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Revolusi. Indonesien und die Entstehung der modernen Welt

»Es lebe die Freiheit!«

»Es lebe die Freiheit« rief Hans Scholl laut, bevor das Fallbeil herunterfiel und ihn tötete. Und Sophies letzte Worte vor der Hinrichtung waren: »Die Sonne scheint immer noch!« Der Henker Johann Baptist Reichhart sagte später, dass er noch nie jemanden so tapfer sterben gesehen habe wie Sophie Scholl. »Sinn und Ziel des Geschwister-Scholl-Preises ist es, jährlich ein Buch jüngeren Datums auszuzeichnen, das von geistiger Unabhängigkeit zeugt und geeignet ist, bürgerliche Freiheit, moralischen, intellektuellen und ästhetischen Mut zu fördern und dem verantwortlichen Gegenwartsbewusstsein wichtige Impulse zu geben." Der Geschwister-Scholl-Preis wird seit 1980 verliehen. Demzufolge wurde der Preis in diesem Jahr zum vierundvierzigsten Mal verliehen.



Am 28. November 2023 wurde der Preis David van Reybrouck für sein Buch »Revolusi. Indonesien und die Entstehung der modernen Welt« verliehen. Das Buch über die Befreiung Indonesiens aus der Kolonialherrschaft ist ein mitreißender Bericht von außergewöhnlicher Aktualität. Er schildert das Streben einer jungen Generation von Indonesierinnen und Indonesiern Ende des Zweiten Weltkriegs nach einem Leben in Freiheit und Selbstbestimmung. »Seit Jahrzehnten hatten Indonesier für die Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Niederlande gekämpft, im August 1945 wurde sie vom späteren Präsidenten Sukarno proklamiert. Es folgte ein mehrjähriger, brutaler Krieg, mit dem die Besatzer Indonesiens ihre Macht und Unterdrückung stabilisierten. David van Reybrouck habe jahrelang recherchiert und mit fast 200 Zeitzeugen gesprochen, schreibt der Suhrkamp Verlag, in dem das Buch erschienen ist. Und weiter: »In Nepal interviewte Reybrouck Gurkha-Soldaten, in Australien einen der wenigen indonesischen Kommunisten, die die Massaker 1965/66 überlebten, in Nordholland einen 1914 auf Sumatra geborenen Fürstensohn: Djajeng Pratomo ging zum Studium nach Leiden, schloss sich dem Widerstand gegen die deutsche Besatzung an und überlebte das KZ Dachau. Ihre Erinnerungen verknüpft van Reybrouck zu einer historischen Erzählung, deren Sog man sich kaum entziehen kann.

 Beeindruckend, ja herausragend

Zwei Reden waren bei der diesjährigen Preis-Verleihung außergewöhnlich, ja herausragend aus den vielen Reden, die bei ähnlichen Anlässen oft gehalten werden. Es war einmal die Rede des Laudators Lukas Bärfuss und es war die Rede des Preisträgers selbst. Lukas Bärfuss, Georg-Büchner-Preisträger von 2019, würdigte nicht nur die unglaubliche Leistung des Preisträgers, die mit der Recherche an seinem Buch verbunden war, er stellte vor allem immer wieder den Bezug zur Weißen Rose her, zu Hans und Sophie Scholl, indem er aus ihren Flugblättern zitierte. Hans und Sophie Scholl, Christoph Probst, Willi Graf, Alexander Schmorell und Kurt Huber wählten für die Freiheit den Tod, so der Laudator. Und er fragt: »Wer von uns wäre bereit, dasselbe zu wählen?

Er spricht gewissermaßen die Besucher, die geladenen Gäste der Veranstaltung direkt an. David Reybrouck hat sich an den Geschwistern Scholl ein Beispiel genommen. »Und wir alle sollten uns ein Beispiel nehmen an David Reybrouck…«, dessen Buch von geistiger Unabhängigkeit zeugt, von seinem moralischen und intellektuellen Mut. Von Mut zeugt es, wenn Reybrouck schreibt: »Wenn selbst eine 2013 erschienene, gründliche Biografie Wilhelms I., der wie kein anderer König der Niederlande die Geschichte Niederländisch-Indiens geprägt hat, kaum auf die Kolonialpolitik dieses Monarchen eingeht, dann haben wir ein Problem. Während der Herrschaft Wilhelms I. fand der blutigste aller Kolonialkriege statt, der Java-Krieg von 1825 bis 1830, der mehr Menschenleben kostete als der Dekolonisationskrieg und sogar der zerstörerischste Krieg war, den die Niederlande je geführt haben, doch die Biografie widmet ihm gerade vier Sätze.«

 

Es braucht Mut

Nicht nur die Thematisierung dieser Gräuel zeigt Reybroucks Mut. Es sind vor allem die Bezüge zur Gegenwart, die von besonderem Mut zeugen. So schreibt er beispielsweise: »Als das britische Meinungsforschungsinstitut YouGov im Dezember 2019 der Frage nachging, welches europäische Land besonders stolz auf seine koloniale Vergangenheit sei, lagen die Niederlande weit vor den anderen. Nicht weniger als 50 Prozent der Befragten erklärten, stolz auf auf das frühere Imperium zu sein.« In Großbritannien waren es 32 Prozent, in Frankreich 26 und in Belgien 23 Prozent. »94 Prozent der Menschen in den Niederlanden schämen sich nicht für die kolonialen Verbrechen.« David van Reybrouck stellt sich mit seinem Buch »gegen jene 94 von 100 Menschen (…) Wer so redet wie David Reybrouck wird in der Regel nicht ausgezeichnet. In der Regel wird er geschnitten. Im Beruf, im Betrieb, unter Verwandten und Freunden…«

 

Die Dankesrede des Preisträgers

In seiner Dankesrede ließ der Preisträger in beeindruckender Weise immer wieder Sophie und Hans Scholl zu Wort kommen. Es war, als würden die beiden Freiheitskämpfer direkt zu den geladenen Gästen sprechen. Am Tag vor der Verhaftung Sophie Scholls schrieb sie in einem Brief an ihre beste Freundin, wie sehr sie Schuberts Forellenquintett genossen habe. »Am liebsten möchte ich da selbst eine Forelle sein. Man kann ja nicht anders als sich freuen und lachen …« Fünf Tage später war sie tot. Reybrouck führt weiter aus: 2016 »hatte ich in einem entlegenen Dorf in den Dünen von Nord-Holland einen Mann von 102 Jahren gesprochen. Er war nur einige Jahre vor dir geboren, lieber Hans, und er hatte auch eine kurze Zeit Medizin studiert, wie du. Ihr hättet bestimmt gut miteinander auskommen können, glaube ich. Auch er machte sich mit einigen Studiengenossen große Sorgen um die Politik seiner Zeit. Auch er war der Meinung, dass Schweigen keine Option war. Auch er wählte die gefährliche Einsamkeit, die Mut heißt. Djajeng Pratomo war sein Name, er war geboren in Batavia, das derzeitige Jakarta, und 1936 war er als Student nach Holland gekommen, dem Land des Kolonisators. Es gab damals nur 800 Indonesier in den Niederlanden, und von ihnen gingen fast hundert schon bald in den Untergrund, wissen wir seit der bahnbrechenden Studie von Hermann Keppy, der heute Abend auch zugegen ist.

Als ich mit Djajeng Pratomo über jene Zeit sprach – der Regen schlug gegen die Scheiben, das Helmgras peitschte in den Dünen – sagte er: Wir entschieden uns, zuerst den Faschismus zu bekämpfen und erst dann den Kolonialismus. Und so halfen er und seine niederländische Freundin Stennie Streitschriften zu drucken, Zeitungen zu verteilen, Juden dabei zu helfen unterzutauchen. Wegen dieser Aktivitäten wurden sie verhaftet und landeten im niederländischen Konzentrationslager Vught. Später wurde Stennie nach Ravensbrück und er nach Dachau versetzt…«

 

David van Reybrouck: Revolusi. Indonesien und die Entstehung der modernen Welt. Suhrkamp Verlag. Berlin 2022. 751 Seiten. 34,00 € (gebunden), 20,00 € (Klappenbroschur), 29,99 € eBook.

Dr. David van Reybrouck, geboren 1971 in Brügge, Schriftsteller, Dramatiker, Journalist, Archäologe und Historiker. 

Abbildung: Sophie Scholl 

Josch 03.12.2023, 21.57

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