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Jazzmesse. Fortsetzungsroman (6)

Frühmesse (6)

Nun hatte ihn ausgerechnet Franz gefragt, ob er bei dem Bunten Abend mitmachen wolle. Das machte Bertram ganz eifersüchtig, weil Kirchenrat Brummer nicht ihn, sondern Franz, diesen Angeber und Möchtegerncasanova, angesprochen hatte. Dabei war er, Bertram, doch ein weit eifrigerer Kirchgänger als Franz und obendrein der mit Abstand beste Unterhalter der gesamten Clique. Er überlegte, wie er die Gruppe am besten verunsichern könnte, und er entschloss sich, die Gruppe ein wenig zappeln zu lassen. Er könnte ja so tun, als wolle er der Gruppe einen Korb geben, obwohl er diese Möglichkeit keine Sekunde in Erwägung gezogen hatte. Ganz im Gegenteil: Er hatte in dem Angebot sofort die große Chance gewittert, so richtig im Mittelpunkt stehen zu können.




Als ihn einige Tage später Georg Klügg, den er an der Bushaltestelle getroffen hatte, fragte, ob er sich denn nun schon entschieden habe und die Rolle der Klothilde übernehmen wolle, da war er ziemlich wütend geworden und hatte den Biafra, wie sie Georg seiner mageren Gestalt wegen frotzelten, abgekanzelt und erwidert, dass er nicht im Traum daran denke, bei diesem Scheiß mitzumachen.

 

„Ich habe keine Lust, mich zusammen mit Stotterern, Stinkbomben und warmen Brüdern öffentlich zu blamieren. Aber vielleicht spielst ja du die Rolle der Klothilde. Und Franz könnte dann deinen Partner abgeben, da dürftest du ihn auf der Bühne küssen, öffentlich, ohne dass du dabei ins Gerede kommst. Spitze, oder? Hast du dir das schon überlegt?“

Georg Klügg war feuerrot geworden, zumal Bertram so laut sprach, dass sich einige Fahrgäste umdrehten und sie angafften. Aber mehr als: „Du bist ein Arschloch“, fiel Georg nicht ein. Jedenfalls hatte ihn Bertram an seiner empfindlichsten Stelle getroffen. Und da Bertram ihn absichtlich verletzen wollte, machte es ihm auch nichts aus, dass Georg ihn so derb beschimpfte.

„Was hast du gesagt? Könntest du es noch einmal wiederholen? Ich habe Dich leider nicht verstanden.“

„Ach, lass mich doch in Frieden!“, hatte Georg hervorgestoßen und versucht, das Thema zu wechseln, um nicht weiter von den fremden Leuten angestarrt zu werden. Eigentlich hatte er sich mit Bertram gar nicht anlegen wollen. Er hatte ja nichts gegen ihn.

Bertram aber, der Georgs Unsicherheit aufgesogen hatte wie ein Schwamm, hatte noch eins draufgesetzt: „Vielleicht bin ich ja als Arschloch von Interesse für dich, wer weiß?“

Damit hatte er sich umgedreht und Georg einfach stehen lassen, hatte ein zerfleddertes Taschenbuch aus der Schultasche hervorgeholt und so getan, als lese er. Georg hingegen war kopfschüttelnd von der Haltestelle weggegangen, um nicht mit den gaffenden Leuten im gleichen Bus fahren zu müssen. Er hatte sich sehr geschämt; es schien ihm, als würden alle sehen, was in ihm vorging.

 

An einem Sonntag im Oktober, eine Woche nach dem großen Kirchweihfest, traf Bertram auf dem Heimweg nach dem Hochamt Hans Rummel und Vroni, um die Hans seinen Arm gelegt hatte. Als die beiden Bertram bemerkten, waren sie, wie ihm schien, ziemlich verlegen, taten aber ganz unbefangen und wollten sich nichts anmerken lassen. Dabei blickten sie drein, als habe man sie auf frischer Tat beim Klauen von Unterhosen ertappt. Bertram war es egal, dass Vroni nun mit Hans ging. Vroni hingegen war sehr unsicher, hatte sie doch erst vor wenigen Tagen noch mit Bertram herumgeschmust, und nun ging sie mit Hans, Bertrams Freund, Händchen haltend von der Kirche nach Hause. Und Hans hatte auch keinen Ton darüber verloren, dass er jetzt mit Vroni zusammen war.

Bertram rezitierte, ohne zu grüßen und noch bevor er auf gleicher Höhe mit den beiden war, aus dem Stück, das sie für den Bunten Abend einübten und in dem er Klothilde, die Frau des Ritters Kunibert, spielen würde:

„Schaut sie nur an, ihr lieben Leute: Sind nicht sehenswert die beiden? Ist sie nicht ein reizend Wesen, schön, gebildet und belesen, sittsam, tugendreich und mild? Unverkennbar Mutters Bild! - Kind, wie hab ich um dich Angst, dass du mal daneben langst! Was schlägst du deine Augen nieder? Oh, blick mich an! Sei nicht so z'wider! Ich erkenn mit Mutteraugen: Etwas will dir heut nicht taugen. Welcher Kummer nagt an dir? Oh liebe Tochter, sag es mir!“

Darauf konnte Hans nur mit einem gequälten Lächeln sagen: „Das ist ja aus unserem Theaterstück. Hast du schon so viel gelernt?“

Bertram, ohne auf diese Verlegenheitsbemerkung einzugehen, fasste Hans am Ärmel, zog den Freund ganz nah zu sich heran und flüsterte ihm ins Ohr: „Hey, du kannst sie haben. Sie stinkt aus dem Maul. Du hast es sicher schon gemerkt. Halitosis ist übrigens eine Krankheit!“ - „Hali, was?“, wollte Hans perplex wissen.

„Na, Halitosis, krankhafter Mundgeruch. Ich kann so etwas auf den Tod nicht ausstehen. Sie mag es übrigens gern, wenn man an ihrem linken Ohrläppchen saugt.“

Vroni war gesenkten Hauptes weitergegangen, dann blieb sie stehen, drehte sich um, ging gequält lächelnd einige Schritte rückwärts, doch sah man ihr die Unsicherheit an. Offenbar war ihr das alles peinlich, und sie genierte sich vor den beiden Freunden. Bertram wartete die Reaktion von Hans nicht ab, lief Vroni hinterher und gab ihr einen kräftigen Klaps auf den Hintern. Dann rannte er so schnell er konnte nach Hause. Ganz außer Atem stürmte er in die Küche, wo die Familie bereits um den gedeckten Tisch versammelt war, um stehend das Tischgebet zu sprechen. Der Vater bedachte den zu spät kommenden Bertram mit einem langen, vorwurfsvollen Blick.

 

Beim Essen gab sich Bertram entspannt und ungezwungen und erzählte von der großartigen Predigt, die Pfarrer Bauer heute gehalten und in der er gegen die heruntergekommene Moral der Jugend gewettert habe. Vorehelicher Geschlechtsverkehr sei immer noch eine Todsünde, hatte er ausgeführt. Aber das scheine unserer Jugend ja egal zu sein, oder sie verdränge es einfach. Und schuld daran trügen nicht etwa die Eltern, sondern einzig und allein diese sogenannten Sexidole, wie diese heruntergekommene, impertinente Brigitte Bardot. Sie würden von unseren Zeitschriften, den Kinos und dem Fernsehen zu Stars gemacht. Und diese leeren, substanzlosen Idole der Jugend ließen sich ganz ungeniert nackt fotografieren. Am schlimmsten aber seien diese Hottentotten-Musiker aus England, diese Beatles und Rolling Stones und wie sie alle hießen. Musik würden sie das nennen, was diese Gammler da fabrizierten. In Wirklichkeit handle es sich doch nur um grauenhaften Lärm, und um weiter nichts. Dies jedoch sei der Niedergang der europäischen Kultur. Unter Musik verstehe er, der Pfarrer, etwas ganz anderes, zum Beispiel Walzermusik, die Gregorianischen Choräle, die Werke von Bach oder Mozart oder aber auch unser wunderschönes Volksliedgut. Daran aber scheine unsere Jugend nicht mehr interessiert zu sein. Wo würde das noch hinführen, endete er.

Die Eltern hörten Bertram erstaunt und nicht ohne Stolz zu, wie aufmerksam der Sohn offensichtlich die Predigt verfolgt habe.

Als Bertram mit dem Essen fertig war, fragte er den Vater, ob er aufstehen und auf sein Zimmer gehen dürfe, da er noch ein wenig lernen müsse. Und als der Vater, ohne ihn anzusehen, wortlos nickte, stand Bertram auf, schlug seinem Bruder im Vorbeigehen schnell und von Eltern unbemerkt den Ellbogen ins Kreuz und ging eilig auf sein Zimmer, legte sich aufs Bett und sann auf Rache an Hans und Vroni.

Josch 20.03.2017, 11.07

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