigern.

Hubert konnte und wollte sich nicht mehr konzentrieren. Er hatte die Geschichte schon so oft gehört und ahnte, worauf die Predigt des Geistlichen hinauslaufen würde. Er dachte an seinen Vater, den überzeugten Dorfpolizisten. Was denkt der sich eigentlich, ihn unbedingt auch zu einem Polizisten machen zu wollen? Hubert würde sich am liebsten die Ohren zuhalten, um dieses Geschwätz des Pfarrers nicht hören zu müssen. Nur die Mutter hielt zu ihm, bekannte sich zu ihm wie der Märtyrer Stephanus zu Christus. Da hört er den Geistlichen sagen: Christus opfert sich für Stephanus, und Stephanus opfert sich für Christus. Das ist die höchste Form der Liebe. An ihr werden unsere Bemühungen einst gemessen, wenn wir vor dem Herrn stehen und er über uns richtet und uns aufnimmt in die Schar der Heiligen oder wenn er uns hinabschickt in die ewige Finsternis.

Die letzten Worte sprach der Priester mit weinerlichem Tremolo, wobei ihm die klappernde Zahnprothese das Sprechen erschwerte. Man sah ihm die Angst vor dem Letzten Gericht förmlich an. Er blickte mit glänzenden Augen und schmatzenden Lippen über die Köpfe der Gemeinde hinweg, dann verbeugte er sich, sprach laut das Amen, das er auf der zweiten Silbe betonte, machte einen Schritt zurück, trat dabei versehentlich auf seine lange Albe, kam dabei aus dem Gleichgewicht, sodass ihn die großen Ministranten, die während der Predigt neben ihm gestanden waren, gerade noch auffangen konnten.

Hubert hatte das abrupte Ende der Predigt und das Taumeln des Geistlichen amüsiert verfolgt. Er konnte sich jedoch im weiteren Verlauf der Messe nicht mehr auf das Geschehen am Altar konzentrieren und war unendlich froh, als der Geistliche Rat Zöpfel endlich den Segen erteilte und Hubert schnellen Schrittes die Kirche verlassen konnte. Wie zufällig stand plötzlich Georg neben ihm. Als wäre das alles ganz normal, was da soeben beim Gottesdienst passiert war, fragte er Hubert mit ziemlich ernster Miene, was da eigentlich Mitte November in Eslarn passiert sei...

Josch 12.11.2017, 16.23

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