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Schonzeit vorbei

„Das wird man ja wohl noch sagen dürfen …“

… rechtfertigen sich Menschen, wenn sie ihre rechtsextremen oder rassistischen Ansichten ohne Scheu verbreiten. Es sind keine Einzelfälle, wie Juna Grossmann in ihrem Buch „Schonzeit vorbei. Über das Leben mit dem täglichen Antisemitismus“ beschreibt und mit vielen persönlichen Erlebnissen belegen kann. Und das nicht erst, seit es die AfD gibt, deren Parteivorsitzender zwölf Jahre Terror, Vernichtung und unbeschreibliche Gewalt als Vogelschiss bezeichnet. Eine solche Äußerung macht fassungslos, es bleibt einem die Spucke weg. Aber genau dieses Verstummen vor solchen Äußerungen ist es, das Juna Grossmann in ihrem Buch beklagt. Im Klappentext heißt es dazu: „In Deutschland nimmt der Hass auf Juden zu. Täglich berichten die Medien über öffentliche Bedrohungen, Mobbing an Schulen und gewalttätige Übergriffe … der Antisemitismus in der gesamten Gesellschaft wächst seit Jahren – und wird seit Jahren immer unverhohlener gezeigt.“



Wegbereiter der Ausgrenzung

Im Kapitel „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ beschreibt die Autorin am Beispiel des früheren FDP-Parteivorsitzenden Jürgen Möllemann, wie latenter Antisemitismus wieder salonfähig werden konnte. Rigoroses Machtstreben macht vor nichts und niemandem Halt. Möllemann und sein Bruder im Geiste, Jamal Karsli, einst nordrhein-westfälischer Landtagsabgeordneter der Grünen, dann Eintritt in die FDP, machen – wie heute die ewig gestrigen Parteigranden der AfD – mit der Ausgrenzung, mit zynischen Bemerkungen über Menschen, die ihrer Ansicht nach nicht deutsch sind, Wahlkampf. Und ihre Äußerungen fallen auf fruchtbaren Boden.

Wer einmal auf solche Ungeheuerlichkeiten aufmerksam gemacht wurde, wird zunehmend hellhörig für versteckte und offen ausgrenzende, antisemitische Haltungen und Aussagen, wie „Irgendwann muss doch mal Schluss sein mit diesem Gedenken“ oder: „Ich bin kein Antisemit, aber …“ oder ganz offen: „Früher wär der doch vergast worden!“ Mit solchen Aussagen und Zurufen wurden wir auch schon 1969/70 bedacht, als wir mit Straßentheater unter anderem auf dem Marienplatz in München gegen den Vietnamkrieg protestierten.


Über die Zuschauer der Gewalt

Es erinnert mich auch an die Rede Wolfgang Sofkys, die er 1993 anlässlich seiner Rede zur Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises für sein Buch „Die Ordnung des Terrors. Das Konzentrationslager“ hielt und in der er „über die Zuschauer der Gewalt“ sprach. Er unterschied darin die Unbeteiligten, die am Ort des Geschehens vorüber gehen und allenfalls einen Blick zur Seite werfen. Sie wollen nichts bemerken, was sie selbst betreffen könnte. Dann gibt es nach Sofsky den Interessierten, den neugierigen Zuschauer, der sich auch nicht einmischt, der jedoch am Ort der Gewalt bleibt. „Er zieht die Vorhänge nicht ganz zu, sondern späht aus sicherem Fensterwinkel auf die Straße.“ Und Sofsky führte weiter aus, dass vom Beobachter zum begeisterten Zuschauer nur ein kleiner Schritt sei. „Der Voyeur hält sich heraus, der begeisterte Zuschauer applaudiert, treibt an, wiegelt auf. Er bejubelt die Gewalt.“ 

An all dies werde ich wieder erinnert, wenn ich Juna Grossmanns Buch lese. Viele Beispiele in ihrem Buch handeln von ihrer Arbeit im Jüdischen Museum in Berlin, dem ich nahezu jedes Mal, wenn ich in Berlin bin, einen Besuch abstatte.


Moralischer Mut braucht Unterstützung der Mitmenschen

Wolfgang Sofsky sagte damals: „Die Bedingungen für Humanität sind nicht sonderlich günstig. Gesellschaft erzeugt nicht automatisch Solidarität … Die Tugenden der Humanität sind weder abrufbar noch herstellbar. Der Appell an die Zivilcourage, die Beschwörung der Zivilgesellschaft ist hilflos. Moralischer Mut benötigt soziale Voraussetzungen. Er fällt leichter, wenn der Einzelne nicht völlig alleine dasteht, wenn er sich von, und seien es noch so kleinen, Gruppen unterstützt weiß.“

Und weil es Antisemitismus weiterhin in Deutschland gibt, appelliert Juna Grossmann an die Mitbürger: „Steht zu uns, helft uns, greift ein! Denn auch für euch ist die Schonzeit vorbei.“ 

Dem kann ich mich nur voll und ganz anschließen. Zwar sind wir, wie Max Mannheimer immer sagte, nicht für die Untaten der Nazis verantwortlich, doch sind wir dafür verantwortlich, dass so etwas nie wieder passiert. Und dazu gehört die nachvollziehbare Forderung Juna Grossmanns, dass es vor allem eine neue Pädagogik in den Schulen und zu Hause braucht. Eine Pädagogik, die für Ungerechtigkeit, Diskriminierung, Ausgrenzung, Hass und Gewalt sensibilisiert. Denn ohne Empathie und Wachsamkeit gibt es keine Zivilcourage. Und die ist dringend notwendig.


Juna Grossmann, geboren 1976 in (Ost-)Berlin, studierte Sonderpädagogik und leitet seit 2009 das Ausstellungsbüro eines Berliner Museums. Ihr Blog: irgendwiejuedisch.com

Juna Grossmann: Schonzeit vorbei. Über das Leben mit dem täglichen Antisemitismus. © 2018 Droemer Verlag. München. ISBN 978-3-426-27775-1. 14,99 €

Wolfgang Sofsky: Die Ordnung des Terrors. Das Konzentrationslager. © 1993 S. Fischer Verlag. Frankfurt. ISBN 978-3-596-13427-4. 19,99 €

Josch 29.01.2019, 17.38

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