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Minderwertigkeit und Größenwahn

Über Minderwertigkeit und Selbstüberschätzung

Beim ziellosen Schmökern in alten Büchern am grauen Oktobersonntag stieß ich auf den Satz von Eleanor Roosevelt: „Niemand kann dir das Gefühl der Minderwertigkeit geben ohne deine Zustimmung.“ Das Zitat ließ mich nicht mehr los. Ich überlegte, in welchen Situationen ich mich minderwertig fühle oder fühlte. Mir fiel die Schule ein. Vor allem in der Grundschule gab es häufig Situationen, in denen ich mich minderwertig fühlte, was sowohl vom Lehrer als auch von Mitschülern verursacht war. Vom Lehrer, wenn ich etwas nicht wusste, nicht gelernt hatte oder wenn der „Pädagoge“ mich mit anderen, besseren Schülern meiner Klasse verglich. Und Mitschüler lösten häufig Minderwertigkeitsgefühle in mir aus, wenn im Sport zwei Mannschaften gewählt wurden und ich zu den letzten Kandidaten gehörte, die man notgedrungen nehmen musste. Dieses furchtbare, diffuse Gefühl kann ich selbst heute noch, knapp 60 Jahre danach, ganz gut nachempfinden. Mit dem Minderwertigkeitsgefühl ging das Gefühl der Ablehnung einher. Ich überließ es den Mitschülern, sich über mich zu erheben. Kinder sind diesbezüglich rigoros. Da zählt häufig nur der Starke, der Champion, der Star. Bei manchen Ballspielen gehörte ich eben nicht zu den Starken. Und ich hatte in diesen Sportarten auch kein Idol, weil mich damals Mannschaftssport nicht besonders interessierte.



Der Respekt des Pädagogen gegenüber dem Schüler

Schwerwiegender war allerdings die „Ablehnung“ durch den Lehrer, der mir expressis verbis Mitschüler vor Augen stellte, die sich nicht so blöd anstellten wie ich. Je älter ich wurde, desto besser konnte ich mich allerdings gegen solche „Pädagogen“ wehren. Ich habe sie einfach ignoriert und mich oft aus „Dankbarkeit“ respektlos verhalten. Ich frage mich allerdings, wie in einem jungen Menschen solche Gefühle entstehen können. Trägt nicht vor allem das familiäre, soziale Umfeld dazu bei, dass junge Menschen ein übertrieben gelangweiltes, herablassendes Benehmen an den Tag legen? Wenn das so ist, dann wurzelt das Problem weit tiefer als auf den ersten Blick angenommen. Es sind also nicht die familienfernen starken Erwachsenen, die in einem Kind Minderwertigkeitsgefühle auslösen. Sich ohnmächtig und hilflos fühlen, sind vorwiegend kindliche Gefühle, die sich manifestieren, wenn sie nicht aufgearbeitet oder aufgefangen werden.


Minderwertigkeit selbst gemacht

Minderwertigkeitsgefühle können leicht ins Gegenteil umschlagen: in Selbstüberschätzung, Überheblichkeit und Größenwahn, in Arroganz, Hochnäsigkeit und Selbstgefälligkeit. Nach dem Verständnis Eleanor Roosevelts heißt dies ja, Minderwertigkeit kann nur entstehen, wenn wir es zulassen, dass andere uns herablassend behandeln und uns das Gefühl geben, weniger Wert zu sein und wir uns also minderwertig vorkommen.

Der Minderwertigkeitskomplex, wie Sigmund Freud den Zustand beschrieb, gründet in der Kindheit, in einer Entwicklungsphase, in der der Mensch noch nicht in der Lage ist, über seine Gefühle zu reflektieren und sie richtig einzuordnen. Durch die liebevolle Zuwendung der Mutter, die das Kind bestätigt und ihm das Gefühl bedingungsloser Annahme und Geborgenheit gibt, kann der Minderwertigkeitskomplex aufgefangen werden bzw. erst gar nicht entstehen. Über diese Zusammenhänge wissen wir heute wesentlich besser Bescheid als noch unsere Eltern, Großeltern und Urgroßeltern.


Sich gegen maßloses, herabwürdigendes Verhalten wehren

Wenn man sich dies klar macht, dann durchschaut man auch übertriebene Machtansprüche, Größenwahn und exzessives Machoverhalten und kann damit besser umgehen. Dann kann man solchen Menschen deutlich machen, dass man sich eben nicht abwerten, herabwürdigen und wie Menschen zweiter Klasse behandeln lässt. Vielleicht sind dies auch nur Binsenweisheiten. Aber meines Erachtens lohnt es sich, gerade in Zeiten vermeintlicher Machtdemonstrationen von Chefs, Politikern oder auch Vereinspräsidenten sich immer wieder zu verdeutlichen, dass solch verqueres, pöbelndes, arrogantes Verhalten nur Ausdruck eines Minderwertigkeitskomplexes ist. Ein solcher Platzhirsch kann sich nur großartig finden, wenn er andere Menschen niedermacht und ihnen zeigt, wer das Sagen hat und welche Würstchen sie sind. Man macht andere klein, damit man selbst groß herauskommt. Und genau hier trifft die Aussage von Eleanor Roosevelt zu: Es liegt an mir, ob ich meine Zustimmung zur Herabwürdigung gebe, ob ich mir das gefallen lasse. Wenn ich mich niederducke, wenn ich nicht gegen Maßlosigkeiten und Verunglimpfungen aufbegehre, wenn ich dem anderen das Gefühl gebe, ich sei seinem Geltungsdrang hilflos ausgeliefert, dann trage ich selbst dazu bei, dass ich mich minderwertig fühle. Es gehört schon eine ganz schöne Portion Mut dazu, sich immer wieder zu widersetzen, aufzustehen, zu zeigen, dass man nicht alles mit sich machen lässt. Manchmal fühlt man sich im ersten Moment sogar ziemlich allein, als kämpfe man gegen Windmühlen, als sei man von allen guten und bösen Geistern verlassen. Aber dann siegt das Gefühl eigener Stärke und Würde, das glatte Gegenteil von Minderwertigkeit.

Manchmal gelingt es nur, wenn man sich über herabwürdigende Situationen mit einem Menschen austauscht, dem man vertraut und den man mag.

Josch 29.10.2018, 17.21

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