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Schweigend steht der Wald

… und aus dem Nebel steiget das Grauen deutscher Wirklichkeit

Anja Grimm macht ein Forstpraktikum in dem Dorf in der Oberpfalz, in dem vor zwanzig Jahren ihr Vater im Wald spurlos verschwand. Sie nimmt auf einer Lichtung Bodenproben, die auf ungewöhnliche, zunächst nicht erklärbare Vorgänge hinweisen. Als sie bei ihrer Arbeit eines Tages vom geistig beschränkten Xava mit einer Waffe bedroht wird, ist ihr klar, dass dieser Wald und die Bewohner des nahen Dorfes, das am Ende der Welt zu liegen scheint, etwas verbergen, was die Bodenproben ihrer Grabungen nahelegen. Völlig unverständlich ist Anja, warum Xava einige Tage später seine bettlägerige Mutter erschlägt und er sich kurz darauf in der psychiatrischen Klinik das Leben nimmt. Dabei hätte sie ihn unbedingt noch sprechen wollen, glaubt sie doch, dass er ihr mehr über das Verschwinden ihres Vaters hätte sagen können, als die stur und beharrlich schweigenden Dorfbewohner es tun.



Dann werden die sterblichen Überreste ihres Vaters entdeckt. Man hat ihn offenbar in diesem Waldstück ermordet und wie einen Hund verscharrt. Ihr Vater war Lehrer und war einem Geheimnis auf der Spur. Da zur gleichen Zeit, als er im Dorf mit Frau und der damals achtjährigen Tochter Anja Urlaub machte, Franz-Josef Strauß mit einem italienischen Spitzenpolitiker die nahegelegene KZ-Gedenkstätte Flossenbürg besuchte, kamen den Dorfbewohnern nicht nur deswegen seine Nachforschungen mehr als ungelegen.

 

Figurenarsenal

So stumm wie der Wald, so verstockt und verschwiegen sind die Bewohner des Dorfes. Doch Anja gibt nicht auf und macht schließlich einen grauenhaften Fund unter dem Bett der ermordeten Mutter Xavas. Da dämmert ihr allmählich, warum Rupert, ihr Freund aus Kindertagen und Erbe der Höfe von Xava und seiner Eltern, exakt an der Grabungsstätte einen Märchenwald plant … Dabei sind die Gräuel der Vergangenheit, die Stück für Stück ans Tageslicht kommen, alles andere als Märchen, sondern Tatort der Schergen und ihrer willigen Helfer aus dem Dorf beim Todesmarsch der Häftlinge durch den Wald, der schwarz und schweigend steht …

 

Blaupause und Hintergründe

Der Film beruht auf dem gleichnamigen Roman von Wolfram Fleischhauer. Gedreht wurde der Film vom 19. April bis 21. Mai 2021 in Weiden in der Oberpfalz. Weiden ist etwas mehr als 20 km vom ehemaligen Konzentrationslager Flossenbürg entfernt, in dem etwa 30.000 Menschen ermordet wurden, unter ihnen zum Beispiel Dietrich Bonhoeffer und Wilhelm Canaris. Weitere Drehorte waren Floß, Eslarn, Neustadt an der Waldnaab und das Naturschutzgebiet Doost in der Nähe von Floß. Alles sehr authentisch.

Die eindringliche Bildsprache entspricht nicht den üblichen Sehgewohnheiten, wo es nicht schnell genug gehen kann und wo es nur um action geht. Die poetisch eindringliche Bildsprache, begleitet von oft minutenlanger Stille, in der weder ein Dialog noch eine überbordende Unheilmusik alles zudröhnt, machen den Film zu etwas Besonderem, bewirken, dass einem einzelne Bilder nicht mehr aus dem Kopf gehen.

 

Vergebliche Mühen einzelner Schauspieler: der Dialekt

Das einzige, was mich, der in Weiden geboren ist, störte, ist der von den Schauspielern gesprochene, vermeintlich originale Dialekt, der aber leider aus einem Mischmasch von Oberbairisch, Niederbairisch und einigen Brocken Südoberpfälzisch besteht. Lediglich Christina Baumer, geboren in Tirschenreuth, beherrscht logischerweise den originalen Dialekt der Nordoberpfalz. Mir ist durchaus bewusst, dass ein originaler Dialekt die Vermarktung des Films erheblich erschweren würde. Aber dann sollte man besser nicht so tun, als würde man den Dialekt beherrschen.

 

Fazit

Mich hat der Film sehr berührt. Er ließ viele Erinnerungen in mir aufsteigen, zum Beispiel, wenn ich als Kind mit meinem Vater an Flossenbürg vorbeifuhr und er vom Konzentrationslager Flossenbürg erzählte, oder wenn ich als Jugendlicher mit der Schule die Gedenkstätte besuchte.

Ich kann den Film nur empfehlen. Er ist in erster Linie ein Beitrag gegen das Vergessen, zumal in einer Zeit, in der es nur noch wenige Zeitzeugen gibt. „Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren“, zitiert eine Freundin den damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker in ihrem neuesten Blogbeitrag auf: Zettelskrom.com

 

Schweigend steht der Wald. Regie Saralisa Volm. Mit Henriette Confurius, Noah Saavedra, Robert Stadlober, August Zirner, Johanna Bittenbinder, Johannes Herrschmann, Moritz Katzmair u.a.

Erscheinungsjahr 2022. 95 Minuten

Josch 09.11.2022, 21.39

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Kommentare zu diesem Beitrag

1. von Christel Boßbach

Der Dialekt der Heumatregion scheint mir für alle, die nicht von dort stammen, eine kaum zu lernende, fremde Sprache zu bleiben. Meint eine, die mit Kölsch(Vater) und bergischem Platt (Mutter) sprechen lernte. Und deshalb früh mit der Rolle der "Dolmetscherin" vertraut war. Später dann auch zwischen akademischen Fachsprachen und allgemein verständlichem "Zeitungsdeutsch".

vom 11.11.2022, 13.53
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