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Jazzmesse. Fortsetzungsroman (23)

Jazzmesse erzählt von Bertram, Gabi und Hubert, Jugendlichen in der bayerischen Provinz in den 1960er-Jahren. Etwaige Ähnlichkeiten mit realen Personen sind rein zufällig. Bekenntnis ist das zweite von insgesamt zwölf Kapiteln. Mit nachfolgendem Teil 7 ist das Kapitel Bekenntnis abgeschlossen.

Bekenntnis (7)

Georg, von Haus aus misstrauisch bis in die Haarspitzen, erwähnte mit leicht geneigtem Blick, dass man die seltsamsten Geschichten von Hubert höre. Offenbar hatte Georg aber bereits sein Urteil über Hubert in dieser Sache gefällt. Als ob er sich seine Meinung nur noch bestätigen lassen wollte, fragte er, ob Hubert wirklich mit der Wirtin des Gasthofes Zum Schwarzen Bären in Eslarn ein Verhältnis habe, die sei aber doch verheiratet, wie er gehört habe. Und Anstiftung zum Ehebruch und vorehelicher Geschlechtsverkehr seien doch besonders schwere und verwerfliche Todsünden.



Der spröde Georg mit seiner leichten Gehbehinderung war ein entschiedener Vertreter der strikten katholischen Sexualmoral. Ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau war in seinen Augen ähnlich schlimm wie ein Mord und ganz und gar unverzeihlich. Da urteilte er härter als es vermutlich Jesus getan hätte oder der Papst. Ähnlich schlimm war für ihn übrigens, am Freitag bewusst Fleisch zu essen.

Hubert war blass geworden, als er diese Anschuldigung hörte. Er stammelte, dass er dazu gar nicht in der Lage gewesen wäre, selbst wenn er es gewollt hätte. Denn schließlich sei er so besoffen gewesen, dass er sich nicht einmal mehr an die Fahrt von Eslarn nach Hause erinnern könne. Erst als er vor der Wohnung stand und ihm der Vater in seiner mitfühlenden Autorität die Tür öffnete, sei er sozusagen schlagartig wieder nüchtern gewesen. Und er sei seitdem nie wieder in Eslarn gewesen und habe auch nicht vor, jemals wieder dort hinzufahren, geschweige denn mit einer fremden Frau etwas anzufangen. So weit er sich erinnern könne, hatte sie sich lediglich kurz mal zu ihm an den Tisch gesetzt. Er würde die Frau wahrscheinlich, sollte sie ihm auf der Straße begegnen, nicht einmal wiedererkennen.

Georg schien beruhigt, wenngleich sein Misstrauen, wenn es um Unkeuschheit und das Geschlechtliche ging, nur schwer einem gütigen Vertrauen wich.

Die Tage nach Weihnachten verbrachte Hubert fast ausschließlich in seinem Zimmer, um zu lernen. Und ganz gegen seine Gewohnheit las er sogar einen Roman. Als er das Buch in der Pfarrbibliothek gesehen hatte, dachte er, Der Arzt von Stalingrad von Heinz Günther Konsalik sei das Kriegstagebuch eines ehemaligen SS-Offiziers. Das interessierte ihn sehr. Obgleich es nur eine erfundene Geschichte war, konnte er das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Wenn sie doch solche Bücher im Deutschunterricht behandeln würden, statt diesen unsäglichen Hexameter Hermann und Dorothea, was für ihn spanische Dörfer mit heißer Musik waren, jedenfalls weit weg von der Wirklichkeit und völlig unverständlich.

Die Familie ließ ihn in seinem Leseeifer gewähren. Sein Bruder war ohnedies die meiste Zeit unterwegs, der Vater im Dienst, und die Mutter versorgte ihn dafür diskret und liebevoll mit allerlei weihnachtlichen Leckereien. Er versuchte sich auf die ungeliebten Fächer Englisch und Latein zu konzentrieren und die erheblichen Lücken, die er hatte, zu füllen. Lediglich an Silvester unterbrach er seinen Lerneifer und besuchte ein Fest bei Richard Dehlko, das dieser wie üblich in den Partyräumen der Eltern veranstaltete und zu dem einige Leute aus seiner Klasse, aber auch ein paar fremde, sehr hübsche Mädchen aus der Mittelschule gekommen waren. Hubert war in seinem Element. Er trank, flirtete und sprach über die politischen Großereignisse des Jahres. Da saß er dann um Mitternacht ziemlich betrunken und mit einem blonden Mädchen, dessen Namen er nicht einmal wusste, knutschend in einer Ecke und bekam gar nicht mit, dass die Partygäste sich ins Freie verzogen hatten, um Raketen in den trüben Nachthimmel zu schießen. Als er einige Stunden später aufwachte, war es bereits hell. Keine Spur mehr von der süßen Blonden, nur Richard und zwei seiner Freunde saßen am Tisch gegenüber, löffelten aus einem großen Topf Gulaschsuppe und prusteten vor Lachen, da er ganz offensichtlich nicht wusste, wo er sich befand. Er setzte sich zu ihnen, nahm einen Löffel, aß ein wenig von der scharfen Suppe und half anschließend beim Aufräumen. Richard war eigentlich ein feiner Kerl, nur schade, dass er so wenig Kontakt zu ihm hatte.

Am ersten Schultag nach den Weihnachtsferien fuhr Hubert ziemlich erleichtert in die Schule. Wieso hatte er nur so viel Angst vor den Ferien und der drohenden Auseinandersetzung mit den Eltern gehabt? Eigentlich hätte er doch wissen müssen, dass ihm Mutter die Stange halten und den Vater entsprechend präparieren würde. Gott sei Dank ging alles gut, ohne große Auseinandersetzung, nicht einmal mit Horst war er sich in den Haaren gelegen. Da fiel ihm die Fürbitte ein, die er vor einigen Wochen im Schülergottesdienst sprechen musste: „Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne meine Gedanken.“ Der Kaplan hatte gesagt, es sei ein Psalm Davids, mit dem dieser den allwissenden und allgegenwärtigen Gott preise. Unwillkürlich fiel ihm das Glaubensbekenntnis ein, das der Geistliche Rat am Dreikönigstag bei der Messe gesungen hatte. Es klang wirklich, als hätte ein Blasebalg Löcher, aus dem pfeifend die Luft entwich. Da musste er laut lachen und summte Peggy Marchs Hit „Mit 17 hat man noch Träume, da wachsen noch alle Bäume, in den Himmel der Liebe!“ Es würde ein guter Tag werden, heute, da war er sich ziemlich sicher.

 

Josch 26.11.2017, 16.07

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