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Jazzmesse. Fortsetzungsroman (3)

Frühmesse (3)

Die Messe zieht sich endlos hin. Der Pfarrer kommt und kommt einfach nicht zum Ende. Bis zur Gabenbereitung darf sich die Gemeinde wieder setzen. Eigentlich sieht Dietlinde ziemlich gut aus, auch wenn sie nicht unbedingt sein Fall war. Mit ihren langen Beinen, den vollen, runden Brüsten und den dichten, dunklen Haaren war sie äußerst attraktiv. Und das schien sie auch zu wissen. Zudem verliehen ihr die schräg stehenden grünen Augen etwas Geheimnisvolles, Südländisches.




Dass Heinrich sich jedoch an ihr vergriffen hatte, kann Bertram nicht so recht verstehen, wo er doch mit Isolde verlobt ist. Sobald Isolde ihre Friseurlehre abgeschlossen hat, wollen sie heiraten. Das jedenfalls hatte Heinrich noch vor ein paar Wochen beim Essen verkündet. Bertram hatte sich darüber sehr gewundert, hatte er doch den Eindruck, Heinrich ginge es nur darum, endlich selbstständig zu sein.

Bertram kann sich der Schadenfreude nicht erwehren, als er sich ausmalt, was wohl Vater zu dem Missgeschick sagen würde. Das gibt eine exorbitante Bestrafung. Da wollte er unbedingt dabei sein. Wenn nur Vater nicht wieder so lange mit der Abrechnung warten würde. Das war immer eine grausame Dramaturgie, die er da inszenierte. Er ließ sich häufig tagelang Zeit, bis er das angekündigte Exempel endlich statuierte. Immer, wenn der Delinquent bereits glaubte, der Strafvater habe sowohl das Vergehen als auch die Züchtigung vergessen, setzte es unvermittelt Schläge. Denn Vergessen gab es beim Vollstrecker nicht. Anscheinend verschaffte die Bestrafung dem Exekutor eine außergewöhnliche Befriedigung.

Warum hatte ihm Heinrich nichts von Dietlinde erzählt? Dabei teilten sie sich seit jeher das Zimmer. Aber noch mehr ärgerte sich Bertram über sich selbst, weil er nichts von dem Techtelmechtel bemerkt hatte.

Die Ministranten vorn am Altar gaben gerade das Klingelzeichen zum Beginn der sogenannten Wandlung. Mechanisch kniete Bertram nieder, während der Pfarrer betete:

Accipite et manducate ex hoc omnes: hoc est enim corpus meum, quod pro vobis tradetur...

Bertram machte mit dem Daumen der rechten Hand drei Kreuzzeichen auf Stirn, Mund und Brust, wie alle Gläubigen es bei der Wandlung taten, verneigte sich und klopfte sich dann stereotyp mit der rechten Hand dreimal an die Brust. Er musste sich beherrschen, nicht laut herauszulachen, als er daran dachte, wie er sich vor Kurzem einmal vor Dietlinde aufgebaut hatte, während sie auf den Knien den Boden in der Küche wischte und er ihr dabei in den Ausschnitt geglotzt hatte. Dietlinde aber schien es darauf angelegt zu haben, jedenfalls tat sie, als wollte sie den obersten Knopf ihrer Bluse zuknöpfen, als sie seinen Blick bemerkte. Da hatte er sich, wie eben bei der Wandlung, niedergekniet und ihr unter die Bluse gefasst.

Dietlinde war von seinem Angriff gar nicht überrascht, jedenfalls hatte sie sich nicht zur Wehr gesetzt. Sie hatte weder dagegen protestiert noch eine spöttische Bemerkung gemacht, wie er es eigentlich von ihr erwartet hatte. Sie hatte nur langsam seine Hand genommen und sie aus dem Büstenhalter gezogen. Wer war da eigentlich der Provokateur, sie oder er? Oder wollte sie ihn etwa einladen, mit ihr ins Bett zu steigen? Lust hätte er ja gehabt, aber er traute sich einfach nicht.

 

Eigentlich gönnte er seinem Bruder das Missgeschick mit Dietlinde. Was anderes als ein Missgeschick konnte es seiner Meinung nach auch gar nicht sein. Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass Heinrich mit Dietlinde ernste Absichten hegen könnte. „Hätte er eben aufpassen müssen, der Angeber, der Besserwisser, der große Bruder“, lächelte er still in sich hinein, während vorn am Altar der Priester streng dem Ritus folgend allerlei lateinische Gebete halblaut vor sich hin murmelte. Gerade in letzter Zeit hatte Heinrich sich aufgeführt wie ein Platzhirsch, als habe Vater bereits die Familienhierarchie neu geregelt und dem Bruder den Primat übertragen. Heinrich ist eben der Ältere, und das – meint dieser offensichtlich – gebe ihm das Recht, über ihn, Bertram, bestimmen und ihn herumkommandieren zu können.

Was Heinrich am Sonntag wohl gewählt haben mag? Die Kämpfe in den letzten Wochen in der Familie hatten ausschließlich die Bundestagswahl zum Inhalt. Oder war die Wahl nur ein Vorwand für Heinrich, um sich mit Vater anzulegen? Vater war traditionsgemäß CSU-Wähler. Er hatte doch vor dem Krieg schon die Bayerische Volkspartei gewählt, wie er immer behauptete. Und für ihn ist die CSU die konsequente Nachfolgepartei der BVP. Heinrich hingegen argumentierte provokativ gegen die CSU, der es – wie er sagte – nur um wirtschaftliche Interessen gehe. Der einfache Mann auf der Straße komme im Parteiprogramm der Schwarzen gar nicht vor. Die CSU rede von Tradition, dabei zerstöre sie alle alten Werte, sie rede vom Menschen, dabei ziele bei ihr alle politische Aktivität allein auf den Wiederaufbau des Landes und der Wirtschaft. Wiederaufbau jedoch könne und dürfe doch nicht alles sein. „Was hat diese Partei über die materiellen Inhalte hinaus zu bieten?“, fragte er den Vater und zog dabei die Mundwinkel verächtlich nach unten. Den Vater schien weniger der Inhalt der Rede als vielmehr die verächtliche Begleitgrimasse wütend zu machen. Er hätte am liebsten losgedroschen, so sehr trieb ihn der Sohn in die Enge. Der Strafvater wusste sich oft nicht anders zu helfen als zuzuschlagen.

„Von wegen christliche Werte, die hatte es bei der CSU noch nie gegeben“, setzte Heinrich dann spöttisch noch eins drauf. Mit so einer Bemerkung brachte er dann meist auch noch die Mutter gegen sich auf. Und wenn dann alle über ihn herfielen, grinste er nur provokativ vor sich hin und ging zur Tür. Auch Bertram verstand in solchen Momenten nicht, was der Bruder damit bezweckte.

Wenn Vater dann außer sich war vor Wut und sich kaum noch beherrschen konnte, dann baute sich Heinrich vor dem Vater auf, ganz ruhig, gelassen, herausfordernd, als warte er nur darauf, dass der Vater endlich auf ihn einprügelte. Manchmal flüsterte er dann: „Wenn es dir guttut, mich zu schlagen, dann nur zu, tu dir keinen Zwang an.“ Und dabei reckte er grimassierend dem Vater das Gesicht entgegen.

Der Vater war in solchen Situationen fix und fertig. Er wusste sich nicht mehr zu helfen. Und als gestehe er seine Hilflosigkeit ein, drehte er sich meist wortlos um und verließ mit feuchten Augen das Zimmer, mit einem Blick, als habe der Sohn soeben die Hand gegen ihn erhoben, und Heinrich sah dem Vater cäsarisierend hinterher.

Ob jedoch Heinrich wirklich so strikt hinter der SPD stand, wie er immer vorgab, daran hatte Bertram seine Zweifel. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Heinrich seine Stimme wirklich der SPD gab. Im Grunde genommen war Heinrich dem Vater doch sehr ähnlich.

Hätte Bertram gestern wählen dürfen, dann hätte er jedenfalls die CSU gewählt. Bertram war von Franz Josef Strauß ziemlich begeistert. Das war in seinen Augen ein Redner, wie es keinen zweiten in Deutschland gab. Und wie der den politischen Gegner zur Sau machte, das beeindruckte Bertram ungemein.

 

Josch 10.02.2017, 15.56

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